Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 9 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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„Ich habe vor einiger Zeit da oben ein Paket versteckt, das meinen Freunden gehört," meinte er flüchtig. „Das verstehe ich nicht, konntest du es nicht hier verbergen?" fragte Taube. „Kannst dich über nichts anderes mehr wundern, als darüber!" meinte Boruch humoristisch. „Chaim, frage ihn, was er im Paket habe!" rief Taube gepreßt und ängstlich. Da wurde Boruch über und über rot. „Nun, Revolverchen sind hier, was ist da sich zu wundern? Wißt Ihr nicht, das heute die Schlacht losgeht?" Und als er sah, das Taube wie versteinert stehen blieb und auch Chaimel mit einem Ruck sich im Diwan aufsetzte und ihn groß anblickte, da wollte er alles vorwegnehmen und er sprach hastig fort: „Nun, das ist doch ganz natürlich, sie wollen uns schlagen, und wir müssen uns wehren. Wer werden uns doch nicht von ein paar betrunkenen Barfüßlern wie das dumme Vieh hinschlachten lassen!" Taube schluchzte auf. Aber Chaimel richtete sich noch mehr im Diwan auf und sprach, Boruch fest ins Auge fassend, in einem Tone, in welchem Ernst und Wärme gepaart waren: „Also du gehst hin, mit ihnen ringen, Mann gegen 'Mann, — du, ein Sohn des auserwählten Volkes, ein Königskind, schätzest dein Leben nicht höher ein, als das Leben irgendeines Iwan oder Peter, — das ist der Stolz. . . . Boruchle, willst du nicht einsehn, daß diese Heimsuchung nur ein Fingerzeig ist, eine Mahnung umzukehren! Ihr Jungen habet euch einen frechen Schritt angewöhnt. Ihr wollet gegen die tausendfach Stärkern auftreten. Wisset doch: die materielle Welt ist nicht unser. Wir besitzen eine andere, stillere Welt, eine weit kostbarere, heimlichere .... Hüten wir sie! dann mögen sie kommen; denn jeder Schlag wird uns neu festigen. Dann lachen wir über sie. Aber ihr, die ihr euch klug dünkt, ihr lasset euch von ihnen herauslocken aus eurem sichern Versteck, auf den offenen, blutigen und häßlichen Kampfplatz der materiellen Welt, wo ihr doch die unendlich schwächern seid, und wo ihr gewiß unterliegen werdet". Boruch schüttelte ungeduldig verneinend das Haupt: „Wir sind gar nicht so schwach. Wenn wir uns auf uns selbst besinnen, dann sind wir stark genug, um unsern Teil in der Welt zu erobern. Die Welt ist nicht so arm, wie ihr, die ihr euer Leben im Beth- Hamidrasch zugebracht habt, es vermeinen wollt. Sie hat hohe schöne Werte, die des Kampfes und des Erringens wert sind. Ja, kämpfen müssen wir: der Schwache, der Bescheidene wird erdrückt oder zur Seite geschoben. Das Golusjudentum hat uns arm, schwach und bedürfnislos, gemacht, — wir müssen, wieder einmal die Kraft unserer Fäuste zeigen, wir müssen lernen, wieder einmal — Blut riechen. Da brauste Chaimel auf. „Ich aber sage dir, es ist Angst, nichts anderes als Angst und Mutlosigkeit. Nichts mehr erstrebt ihr, als ihnen gleich zu sein, an der gleichen Tafel mit ihnen zu sitzen. Bedenke nur: wer sind wir und wer sind sie, Ihr habet keinen Mut, unsern hohen Besitz zu verteidigen, ihr wollet hinausschleichen zu den Gemeinen, — gemein sein mit ihnen, damit sie euch in Ruhe lassen, denn was wollen sie anders, als unser Edles und Kostbares in den Kot zerren, damit wir ihnen gleich werden". Da sprach Boruch erregt, doch gelassen: „Wir Jungen schätzen das alles eben anders ein. Die Welt ist nicht stehen geblieben. Alles entwickelt sich. Auch das Judentum bekommt eine lebendigere Gestalt. Was stehen bleibt, stirbt ab. Wir wollen das Judentum kräftigen, verlebendigen, — verbleibt mir derweilen gesund, ich muß eilen. Ich habe mit meinen Freunden besprochen: sobald Gefahr ist, so sehen wir nach euch." Als Boruch fort war, schlug Chaimel die Hände zusammen: „Gar nicht möglich, daß sie verstehen, so ganz heraus sind sie, so ganz fremd sind sie uns geworden. Taube, wir mögen die Hände erheben und rufen: Jaubad Jaum — verflucht der Tag, an dem wir geboren!" Taube, die bis nun wie gebrochen an den Tisch gelehnt stand, wurde angesichts seiner Verzweiflung wie neu belebt: „Chaim", rief sie, „du darfst nicht sündigen! Ich fühle es klar: es sind die Zeiten des Gesalbten. Jetzt wird er kommen, jetzt muß er kommen, wie kann es denn anders sein? Gottuniu süßer, es kann doch nicht mehr ärger sein!" „Taube, Taube, komme zu den Gräbern!" hörte man Pessie draußen rufen. Hastig warf Taube das Tuch um. „Jetzt gehe ich, Chaim, beten gehe ich. Sei du nur ruhig. Ich bin auch nur eine arme unwissende .Jüdin, aber ich werde beten mit der ganzen Kraft meiner armen Seele um Meschiach. Sei du nur ruhig!" Sie redete ihm zu, wie einem kranken Kinde, dem man etwas Kostbares zu bringen verspricht, um es zu zerstreuen, während es über Schmerzen klagt. Und seine Blicke hingen an ihr groß und dankbar, als wie an den einzigen Halt, so wie die Blicke eines kranken Kindes an seiner Mutter. /?z o o o o o o o D oooooooll --4 # AUS DER BEWEGUNG ({ O O O o o o I 3> o o o o o o o Schekeltag Die Schekelsammlung hat nunmehr in fast allen Ländern mit größtem Nachdruck eingesetzt. Die uns zugegangenen Nachrichten lassen keinen Zweifel darüber, daß sich die Organisationen allüberall der hohen Bedeutung bewußt sind, die einer energischen Schekelsammlung gerade im gegenwärtigen Moment zukommt. Die allgemeine politische Lage läßt eine Erstarkung der materiellen Mittel der zionistischen Organisation als das dringendste Gebot des Augenblicks erscheinen. Dazu kommt der bevorstehende Neunte Kongreß! Es bedarf keiner langen Überlegung, um zu erkennen, daß dieser Kongreß einer der bedeutsamsten in der Geschichte der zionistischen Bewegung sein wird. In allen Organisationen werden daher jetzt schon die größten Anstrengungen gemacht, um eine starke Ver-