Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 10 DIEÄELT 217 Ausgestaltung zionistischer Versammlungen schätzbare Dienste leisten kann. Die Jugendbewegung leidet noch unter dem Mangel geeigneter Leiter. Die Federation of American Zionists ist eifrigst bemüht, geeignete und willige Kräfte zu veranlassen, die Leitung der Jugendzirkel zu übernehmen. Zionistische Massenkundgebungen Die angekündigte Serie von Massenversammlungen am Chamisho Osser be Sch'wat in New York hat stattgefunden und einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen, wenn auch der Tod Dr. Radins wie ein Trauerflor über der Stimmung der Versammlungen lag. Besonderes Interesse erweckte die Teilnahme Mr. Samuel Straus', Herausgebers des New York Globe, der sich für nicht weniger als drei Versammlungen zur Verfügung gestellt hatte. Samstag Abend sprach er vor der Collegiate Zionist Leagueln der Columbia-Universität und am Sonntag je einmal im University Settlement und in dem Hörsaal der Erziehungsalliance. Seine Ausführungen machten auf alle Zuhörer einen nachhaltigen Eindruck. In Manhattan fanden fünf, in Brooklyn drei Massenversammlungen statt; in Brooklyn waren die Versammlungen besonders vom finanziellen Standpunkt aus sehr befriedigend. ooooooooo s^sr ■s^. NACHRICHTEN "SS oooooooo 3 Österreich (Von unserm Berichterstatter) Burians Wortbruch Baron Burian hat ein Doppelspiel getrieben. In Wien hat er Gleichberechtigung versprochen, seinem Ziviladlatus, Baron Benko, sandte er nach Sarajewo entgegengesetzte Instruktionen. Wir teilten schon mit, daß in der von der Regierung veranstalteten Enquete sämtliche Redner, Serben und Moslems, sich für die Vertretung der Juden im bosnischen Landtag ausgesprochen haben. Allen voran der Bürgermeister der Hauptstadt Sarajewo, die die Hälfte aller Juden des Landes beherbergt. Von einer Volksstimmung gegen das Wahlrecht der Juden ist also nicht die leiseste Spur zu merken. Wer hat sich gegen die Gewährung des gleichen Rechtes gestemmt? Der Ziviladlatus, Baron Burians Sprachrohr! Mit einer geradezu staünenerregenden Einmütigkeit äußerten sich die von der Regierung erkorenen und ernannten Vertreter des bosnischen Volkes für die Schaffung eines jüdischen Wahlkörpers. Die Regierung ist es, die das gleiche Recht verweigert, die ihr feierlich gegebenes Wort schnöde bricht! Handelt es sich um nationale Wahlkurien, dann beruft man sich auf die offiziellen Repräsentanten der jüdischen Gemeinden, die die Zumutung der nationalen Vollberechtigung weit von sich weisen.« Hinter dem Deckmantel der konfessionellen Duldung wird das Recht der jüdischen Volksmassen erdrosselt. Daß die nationale Enttäuschung auch auf politischem Gebiete ein nutzloses Opfer ist, beweist der Kampf ums Wahlrecht in Bosnien. Will man die Juden entrechten und politisch wehrlos machen, dann tut man es auf dem Boden konfessioneller „Gleichheit" ebenso gut wie auf nationalem Gebiete. Ob Nation, ob Konfession, ist einerlei. Das gleiche Recht wird verweigert. Die Regierung beruft sich auf die kleine Anzahl der Juden. Ein Abgeordneter soll auf 25 000 Seelen entfallen, Juden gibt es kaum 12000. Wir sehen vom Hinweis auf die hohe Steuerleistung der Juden ab. Für die Regierung sollte sie freilich richtunggebend sein. Die Einwände der Landesregierung sind hinfällig, da es sich eben darum handelt, eine Minderheit zu schützen. Die Schwäche der Minderheit darf doch kein Grund für den völligen Wahlrechtsraub sein. Baron Burian muß an sein verpfändetes Manneswort energisch gemahnt werden. Ministerpräsident Dr. Wekerle über das Wahlrecht der bosnischen Juden Endlich zwingt das an den bosnischen Juden begangene Unrecht auch die jüdischen Abgeordneten des ungarischen Reichstages zur Stellungnahme. Der Obmann des Annexionsausschusses des ungarischen Parlaments, Hof rat Dr. Visontai, wandte sich an den Ministerpräsidenten Dr. Alexander Wekerle mit der Bitte, seinen Standpunkt in der Frage der Vertretung der Juden Bosniens Jm bosnischen Landtag zu präzisieren. Dr. Wekerle gab folgende Erklärung ab: „Ungarn stand und stellt auf dem Standpunkte der vollen Gleichberechtigung. Diesem Prinzip