Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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polen und ihr Organ „Slowo polskie" wüten daher über Löwenstein und üfrer die Juden. Jeden Tag erscheinen neue Angriffe auf die jüdische Bevölkerung, und sogar die assimilatorische Partei findet keine Schonung mehr. Die Juden sind — nach der Behauptung des Slowo polskie — verkappte Hakatisten, welche für die Germanisation Galiziens Propaganda machen; die Juden sind es, die den polnischen Boden den Ruthenen und Deutschen verkaufen, sie sind die Verräter des polnischen Landes,. Galiziens. Es wurden auch Gerüchte laut, daß eine Parteikonferenz der Allpolen stattgefunden hat, in welcher über das Verhältnis zu den Juden beraten wurde; auf dieser Konferenz sollte nach den Berichten mancher Zeitungen ein Beschluß gefaßt worden sein, daß die Partei ihr Verhältnis zu der jüdischen Bevölkerung Galiziens einer Revision unterwerfen muß. Nicht ohne Einfluß scheint auf die galizischen Allpolen die starke antisemitische Färbung ihrer Partei in Russisch-Polen geblieben zu sein. So verschwindet allmählich die Legende von einer vermeintlichen judenfreundlichen Gesinnung der polnischen Bevölkerung. Rußland Baron Horaz Qünzburg Petersburg, 2. März (Privattelegramm). Baron Horaz Günzburg ist heute nacht an einem Krebsleiden gestorben. Baron Horaz Günzburg war geboren am 8. Februar 1833 in Zwenigorodka, Gouvernement Kiew, wo er auch erzogen wurde. Nach dem Krimkrieg übersiedelte sein Vater, damals schon ein wohlhabender Kaufmann und Armeelieferant, mit seiner Familie nach St. Petersburg. Baron Horaz trat zum ersten Male 1863 in die Öffentlichkeit als einer der Gründer der Gesellschaft zur Förderung der Aufklärung unter den Juden. Er war eines der hervorragendsten Mitglieder der Gesellschaft und folgte seinem Vater nach dessen Tode im Jahre 1878 im Vorsitz des Vereins, ein Ehrenamt, das er bis zu seinem Tode bekleidet hat. Er war der Hauptförderer des Vereins und widmete ihm außerordentlich viel Zeit und Arbeitskraft. Sehr populär wurde er unter den Juden durch seine unermüdlichen Bemühungen zur Besserung der gesetzlichen Verhältnisse seiner Brüder, ein Werk, dem er sich mit nie versagender Hingabe widmete. Mit gleichem Eifer trat er für die materielle und ökonomische Hebung der Lage der Juden in Rußland ein. 1870 war er einer der Sachverständigen, die von der Kommission zur Beratung der Judenfrage unter dem Vorsitz des Minister des Innern vernommen wurden. Im Jahre 1882 präsidierte er der großen jüdischen Versammlung, die mit Erlaubnis der Regierung in Petersburg stattfand. Als im Jahre 1887 unter dem Präsidium des Grafen Pahlen eine neue Kommission zur Beratung der Judenfrage zusammentrat, wurde er aufgefordert, daran teilzunehmen. 1880 wurde er Mitglied des Direktoriums der Kommission für die Schaffung einer Gesellschaft zum Zwecke der Verbreitung des Ackerbaues unter den Juden. Seit 1893 bekleidete er den Vorsitz im Zentralkomitee der jüdischen Ackerbaugesellschaft. Eine der jüdischen Kolonien in Argentinien ist nach seinem Namen benannt. Im Jahre 1890 wurde er zum Vorsitzenden der Gesellschaft zur Förderung der Hygienie und des Wohnwesens gewählt. Auch in der jüdischen Gemeinde von St. Petersburg bekleidete Baron Günzburg mehrere Ehrenämter, so das des Vorsitzenden der Synagoge. Auch war er der Leiter der anläßlich der Hochzeit des Zaren Nikolaus II. errichteten nichtkonfessionellen Schule. Auch mit andern Institutionen nichtjüdischen Charakters war Baron Günzburg nahe verbunden. So war er Ehrenmitglied des Komitees des Fürst Oldenburg-Asyls seit 1863 und seit 1876 Ehrenmitglied des Vereins zur Besserung der Lage armer Kinder in St. Petersburg. Von 1868 bis 1872 war er Generalkonsul von Hessen- Darmstadt. Vom Großherzog von Hessen-Darmstadt erhielt er auch im Jahre 1871 den Titel Baron, nachdem ihm der Zar die Erlaubnis zur Annahme derNobilitierung erteilt hatte. 