Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 9 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Moment ist überaus günstig. Unsere Arbeit kann jetzt in viel rascherem Tempo vor sich gehen als bis jetzt. Wir können jetzt in Monaten das leisten, wofür wir früher Jahre brauchten; wir Können aber auch in Monaten verlieren, was wir im Laufe von Jahren schufen. Alles hängt von uns selbst ab. Wenden wir nun alle Kräfte an, um Mittel und Wege zu finden, unser Programm zur Durchführung zu bringen. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Das Wort erhält Herr Agronom Sussmann zu seinem Referat über Bodenerwerb in Palästina. Referent gibt einleitend einen Uberblick über die gegenwärtige Lage der agrikulturellen Kolonisation in Palästina. In den letzten Jahren ging der Schwerpunkt der Kolonisation von Judäa nach Galiläa über. In-kurzer Zeit entstanden in Galiläa drei Kolonien von ganz neuem Charakter. Diese Kolonien befassen sich ausschließlich mit Ackerbau und produzieren Getreide und ähnliche Kulturen, die im Lande selbst Absatz finden. Ergiebiges Quellwasser, gesundes Klima und ausgezeichneter Boden sicherten diesen Kolonien von vornherein guten Erfolg. Referent hatte Gelegenheit, diese Kolonien persönlich kennen zu lernen und konnte sich so überzeugen, da(3 Palästina nicht nur ein Land von Weinbau und Plantationen, sondern auch ein Land von Getreidekultur ist. Die Ertragsfähigkeit des galiläischen Bodens kommt in dieser Beziehung derjenigen des sog. „südrussischen Schwarzbodens" gleich. Unsere, südrussischen •Kolonisten, die in Palästina gewesen sind, sprechen mit Begeisterung von diesem Boden. Namentlich gedeiht hier vorzüglich der Weizen; auch die besten Ölbäume Palästinas sind hier zu Hause. Das Terrain ist in Galiläa noch verhältnismäßig billig, das Klima vorzüglich und der Boden für alle möglichen Kulturen geeignet. In letzter Zeit sind auch die Kommunikationsmittel erheblich besser geworden. Referent berichtet sodann ausführlich über die neuen Positionen auf dem Gebiete der Kolonisation und erwähnt u. a. die Ankäufe des Jüdischen Nationalfonds, die Gründung der Kolonie „Adlid" u. dgl. Auch die judäischen Kolonien haben einen wirtschaftlichen Aufschwung zu verzeichnen. Es ist noch nicht lange her, daß diese Kolonien von der Weinkrisis sehr zu leiden hatten. Nun ist diese Krisis vorüber. Sowohl Produktion als auch Absatz des Weines ist nunmehr den Kolonisten selbst überlassen. Die alten Positionen des Absatzmarktes werden weiter befestigt, neue erobert; die allgemeine Stimmung ist eine gehobene. Der südlichste Vorposten der Kolonisation, die vom Odessaer Komitee gegründete Getreidebaukolonie Kastinie steht bereits seit einigen Jahren auf eigenen Füßen und bedarf keiner Unterstützung mehr. Selbst Chederah, das zurzeit noch vom gelben Fieber zu leiden hat, ist in erfreulicher Entwicklung begriffen. Neben den Kolonisten wirkt hier erfolgreich die Pflanzungsgesellschaft „Jizhar", die es versteht, die schlechtesten Bodenstücke der Kolonie überaus glücklich zu utilisieren. Die noch vor kurzem ganz wertlos und verwildert gewesenen Felder sind jetzt mit blühenden Oliven-, Zitronen- und ändern Plantationen bedeckt. — Der glänzende Zustand Petach- Tikwahs ist allgemein bekannt. In unmittelbarer Nähe dieser Kolonie wurde vor kurzem mit Hilfe d#s Odessaer Komitees die Arbeitersiedlung „En-Ganim" gegründet. Diese Kolonien haben noch ihr letztes Wort nicht gesprochen. Die Eisenbahn, die in nicht allzu ferner Zukunft Jaffa mit Port-Said verbinden wird, wird unsere Kolonien den wichtigen ägyptischen Konsumtionszentren: Alexandrien und Kairo, näher bringen und dadurch die wirtschaftliche Entwicklung derselben überaus günstig beeinflussen. Von großer Bedeutung für die' palästinensische landwirtschaftliche Kolonisation wird auch die Neugestaltung der türkischen Staatsverhältnisse werden (die zu erwartende Abschaffung resp, Reform des „Oscher" u. dgl.). Freilich hängt alles von unserer Arbeit ab. Vorläufig dürfen wir nur eins sagen: der'Boden ist dankbar; die objektiven Bedingungen sind günstig. Es ist die Möglichkeit gegeben, eine großzügige kolonisatorische Tätigkeit im Lande zu entfalten. Durch diesen Umstand läßt sich auch die Tatsache erklären, daß in letzter Zeit sich in weiten Volkskreisen ein Drang nach Palästina, speziell ein Drang nach Bodenerwerb in Palästina bemerkbar macht. Diese Leute gehen hauptsächlich von ökonomischen Gesichtspunkten aus. Wir haben allen Grund, uns über diese neuen Palästinophilen herzlich zu freuen. Die freie, selbsttätige Privatinitiative kann bei unserer Kolonisationsarbeit nicht hoch genug eingeschätzt werden. Indes dürfen wir uns nicht verhehlen, daß die Privatinitiative auf deni- Gebiete der Landwirtschaft auf große Schwierigkeiten stößt. In jedem anderen Lande gibt es von Staats und Gesellschafts wegen Institutionen, die für die Bedürfnisse der Landwirtschaft Sorge tragen. In Amerika z. B. kann der Emigrant unter sehr günstigen Bedingungen Land erhalten, auch die nötigen Produktionsmittel stehen ihm auf Abzahlung zur Verfügung. Nicht so in Palästina. Hier ist der Emigrant, der sich der Landwirtschaft zuwenden will, ausschließlich auf sich selbst angewiesen. Der Aufwand für eine noch so bescheidene kleinbäuerliche Einrichtung beträgt dabei, wie folgt: 250 Dunam Land (ä 30 Frs'.). . ... 