wird die ungarische Regierung auch bei der Feststellung der bosnischen Verfassung Geltung verschaffen, sobald ihr dieselbe zur Überprüfung und Zustimmung vorliegen wird. In Konsequenz dieses Standpunktes wird sie selbstverständlich auch für die Gleichberechtigung der Juden in Bosnien und der Herzegowina eintreten. Es kann gar nicht in Frage kommen, daß die Juden vom passiven Wahlrechte ausgeschlossen werden. Ich bin übrigens dahin informiert, daß den Juden ein Mandat bereits zugesichert ist, denn der Präsident der Sarajewoer Judengemeinde wird in dieser Eigenschaft als Virilist in dem zu schaffenden Vertretungskörper Platz nehmen. Ich glaube nicht, daß eine Amtsperson die Erklärung abgegeben hat, daß das Judentum vom passiven Wahlrechte ausgeschlossen bleiben soll. Geschah dies aber dennoch, so ist die Erklärung auf einen Irrtum zurückzuführen." Obermäßig klar ist freilich die Enunziation Dr. Wekerles wirklich nicht. Jedenfalls läßt sie Deutungen zu. Nicht um eine Virilstimme wird gestritten. Auch nicht um das papierne Recht der passiven Wählbarkeit. Das aktive Wahlrecht der Juden Bosniens ist bedroht, indem man sie in griechisch-orthodoxen, katholischen oder mohammedanischen konfessionellen Wahlkörpern aufteilen will, was zunächst ein Unsinn ist. Ferner bedeutet es, die Juden als staatlich anerkannte „Religionsgemeinschaft" für minderwertig und für eine Konfession zweiter Güte zu erklären, wenn man das Recht der Landesbewohner, in eigenen konfessionellen Kurien zu wählen, auf sie nicht ausdehnt. Es wäre erwünscht, daß die Regierungen Österreichs und Ungarns in diesem Sinne informiert werden. Es wäre ein Armutszeugnis für die Juden der gesamten Monarchie, wenn sie dem Häuflein der bosnischen Juden zu ihrem guten Rechte nicht verhelfen könnten, zu einem Rechte, das niemand bedroht. Bezalel*Erzeugnisse im Jüdischen Museum Samstag den 27. und Sonntag den 28. vorigen Monats wurden Erzeugnisse der Jerusalemer Kunstgewerbeschule „Bezalel" im Wiener Jüdischen Museum ausgestellt. Ein zahlreiches, hauptsächlich zionistisches Publikum drängte sich in die engen Räume des Museums auf der Praterstraße, um die Bezalel-Arbeiten zu besichtigen. Es ist eine kleine, recht niedliche Sammlung, vom Jüdischen Kolonisationsverein dem Museum geschenkt. Am besten sind die Silberfiligranarbeiten vertreten, reizende kleine Schmucksachen, auch solche für religiöse Zwecke. Eine Miniatur-Megillarolle fällt auf. Viel Geschmack und Sorgfalt in der Ausführung. Schön ist auch eine kleine Bildersammlung in anmutigen Holzrahmen. Die Teppichabteilung, die wertvollste des „Bezalel", ist hier leider ungenügend vertreten: einige kleine einfache Teppiche zum Schmücken der Wände, die Palästinalandschaften darstellen. Eine größere, reichhaltigere Bezalel-Ausstellung wäre notwendig und könnte für die segensreich wirkende Institution sehr förderlich sein. Ausländerhetze im Krankenverein Der glorreiche Versuch der deutschradikalen Studentenschaft, alle nichtdeutschen Hochschüler aus der Mensa zu verdrängen, ließ ja durchblicken, auf welch menschenfreundlichen Bahnen die deutschnationalen Jünger der Wissenschaft wandeln. Galt der Vorstoß damals den hungernden Kollegen, so wandte sich nunmehr radikaldeutscher Heldenmut gegen die kranken Studiengenossen. In der vorige Woche stattgefundenen Vollversammlung des akademischen Kranken-Unterstützungsvereins, dessen Protektor der Kaiser ist, wurde ein Antrag eingebracht, wonach Ausländer nicht mehr 6 Kronen, sondern 30 Kronen Jahresbeitrag zahlen müssen. Der Antrag bedeutet den Ausschluß der Ausländer aus dem Krankenverein und trifft vor allem die in Wien studierenden Juden aus Rußland. Es kann doch einem Hochschüler nicht zugemutet werden, daß er einen 30 Kronen hohen Beitrag leisten wird. Der Antrag wurde nach einer bewegten Debatte, in deren Verlauf die Redner der Opposition vergeblich die großen Schatten Schillers und Goethes anriefen, zum Beschuß erhoben. Der Beschluß ist nicht gegen die Ausländer schlechthin gerichtet. Daß die Redner fortwährend die „Russen" in Schutz genommen haben, trägt auch nicht dazu bei, Klarheit zu schaffen. Die Gelüste