Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-02-26 · 9 (26.2.1909) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
9 (26.2.1909)
Date
1909-02-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316362--51654-3345306
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 9 — - . - die: Trennung verursachen kann, da eine solche Auffassung einen Teil der Juden aus der niederländisch - israelitischen kirchlichen Gemeinschaft treibe. Ein — schon bestehendes — Komitee wurde beauftragt, die nötigen Schritte zu unternehmen, damit die Rechtsgleichheit in der Qroninger Gemeinde und der Friede wiederhergestellt werde. Die Versammlung hatte und hat noch jetzt einen überaus großen Erfolg und wird im ganzen Lande viel besprochen. Inzwischen hat der Bundesvorstand den Anfang gemacht mit der Ausführung neuer Maßregeln, welche nicht nur die Stadt Groningen, sondern das ganze Land umfassen. Amerika I Dr. Adolf M. Radin I Am 4. Februar starb in New-York Dr. Adolf M. Radin, Mitglied des Exekutivkomitees der Federation of American Zionists, Rabbiner an der People's Synagogue des Verbandes für Unterricht und jüdischer Geistlicher in den Gefängnissen des Staates New-York. Er starb im 60. Lebensjahre. Dr. Radin war geboren in Neustadt in Russisch-Polen im Jahre 1848. Er studierte an russischen Jeschiboth und war ein Schüler der Rabbiner ßezalel Asch und Samuel Rossin. Nachdem er in verschiedenen Städten Preußens und in Lodz (Russ. Polen) Rabbinatsstellen bekleidet hatte, kam er im Jahre 1884 nach New- York. Doit erhielt er nach kurzer Zeit den Posten des Rabbiners der People's Synagogue, den er bis zu seinem Ende bekleidet hat. Dr. Radin war der Typus des modernen Rabbiners, dessen Haupttätigkeitsgebiet mehr auf sozialem als auf geistlichem Gebiete yKELT ■ 197 liegt. Mit nie versagender Tatkraft widmete er sich der Hebung der Lage der jüdischen Einwanderer in New-York. Es gab in Wahrheit kaum eine jüdische Institution im Eastend, an der er nicht überaus tätigen Anteil genommen hätte. Alle jüdischen Fragen erregten in gleichem Maße sein Interesse. Seine große Sachkenntnis, seine unerschöpfliche Hingabe, sein ausgezeichnetes Rednertalent machten ihn zum gesuchtesten jüdischen Redner New-Yorks. Er zählte Freunde in allen Kreisen der amerikanischen Judenheit. Der zionistischen Sache war er mit einer geradezu rührenden .Hingabe verbunden. Er war einer der besten Arbeiter innerhalb des amerikanischen Zionismus und hat der Federation of American Zionists unschätzbare Dienste geleistet. Mit besonderm Eifer widmete er sich der Verbreitung der hebräischen .Sprache. Sein Begräbnis gestaltete sich zu einer großartigen Kundgebung der Beliebtheit, deren sich dieser ausgezeichnete Vorkämpfer des Judentums in Amerika erfreute. 10000, nach einer andern Version gar 40000 Menschen nahmen an dem Leichenbegängnis teil. Obwohl Radin ein ausgesprochener Reformrabbiner war, fand seine Bestattung in der einfachen, schmucklosen Weise des orthodoxen Rituals statt. Eine einzige Fahne wurde im Zuge mitgeführt, das Banner der Zionisten, und lag während der Leichenfeier zu Füßen des Sarges. Ansprachen hielten Dr. Abelson, der den Verstorbenen als den Freund der Einwanderer kennzeichnete, Rabbi Schocher, der der Bedeutung Radins als Rabbiner und Prediger gedachte, Rabbi Jaches, der ihn als Menschenfreund feierte, und Dr. J. Jasin, Sekretär der Federation of American Zionists, der die zionistische Tätigkeit des Entschlafenen hervorhob. Die eindruckvollste Rede hielt Masliansky, der des Verstorbenen als Menschen gedachte. Der Name des Verblichenen wird in seinen Werken fortleben. ooooooooo NACHRICHTEN OOOOOOOOO] Ungarn (Von unserem Berichterstatter) Budapest, 14. Februar Vor wenigen Jahren noch hieß es allgemein, 'Ungarn sei ein liberales Land, wo von Antisemitismus nicht die geringste Spur zu finden wäre. Und als.es bereits zu wetterleuchten begann, und die Anzeichen einer neuen Ära immer häufiger wurden, da galt bei der ungarischen Judenheit noch immer das Dogma: Der Magyar e werde niemals Antisemit sein. Wenige Jahre haben genügt, den felsenfesten Glauben zu erschüttern, die Tatsachen haben auch die ungarische Judenheit belehrt, daß' die Judennot keine Grenzen kennt. Die liberale Judenpresse konstatiert mit Wehmut den völligen Niedergang des Freisinns und das mächtige Umsichgreifen des klerikalen Antisemitismus. Über Nacht war es