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Die Welt · 1909-02-26 · 9 (26.2.1909) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
9 (26.2.1909)
Date
1909-02-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 9 DIE 3|lE LT 193 Schälchen Tee heruntergeschlürft und fort war er. Ich flehte ihn an: warte ein Weilchen, der Großvater kommt bald vom Maariwgebet. — Ach, immer mehr entfernt sich das Kind von uns." „Schon mehrere Monate, daß wir nicht zusammen in ein jüdisches Buch hineingeblickt", murmelte Chaimel mit Bitterkeit; „er meidet es wie ein frommer Jude das Unheilige." Er versank wieder in Nachdenken, sich von Zeit zu Zeit gequält die Stirn^ reibend. Taube spülte das Geschirr und warf hin und wieder einen mitleidvollen Blick auf die reglos hockende Gestalt Chaimels, auf welcher eine Welt von Mißgeschick zu lasten, schien, und sie dachte daran, welche Veränderung in seinem Qemüte in den letzten paar Jahren, diesen Jahren der Schrecknisse, vorgegangen war. Bis vor wenigen Jahren, als das Beth-Hamidrasch noch von Lernenden, alten und jungen,, bevölkert war, da war Chaimel jederzeit sprudelnd vor. Heiterkeit. Er, der geschätzte Lamdon, das Haupt und der Mittelpunkt des ganzen, Kreises. Besonders die Bochurim schlössen sich ihm innig an. Der kleine Boruch war seine Hoffnung. Da begannen die Schrecknisse. Einzeln und in Paaren zerstoben sie. Den Bochurim wurde das Beth- Hamidrasch zu eng, sie zogen aus „um neue Welten zu schaffen". Die Alten hielt die Ungunst der Verhältnisse zurück. Boruchle, ein sehr geratenes Kind, mußte, da sie ihn nicht mehr ernähren konnten, Erwerb suchen. Er trat in ein Geschäft ein. Jeden Abend besuchte er den Großvater, damit sie gemeinsam einen Schijur lernen. Aber in der letzten Zeit ging auch mit ihm eine Veränderung vor. Er ward das Haupt einer Gruppe von jungen Bochurim, welche alles Bestehende umstürzen wollten und alles Herkömmliche verlachten. Chaimel wurde immer trauriger. „Er ist zu sehr vereinsamt," dachte Taube; „aber was ist zu tun?" „Geh doch, dich hinlegen, — ein wenig ausruhen!" redete ihm Taube zu. Chaimel hatte seine Haltung nicht verändert. Elsaß reglos versunken da. Nur aus den unbeweglichen Augen starrte Hoffnungslosigkeit. Und unvermutet begann er zu murmeln. „Die Verheerung, wer kann das mit ansehn, die furchtbare Verheerung der Körper und der Seelen. Wer kann das Ende absehen? Sie kommen und schlagen uns, — ach,, wie grausam schlagen sie uns! Sie schlagen die Seelen aus den Körpern — bei lebendigem Leibe. An dem Kostbarsten, was wir haben, vergreifen sie sich mit ihren unreinen Leibern. Die Jüdischkeit,, Taube, die Jüdischkeit töten, sie. Sie reißen uns den anmutvollen Schleier vom Gesichte, den Duft der Jüdischkeit vertreiben sie aus den jüdischen Stuben, den teuern, erhabenen Duft, den Teil aus Olam- Habo, den wir schon hier den S'chuß hatten zu genießen. Und wir werden wie sie, so arm und häßlich, — das Taube, ist die große Heimsuchung. Ach, die Gefahr ist so nahe und noch keine Anzeichen der Erlösung". Täube eilte besorgt zu ihm hin: „Nein, nein, nicht verzagen, Chaim; wir Juden sollen nie verzagen. Vergiß nicht: wir haben einen starken, guten Gott". Chaim schüttelte das Haupt. „Er ist stark und gut, aber wir — zerrüttet und krank. Die Jüdischkeit, das Juwel der geistigen Welt — liegt im Staube entwertet.— Taube, die Luft in einer jüdischen Stube, die innigliche Ruhe, die freudige Anmut, das Licht der Tora darüber hingegossen. — war das nicht ein Teil aus dem bessern Leben? Und jetzt, — das Licht erloschen, die Jugend weg, — eip Nebel von Sorge, ein Dunst von Verzweiflung, ohne Vertrauen, ohne Hoffnung". „Chaim, vergiß nicht, es sind schon bösere Zeiten über uns Juden dahingegangen, und immer hat Gott geholfen", tröstete Taube. Da erhob Chaimel seine Stimme: „Böse Zeiten, ja; Ströme Blutes flössen, unbeschreibliche Martern — Versuchungen waren es, Taub#, Versuchungen, welche das Volk glänzend bestanden hat. Sie suchten immer Schutz und Zuflucht in Jüdischkeit, und immer ging die jüdische Neschomo gestärkt und verjüngt hervor. Aber es sind nicht mehr diese Juden, — es sind schwache, zaghafte, elende Menscheri. Wie werden sie diese Versuchung der Versuchungen bestehen?" — Ein längere Pause entstand. Taube wußten ihm nichts zu erwidern. Ihr Gesicht wurde schlaff, und Kummer lagerte zwischen den Mundfalten. Kann's denn wirklich so schlecht sein? Wie sollte sie ihn trösten? Da kam es wie eine Erleuchtung über sie: „Chaim, weißt du, mir ist etwas eingefallen, und ich will es jetzt aussprechen. Möge es in einer solch glücklichen Stunde ausgesprochen sein, daß es in Erfüllung gehe, — Chaim, wenn es wirklich so schlecht ist, daß es nicht ärger sein könnte, kann das bedeuten, daß Meschiachs Zeiten gekommen sind, — ja, Chaim, Meschiach soll kommen". — Jetzt wurde draußen im Korridor ein Geräusch von Ankommenden vernehmbar: „Taube, Taube, bist du zu Hause?" rief eine heisere Frauenstimme. Taube erkannte die Stimme Pessie Feiwels. Sie öffnete die Tür und im Dämmer des Korridors hob sich eine Gruppe von in Tüchern vermummten Gestalten ab. „Taube, wir sind gekommen dich zu holen, wir gehen „Gräber wecken", sprach Pessie düster. Dann schluchzte sie auf. „Ja, wir gehen zu unsern teuern Toten, sife mögen sich unser annehmen. Gewiß vermögen sie viel bei seinem lieben Namen im Himmel. — Was sagst du zu dem Unglück, Taube? Eine solche Heimsuchung!" „Was soll ich euch sagen, meine Lieben? Mein Chaim ist heute nicht wohl. Ich kann erst gehen, wenn er sich zum Ausruhen hingelegt hat". „Dann bleib mir derweilen gesund, Taubele, wir gehen noch zusammenrufen, nachher kommen wir dich holen". „Wohl, wohl, meine Lieben, gehet mir gesund!" Nachdem die Frauen sich entfernt hatten, geleitete sie Chaimel zum alten, geflickten Diwan, half ihm, daß er sich zurechtlegte und deckte ihn sodann mit einem alten Kaftan zu. Jetzt stiegen andere, beunruhigende Gedanken in ihrem. Hirn auf. Boruch was wird aus ihm werden, wenn das Unglück hereinbricht? Da hörte sie plötzlich ein Geräusch, wie von Menschenschritten auf dem Dachboden über ihren Köpfen. Verwundert eilte sie zur Tür, öffnete sie und rief, wer dort sei. Und schon stieg Boruch die Leiter herunter. Zaghaft und verlegen betrat er die Stube, ein Packet unter den Rockschößen verborgen haltend.

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