Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 9 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316362--51655-3345307- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Auch außerhalb des Parlamentes denkt niemand an die Verteidigung jüdischer Interessen. Die offiziellen Häupter der jüdischen „Konfessionen" (!), die neologe und orthodoxe Landeskanzlei führen in ihrer Presse einen gegenseitigen Vernichtungskampf und haben daher keine Zeit, allgemeinjüdischen Fragen ihr Interesse zu schenken; die Volksmassen, die allgemein von gut jüdischen Gefühlen beseelt sind, huldigen unglücklicherweise einem grenzenlosen Autoritätsglauben und werden daher mit Leichtigkeit von den offiziellen Juden niedergehalten. Die offiziellen Juden vernachlässigen jedoch nicht nur die wirtschaftlichen Interessen der Judenheit, sondern kümmern sich auch um ihre kulturellen Bedürfnisse nicht im geringsten. Wohl besitzt die Neologie einen Landesliteraturverein, der reich dotiert bei gehöriger Leitung eine segensreiche Tätigkeit entfalten könnte; heute jedoch führt dieser Verein, abgesehen von einem halben Dutzend Vorlesungen in Budapest und der alljährlichen Herausgabe eines gutredigierten Almanachs, nur ein Scheindasein, das Volk nimmt von seiner Tätigkeit keine Kenntnis. Diesem Mangel eines jedweden jüdischkulturellen Lebens soll nun ein neuer Verein, der „Ungarischisraelitische Landeskulturverein" abhelfen, dessen endgültige Konstituierung für den 28. Februar angesagt ist. Der neue Verein soll auf „patriotischer Basis".durch Schaffung jüdischer Bibliotheken, Veranstaltung von Vorlesungen, Herausgabe von Zeitschriften usw. die Anhänglichkeit an den „jüdischen Glauben" stärken. An der Spitze der Bewegung steht der Budapester Rabbiner Dr. Hevesi. Wenn der Verein den Anforderungen, die wir an einen jüdischen Kulturverein stellen, auch keineswegs gerecht wird, so wünschen wir ihm dennoch eine gedeihliche Entwicklung, da er geeignet ist, in der assimilierten Judenheit das Interesse fürs Judentum wachzurufen. Unsere Aufmerksamkeit verdient auch noch ein zweiter Verein, der, seit vierzig Jahren bestehend, jetzt daran geht, sein Tätigkeitsgebiet bedeutend zu erweitern. Es ist dies der „Israelitische Gewerbe- und Agrikulturverein", der die jüdische Jugend dem Handwerk und Ackerbau zuführen will. Der Verein geht jetzt an die Gründung einer Farm zur Heranbildung geschulter Gärtner. Es stehen für diesen Zweck bisher ca. 300000 Kr. zur Verfügung, die noch fehlenden 100000 Kr. soll, wie verlautet, gegen 1 °/o Verzinsung und 1 12 u'o Amortisation soeben die J. C. A. zur Verfügung gestellt haben. Um das Aufblühen des Vereins hat sich der am 31. Januar im 64. Lebensjahre verstorbene Hofrat, Advokat und Universitätsprofessor Dr. Armin Neu mann besondere Verdienste erworben. Dr. Armin Neuniann hatte seine Karriere als armer Jeschiwah-Bachur begonnen und es aus eigner Kraft zu einer sehr geachteten Stellung gebracht. Er gehörte in Ungarn auf juristischem Gebiete zu den ersten Autoritäten des Landes und schrieb auch ein mehrbändiges grundlegendes Werk über ungarisches Handels- und Wechselrecht. Trotz seiner hohen Stellung nahm er arn jüdischen Leben Ungarns lebhaften Anteil und gehörte auch dem leitenden Ausschuß der Budapester Kultusgemeinde an. Seine Arbeit stellte er besonders in den Dienst des genannten Gewerbeurid Agrikulturvereins, den er seit vielen Jahren als Präsident leitete. Sein Lieblingsplan war, einen Teil der ungarischen Juden bodenständig zu machen; mit der Bodenständigkeit hoffte er die Judenfrage zu lösen, doch es gelang ihm nicht, seine Pläne zu verwirklichen, und auch die Gärtnerfarm, für die er jahrelang gearbeitet hat, wird erst jetzt nach seinem Tode geschaffen. K. N. Österreich (Von unserm Berichterstatter) Bosnische Sorgen Das Schicksal der Juden Bosniens ist noch nicht entschieden. Werden sie eine Vertretung in dem zu schaffenden Landtag erhalten? Minister Baron Burian hat es versprochen, der Huldigungsdeputation der bosnischen Juden hat er feierlich erklärt, daß ihr gutes Recht ihnen nicht vorenthalten werden wird. Trotzdem tauchen fortwährend beunruhigende Gerüchte auf, ein Beweis dafür, daß in Österreich Ministerworte und Regierungsversprechen nicht viel gelten. Daran ist Baron Burian selbst schuld. Denn in allen Informationen, die er den Vertretern der Presse erteilt, sowie in allen Enunziationen, die sich auf das bosnische Wahlrecht beziehen, vergißt der Minister regelmäßig, der jüdischen Wahlkreise, Erwähnung zu tun. In maßgebenden Kreisen glaubt man an eine akute ministerielle Gedächtnisschwäche und befürchtet, daß auch die Zusage, die der spaniolischen Huldigungsdeputation