gekommen: Die klerikale Volkspartei, die noch gestern über kaum ein Dutzend Abgeordnetenmandate verfügte, verstand es wohl, in kurzer Zeit das ganze Land von Grund aus aufzuwühlen und den Judenhaß zur vollsten Blüte zu bringen. Vorerst hatte sie es auf die Jugend abgesehen, und nachdem es ihr gelungen war, durch zahllose „Mariakongregationen" die Mittelschulen und „St. Emmerichvereine" die Hochschulen zu erobern, schickte sie sich voriges Jahr an, nunmehr auch die breiten Volksmassen unter ihre Herrschaft zu bringen: sie begründete den „katholischen Volksbund", der nach kurzem, einjährigem Bestehen bereits übers ganze Land verbreitet ist und einen sehr bedeutenden Teil der katholischen Bevölkerung umfaßt. Diese Machtstellung im Volke verleiht der Volkspartei Mut, im politischen Leben provokatorisch aufzutreten; kein Tag vergeht, daß es zwischen Volkspartei und den übrigen Parteien der Koalition nicht zu Reibungen käme; die Volkspartei fühlt sich augenscheinlich bereits stark genug, der Koalition entbehren zu können. Die Volkspartei beherrscht trotz ihrer Minderheit schon heute das politische Leben Ungarns, das gesellschaftliche Leben ist ihr dank ihrer ausgezeichneten Verbindungen vollends ausgeliefert. Die Gesellschaft, und zwar nicht allein die hohe, sondern auch die bürgerliche, ist judenrein und wird für antisemitische Schlagwörter immer empfänglicher. Erst dieser Tage spielte sich in der Presse ein für die neue Sinnesrichtung sehr charakteristischer Fall ab: Das Berliner Deutsche Theater führte neulich den „Teufel" von Molnär und die „Lehrerin" von Brody mit gutem Erfolge auf. Ein Teil der reichsdeutschen Presse benutzte diese Gelegenheit, um aus dem Milieu der beiden Stücke auf das gesellschaftliche Leben in Ungarn abfällige Schlüsse zu ziehen. Dies war Grund genug, über die Autoren, die zufälligerweise beide Juden sind, herzufallen, und nicht nur die ausgesprochen antisemitische Presse, sondern selbst „Budapesti Hirlap" stellten die These auf, nur ein Rassenmagyare könnte ungarisch fühlen und ungarisch schreiben, — ein Jude nimmer. Es sind dies dieselben Töne, die seinerzeit aus alldeutschem Lager erschollen sind. — Die antisemitische Presse führt eine systematische Hetze gegen alles Jüdische, ohne daß es dem Staatsanwalt in den Sinn käme, einzugreifen. „Alkotmäny" z. B. bringt seit Wochen tagtäglich angeblich wissenschaftliche Artikel, in welchen auf Grund „künstlich*4 kombinierter statistischer Daten nachgewiesen wird, daß die Juden ganz Budapest in Besitz genommen haben, und daß Ungarn von galizischen Einwanderern regiert würde. Das Blatt geht in seinen Anfeindungen sogar so weit, das statistische Amt der wissentlichen Fälschung zugunsten der Juden zu zeihen. Dem gesellschaftlichen Antisemitismus folgt der gouvernementale auf dem Fuße: Jüdische Mittelschullehrer erhalten, sofern sie keinen Taufschein beibringen, keine Anstellung; die Ernennung von jüdischen Richtern gehört zu den größten Seltenheiten, im autonomen Verwaltungsdienste (Komitat und Stadt) gibt es überhaupt keine Juden. Überdies ist die Regierung bestrebt, die Juden aus ihren alten Positionen zu verdrängen. Im Finanzministerium werden jüdischen Schankwirten systematisch die Schanklizenzen entzogen, unter der Patronanz des Ackerbauministeriums werden überall Konsumgenossenschaften gegründet und auf diese Weise Tausende jüdischer Existenzen an den Bettelstab gebracht. Gegenwärtig wird im Parlamente ein neues Stetiergesetz verhandelt, das die Mittel zur Deckung der ungeheuren Lasten der letztjährigen Budgets herbeischaffen soll. Die Steuerreform ist so gedacht, daß das riesige Plus der Lasten auf die Schultern der Merkantilen übergewälzt, — hingegen den Agrariern von ihren Lasten ein Teil abgenommen werde. Da aber in Ungarn Merkantiler und Jude synonyme Begriffe sind, wird die Steuerreform hauptsächlich nur von Juden verspürt werden und bedeutet daher einen neuen Schritt auf dem Wege ihrer fortschreitenden Verelendung. Und doch wagte von den 21 jüdischen Abgeordneten, die im Parlamente sitzen, bloß ein einziger, Sändor Pal, gegen diesen neuesten Angriff sein Veto zu erheben. Das Stillschweigen der übrigen jüdischen Abgeordneten in dieser sowie in allen andern jüdischen Fragen ist um so auffallender, als sonst in jeder Debatte gerade die Juden eine führende Rolle spielen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.