1880, 1884 und 1888 erhielt er nacheinander die Titel eines Kommerzienrats, Staatsrats und Mitglieds des Handelsrats im Finanzministerium. Vor vielen Jahren war er auch einmal Stadtverordneter von St. Petersburg, bis er infolge eines neuen Gesetzes, das die Wahl von Juden zu Stadtverordneten verbot, sein Amt niederlegen mußte. Auch an der Börse bekleidete er viele Ämter, insbesondere bei den Wohltätigkeitsanstalten der Börse. Das Petersburger Archäologische Institut ernannte ihn zum Vorstandsmitglied. Wiederholt wurde er von der Regierung eingeladen, an Kommissionsberatungen bei der Ausarbeitung von Gesetzentwürfen mitzuwirken. Bis in sein hohes Alter hinein wurde er regelmäßig bei der Beratung von Finanzgesetzen als Sachverständiger von der Regierung hinzugezogen. Der siebzigste Geburtstag des Barons Günzburg gestaltete sich zu einer Feier, an der die Judenheit in ganz Europa und auch an vielen Plätzen Amerikas herzlichst Anteil nahm. Damals erhielt er von der russischen Regierung den St. Annenorden I. Klasse. Eine neue Wohnrechtsbeschränkung für die Juden in Sicht Aus Petersburg schreibt man uns vom 23. Februar: Abermals wird eine Beschränkung des Judenwohnrechts geplant. Bekanntlich dürfen jüdische Kaufleute erster Gilde (einer Steuer im Betrage von 800—1000 - Rbl.) aus dem Ansiedlungsgebiete sich auch außerhalb dieses Rayons zeitweilig aufhalten oder Handelsangestellte dorthin für bestimmte Zeitfristen entsenden, um daselbst Wareneinkäufe zu besorgen. Wer die kommerzielle Entwicklung Rußlands kennt, weiß auch, daß diese Vergünstigung nicht mit Rücksicht auf die Juden, sondern infolge der engen Handelsbeziehungen zwischen den verschiedenen Landesgebieten eingeführt worden ist. Vor kurzem hat sich nun der Gehilfe des Minister des Innern, Kryschanowski, an den Senat mit dem Ersuchen gewandt, das Gesetz dahin zu erläutern, daß die Polizei die betreffenden Kaufleute bzw. ihre Handelsangestellte in jedem einzelnen Aufenthaltsfalle außerhalb des Ansiedlungsgebietes genau kontrollieren solle, ob sie die Waren, und zwar nur die Waren ihrer Branche auch wirklich einkaufen. Zu welchen Plackereien und Erniedrigungen dies bei der russischen Polizeiverhältnissen führen würde, ist klar. Die ganze Vergünstigung würde unter solchen Bedingungen überhaupt nun noch sehr wenig in Anwendung kommen. Als der Senat früher einmal sich mit diesem Vorschlag befaßte, hat er ihn kurzerhand als ungesetzlich zurückgewiesen. Anders jetzt! Selbst gegen die Einholung eines Gutachtens seitens des Handelsministers über die Folgen, die daraus für den Handel eventuell entstehen könnten, sprach sich ein Teil der Senatoren des Departements I, das sich mit der Angelegenheit zu befassen hatte, aus, so daß demnächst der gesamte Senat die Frage des Gutachtens zu entscheiden haben wird. Da aber der Vertreter des Ministeriums des Innern schon bei der erwähnten partiellen Senats- Verhandlung gegen alle Propositionen auf sachliche Prüfung, die der Handelsministergehlife Ostrogradski vertrat, energisch Front machte, so ist wohl kaum anzunehmen, daß die neue Beschränkung abgelehnt werden wird. Türkei Eine jungtiirkische Kundgebung für den Zionismus Zu einer bemerkenswerten Kundgebung für den Zionismus kam es gelegentlich eines Vortrags, den der bekannte türkische Abgeordnete Dr. Riza Tewfik, einer der prominentesten Führer der Jungtürken, am 20. Februar in Balat, einer Vorstadt Konstantinopels hielt. Der Vortrag war veranstaltet vom Verein der jüdischen Jugend und behandelte die Judenfrage. Am Schlüsse seiner Ausführungen bat der Redner, ihm Fragen zu stellen. Auf die Frage eines der Zuhörer: Kann nach ihrer Ansicht ein guter Ottomane Zionist sein?" antwortete Dr. Riza Tewfik wie folgt: „Gewiß! Ich selbst bin Zionist. Der Zionismus ist im Grunde nichts anders, als der Ausdruck der Solidarität, der das jüdische Volk charakterisiert. Was ist das Ziel des Zionismus? Ein menschenfreundliches: für die unglücklichen Glaubensgenossen ein freundlicheres Vaterland zu finden, wo sie als freie Menschen, im Genüsse ihrer Rechte leben können. Die Mittel des Zionismus sind ausschließlich friedlich. Palästina ist Ihr Land mehr als das unsrige,' wir sind erst viele Jahrhunderte nach Ihnen die Herren des Landes geworden. Es heißt, unserm gemeinsamen Vaterlande einen Dienst erweisen, wenn man es unternimmt, dieses unbebaute Land, Palästina, zu kolonisieren. Ihre Nation hat unvergleichliche Eigenschaften für den Handel; Ihre Volksgenossen sind nüchtern und betriebsam. Sie werden dieses verwüstete Land wieder aufrichten, Sie werden alle Ihre Fähigkeiten in den Dienst unseres teuren Vaterlandes stellen, und ich versichere Ihnen, daßes niemals an meiner Mithilfe fehlen wird, um dieses Ziel zu erlangen."