gegeben wurde, in Vergessenheit geraten könnte. Die Leitung des Bundes der israelitischen Kultusgemeinden Österreichs hielt Donnerstag den 11. d. M. eine Sitzung ab, 2U der auch die jüdischen Abgeordneten zugezogen wurden. Gegenstand der Beratung war eine Aktion zur Sicherung des Wahlrechts der Juden Bosniens und der Herzegowina. In letzter Stunde kommt aus Sarajewo eine beruhigende. Nachricht. Die Regierung hat zur Beratung der Verfassung des neuen Reichslandes eine Enquete einberufen, zu der auch ein Spaniole als Vertreter der Judenheit Bosniens zugezogen wurde. Es gewinnt den Anschein, als hätte die Regierung die Absicht, ihr Wort doch einzulösen. Es ist aber nicht überflüssig, die Äugen offen zu halten. Inzwischen haben die Verhandlungen der Kommission begonnen. Wie uns ein Telegramm meldet, haben sich die Vertreter fast aller Parteien nachdrücklich für das Wahlrecht der Juden ausgesprochen. Baron Hirsch-Schulen Die Baron Hirs:h-Stiftung unterhalt in Galiziert mehrere Volksschulen, in der letzten Zeit erregte der Beschluß des Kuratoriums, einige dieser jüdischen Schulen aufzulösen,, großes Aufsehen. Die Volksbildung in Galizien leidet doch nicht an Überfluß von Bildungsstätten. Noch verwunderlicher sind die Kommentare, die z. B. an die Auflösung der Baron Hirsch-Schule in Zaleszczyki geknüpft werden. „Slowo polskie" motiviert den Entschluß damit, daß das Lehrerpersonal die zionistische Propaganda gefördert hat. Es wäre tief bedauerlich, wenn die Baron Hirsch-Stiftung, die sich bis jetzt nur von sachlichen Beweggründen leiten ließ, sich dazu hergeben sollte, dem galizischen Landesschulrat politische Schergendienste zu leisten. Rußland (Von unserem Berichterstatter) Die antisemitische Strömung Bisher pflegte man allgemein zu behaupten, Antisemitismus bestehe in Rußland nur bei der Regierung. Die barbarischen Ausschreitungen der niederen Volksmassen seien weniger der Ausfluß antisemitischer Strömungen der Masse selbst, als das Ergebnis einer von oben vorbereiteten und geschürten Hetze, an der das Volk selbst nur als ausführendes Organ beteiligt sei. In der Tat konnte man noch vor kurzem auch in der Gesellschaft einen kulturellen Antisemitismus kaum wahrnehmen. Das ist aber in der letzten Zeit anders geworden. Seitdem in Rußland politische Parteien entstanden sind, seitdem der elementare Haß der „Schwarzen Hundert" seinen Ausdruck in der vortrefflich organisierten Partei des „Verbandes des russischen Volkes" gefunden hat, seitdem der gesellschaftliche Antisemitismus zum Programmpunkt verschiedener Parteien geworden ist, ist eine allumfassende'Kampforganisation gegen die Juden entstanden." Antisemit sein ist jetzt nicht mehr gleichbedeutend mit ungebildet und roh sein, Angehörige der gebildeten und nicht nur sozial vornehmsten Kreise bekennen sich offen zum Antisemitismus. Bei der Debatte über den Ausschluß der Juden aus der Armee, die s. Zt. in der Duma so lebhaft geführt wurde, sprach sich ein so gebildeter und fortschrittlicher Mann, wie Baron Meyendorf, Vize-Präsident der Duma, dafür aus, die Juden gegen ein gewisses Entgelt von der Militärpflicht zu befreien. Inzwischen ist es mehrfach vorgekommen, daß die reaktionäre russische Regierung in der Judenfrage einen fortschrittlicheren Standpunkt vertrat, als die Mittelparteien der Duma, die doch in ihren Reihen eine ganze Anzahl geistig bedeutender Männer zählen. Diese wachsende antisemitische Stimmung innerhalb der gebildeten Kreise erschwert die Lösung der Judenfrage viel mehr, als hundert Regierungspressionen. Der jüdische Deputierte Nisselowitsch hofft inzwischen weiter auf eine Besserung der Verhältnisse. Das infolge seiner Anregung gebildete Komitee, das sich aus Vertretern verschiedener jüdischer Parteien zusammensetzt, und den beiden jüdischen Dumadeputierten beratend zur Seite steht, hat sich die Beschaffung des erforderlichen literarischen und statistischen Materials zur Aufgabe gemacht, um die verschiedenen Forderungen der Juden auch theoretisch begründen zu können. Das Fehlen dieses Materials hat?ich bereits wiederholt sehr störend bemerkbar gemacht. Aus der jüdischen Literatur In der jüdischen literarischen Welt herrscht große Bewegung- Unter dem Titel „Jewrejskij Mir" ersehen eine neue Monatsschrift in russischer Sprache, die in ernster und würdiger Weise die Beleuchtung des jüdischen Lebens vr.m Standpunkt der nationalen Kultur verfolgt. Außerdem soll in der nächsten Zeit in Odessa eine Monatsschrift „Mollodaja Schisn" und in Lugansk eine illustrierte Wochenschrift für die jüdische Jugend erscheinen. Der Verein „Chowewe Sfat Ewer" unternimmt eine große Aktion zur Pflege der Aufklärung, der Literatur und der Sprache.