7 500 Frs. Wohnungs- und Wirtschaftsgebäude. . 3 000 „ Werkzeuge............. 400 „ Arbeitsvieh . . ,........... 500 „ Saat....... . ........ 300 „ Lebensunterhalt im Laufe eines Jahres 1 000 „ Sa, . . . 12 700 Frs." Man sieht also, daß nur verhältnismäßig wohlhabende Leute in der Lage sind, sich in Palästina als Landwirte einzurichten, während tatsächlich die weniger wohlhabenden ein viel geeigneteres Kolonisationsmaterial abgeben würden. Daraus geht die Notwendigkeit eines Instituts für Agrarkredit mit Evidenz hervor. Über die Form dieses Instituts will der Redner sich'nicht weiter verbreiten. Diese festzustellen, wird seinerzeit die Aufgabe sachkundiger Personen sein. Hier handelt es sich nur um das Prinzip, — Referent führt dann eine ganze Reihe von Beispielen an, die die wohltuende Wirkung des Agrarkredits auf die Entwicklung der. Kolonisation demonstrieren. — Unsere Agrarpolitik muß von folgenden Gesichtspunkten geleitet werden: Erkenntnis der Wichtigkeit des gegebenen Moments, ein klares Ziel und einheitliches, planmäßiges Vorgehen. Referent bemerkt dabei, daß er weit davon entfernt ist, das Odessaer Komitee als das einzige arbeitsfähige Organ auf diesem Gebiete zu betrachten; es hieße aber, die gegebenen Verhältnisse ignorieren, wenn man die Tätigkeit des Komitees auf das Schul- und Informationswesen beschränken wollte. Am Schlüsse bringt der Referent eine Reihe von Resolutionen als Folgerungen aus dem Ausgeführten an. In der Diskussion macht Herr Dr. Raimist geltend, daß das Komitee in der Frage des Agrarkredits höchstens nur die Initiative ergreifen und anregend wirken kann. Aus eignen Mittel kann das Komitee wohl etwas Mustergültiges schaffen, so z. B. eine musterhafte Arbeiterkolonie gründen, nicht aber Landkäufe vornehmen. B. Goldberg ist der Ansicht, daß das Komitee als wohltätige^ Institution nicht das geeignete Organ ist, Landkaufoperationen auf kaufmännischer Basis zu organisieren und zu leiten. Er wendet sich ferner gegen den Punkt der Resolutionen, der eine Beteiligung des Komitees durch gewisse spezielle Revenuen an der Schaffung des Agrarfonds vorsieht. Diese Mittel sind viel zu geringfügig, als daß sie für den Agrarfonds in Betracht kommen könnten.; Dieser Ansicht schließt sich auch Herr Rosow an. Für die Annahme der Resolutionen sprechen die Herren Temkin, Ussischkin, Schirnkin und Spielberg. Zur Redaktion der Resolutionen zur Agrarfrage wird sodann eine Kommission gewählt, bestehend aus den Herren MaseY Temkin, Agr. Sußmann, Goldberg und Jabotinsky. (Die von dieser Kommission am folgenden Tage vorgelegten und von der Konferenz einstimmig angenommenen Resolutionen wurden in voriger Nummer veröffentlicht.) Dritte Sitzung, (Mittwoch, 10. Februar, 10 Uhr vormittags, 3 Uhr nachmittags) Die Sitzung beginnt mit einem ausführlichen Referat von Jakob Rabinowitsch über „die Arbeiterfrage in Palästina". Referent stellt folgende Leitsätze auf : 1. Der jüdische Arbeiter in Palästina stößt auf folgende Hindernisse: a) die Konkurrenz der billigeren arabischen Arbeit; b) das feindselige Verhalten des unwissenden und reaktionären Teiles der jüdischen Bevölkerung; c) die ungenügende Vorbereitung und Eignung des jüdischen Arbeiters für gewisse Arbeitszweige. Trotz alledem erobert der jüdische Arbeiter immer neue Positionen im Lande und wird ein wichtiger Faktor in der Entwickelung der jüdischen Kolonisation. 2. Palästina ist ein agrikulturelles Land. Seine Industrie ist mit 'der Landwirtschaft eng verbunden, die größte Bedeutung hat hier daher der agrikulturelle Arbeiter. Die jüdische Arbeiterfrage läuft in der Hauptsache auf die Frage des Überganges der landwirtschaftlichen Arbeit in jüdische Hände hinaus. 3. Das geeignetste Mittel, die Lage des jüdischen Arbeiters zu verbessern und seine Position auf dem Arbeitsmarkt zu befestigen, besteht darin, ihn seßhaft zu machen und an einen bestimmten Ort zu binden. Die Zunahme der Zahl der jüdischen Arbeiter hängt von der Entfaltung und dem Anwachsen der jüdischen agrikulturellen Kolonisation in Palästina ab. 4. Die Lage der jüdischen Handwerker und Fabrikarbeiter in Palästina kommt derjenigen dieser Arbeiter in andern Ländern gleich, in welcher ähnliche gewerbliche und industrielle Verhältnisse vorliegen. 5. Das Odessaer Palästinakomitee hat sein Hilfswerk für die Arbeiter ausschließlich auf das Gebiet der Landwirtschaft zu beschränken. Es soll den Arbeitern innerhalb der Kolonien oder in