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Die Welt · 1909-02-26 · 9 (26.2.1909) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
9 (26.2.1909)
Date
1909-02-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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mit Hooligans die Unglücksstadt verlassen^ und daß sie sich mutmaßlich hierhergewendet hätten. In den Qäßchen herrschte außergewöhnliche Bewegung. Ausritte des Schreckeiis, verzweiflungsvolles Wehklagen, lautes, gezwungenes Lachen unterbrachen die gleichmäßig aufstoßenden Wogen eines brandenden Stimmengewirrs. Die Stuben waren leer, alt und jung war auf die Straße getreten. Da und dort hatten sich mitteilsame Gruppen gebildet, die erregt das Schreckliche besprachen. Furcht, Verzweiflung, Ratlosigkeit war auf allen Gesichtern zu lesen. Jene paar Wagen, deren Rädergerassel, vermischt mit dem wüsten Gröhlen der betrunkenen, blutdürstenden Insassen irgendwo auf einer der Landstraßen widerhallte, stachelten die Einbildungskraft der Bewohner des Städtchens zu schreckhaften Vorstellungen auf: das Heer naht, das schwarze Heer der Verdammnis mit Martern und Schrecknissen. Was sollte man tun? Das Notwendigste zusammenraffen und flüchten oder noch abwarten? Einige die beherzt sein wollten lachten über die heillose Bestürzung, die ein unverbürgtes Gerücht verursachen konnte. Wer könne mit Bestimmtheit sagen, daß sie auch hierher kommen würden? Ob an dem Ganzen etwas Wahres sei? Einige junge Leute durchmaßen mit kampflustigen Mienen und zurückgeworfenem Nacken die Mitte der Straße her und hin . . . Mögen sie nur kommen, wir werden sie schon zu empfangen wissen ... Doch dies alles erregte nur Unmut und Spott ... Da hat Gott noch zum übrigen Tröster und Beschützer in der Not beschert, — man bedankt sich schön! Das wird eine schöne Hilfe sein, wenn sich ihnen Leibele und Jankele entgegenstellen, — Helden! Die Hooligans werden gewiß gleich den Schreck davon kriegen; sie haben nie etwas Besseres gesehen. Man könnte lachen, wenn man dazu aufgelegt wäre . . . Oder soll man auf die Tröstungen des Herrn Leon Rat hören? — Was, nicht kommen werden sie? Eine Frage! Wie schickt sich's denn anders? Sie werden doch wohl nicht Rücksicht nehmen auf einen so feinen Herrn, wenn er auch weiße Handschuhe an hat und sich ins Taschentuch schneuzt. Da ist doch die volle Gewißheit schon besser. Da entschließt man sich doch gleich, etwas zu tun, — zu entfliehen, oder sich zu verbergen, oder — oder — oder hinzugehn und sich ihren Äxten und Messern ausliefern, — gleich einerlei. Dicht an den Häusern vorbei huschte in trippelnden Greisenschritten Chaimel Mohilewer. Er kam wie aus einer andern Welt. Er hatte kein Ohr und kein Auge für all die Töne der Furcht, die hier aufschwirrten, für all den Brodem der Angst, der rings aufstieg. Das Haupt gesenkt, den vertrockneten Greisenkörper retortenartig gekrümmt, so schlich er, den schweren Tefilinsack unterm Arm, wie abwesend dahin. Einer Kuh, die ihm entgegenkam, ging er ehrerbietig aus dem Weg, — fast vferneigte er sich vor ihr — und wartete geduldig, bis sie ganz vorüber war. Dann geriet er unversehens in einen Menschenknäuel. „Macht Platz, laßt Reb Chaimel durch!" rief ein altes Weib aus der Gruppe. Und als dieser ohne jemanden zu beachten vorübergetippt war, mit frommem Augenaufschlag: „hm, hm — a Jud, a Zaddik, ist Tag und Nacht in den Dienst des Schöpfers vertan, — o blick herab und hab Erbarmen mit uns, Gottuniu, süßer." „Reb Chaimel, ja, nicht da viele Reb Chaimel auf dieser sündigen Welt", bemerkte eine Zweite. „Und sein Weib, die Taube, die gerechte Seele. — Nur kein Glück mit Kindern, — soll schon Gott behüten, — alle in der Jugend hin." „Schaut euch doch den Enkel, die Waise an, Boruchle, das Juwel, der ist schon so ein Neuweltlicher", sagte eine Dritte. Da war Chaimel schon ihren Blicken entschwunden. Als er mit fliegendem Atem den niedrigen, dunklen Korridor seines Wohnhauses betrat, wurde ihm die Tür seiner Stube von innen geöffnet. Taube hatte wie täglich drinnen auf ihn gewartet und den Wiederhall seiner Schritte erkannt. Chaimel trat ein, legte den Tefilinsack auf die alte Kommode, seufzte erschöpft auf und stand drauf einige Augenblicke reglos versonnen da. Dann murmelte er: „Zeit anzubeißen." „Zeit, Zeit!" stimmte Taube eifrig bei, auf die alte Pendeluhr schauend, die einhalb zwölf zeigte. Der Tisch war gedeckt. Darauf lagen eine Brotkrume, fünf Pflaumen, und auf einem Teller ein paar Rettigschnitten. Taube stellte nun auch eine Schüssel dampfende Kartoffelsuppe drauf. Das war das sogenannte „Anbeißen", welches Frühstück und Mittag in sich vereinigte. Chaimel schlug sich geräuschvoll mit den harten Krumen und dem Rettig herum, brachte jedoch kaum etwas herunter. Auch von der Suppe aß er wenig. Taube schaute ihn unverwandt an, und das welke doch schöne Greisinnengesicht mit dem noch immer regelmäßigen Oval drückte Besorgtheit aus. „Nicht gesund etwas?" fragte sie leise zögernd. „Oh, oh, nein!" wehrte er ab. „Gehn, sich hinlegen?" „E!" machte er halb zustimmend. Und unvermittelt aus einer tiefen Versonnenheit heraus äußerte er im Tone .einer Mitteilung: „Man schlägt Juden." Nun begann Taube zu jammern: „Ja, ja, schon wieder, kein ruhiger Tag. Es läßt sie nicht ruhig, daß wir leben, daß wir atmen. Gottuniu, wir tun ihnen nichts, wir nehmen ihnen nichts, wir haben auch nichts, — das nackte Leben gönnen sie uns nicht. Was hat denn ein Jud vom Leben, daß mich Gott für meine sündigen Worte nicht strafe." „Ja, nun kommen sie auch hierher", schloß sie nach einer Pause eindringlicher, nachdem Chaimel früher gar nicht hingehört hatte. „Was sagst du nun dazu? Die Leute alle hier vergehen vor Angst." Chaimel murmelte zerstreut: „Nun, nun, auch hierher, — weshalb sollten sie nicht auch hierher kommen? Ist ja auch eine jüdische Stadt." „Und was sagst du dazu, Chaim, wir sind so allein, elend, — niemand da, der sich unser annehmen sollte." Nun ermannte sich Chaimel und sprach gelassen, mit Bedeutung: „Was, Taube, sich ängstigen? Wem es von seinem lieben Namen bestimmt ist, ich oder ein anderer Jud. Alle Juden sind Bürgen füreinander, sagt der Talmud." Nach einer Pause fragte er leise: „Ist er nicht da gewesen?" Er, das war Boruch, der Enkel, das Schmerzenskind. Taube antwortete betrübt seufzend: „Das Kind? heute nicht. Gestern vor abend ist er gekommen, einen Blick tun. Er hatte kaum das

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