Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 9 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIEIqK ELT 187 No. 9 unsere Brüder, denen die Nation das Teuerste ist, mögen doch einsehen welch edlen Zweck unsere zionistische Organisation verfolgt und weiche sittliche Kraft ihr innewohnt! Welch beseligendes Gefühl der Sicherheit und des Geborgenseins muß jeden Juden durchströmen, inmitten der unaufhörlichen Wanderungen und Streifzüge der Diaspora, das Bewußtsein, im Lande der Ahnen einen Mittelpunkt für eine jüdische Siedelung zu bilden und damit auch für das jüdische Geistesleben einen sicheren Kompaß und orientierenden Stern zu schaffen. Das ist der Zweck der zionistischen Organisation, und dieser Organisation einzige Existenzquelle, Bindemittel, Legitimation und Symbol zugleich ist der Schekel. Bedarf es noch der Beweise, um zu zeigen, wie groß und wichtig und grundlegend die Arbeit der Schekelsammlungen und die Aufgabe der Schekeltage sind? N. S. Die Konferenz der Odessaer Palästinagesellschaft (Von unserm Spezialberichterstatter) Zweite Sitzung (Dienstag, 9. Februar, 7—11 Uhr nachmittags) „Die Kolonisation Palästinas in der Vergangenheit und die Aussichten für die Zukunft." Generalreferat Ussischkins: Die türkischen Juden genossen immer die gleichen Rechte wie die mohammedanische Bevölkerung. Wenn das alte Regime schwer auf ihnen lastete, so hatten sie nicht in ihrer Eigenschaft als Juden, sondern als türkische Untertanen zu leiden. Auch die ausländischen Juden hatten ursprünglich keine Zurücksetzung gegen die nichtjüdischen Ausländer zu verspüren. Erst vor 25 Jahren erfolgte eine Rechtseinschränkung der ausländischen Juden, indem ihnen nämlich verboten wurde, 1) sich in Palästina niederzulassen und 2) dortselbst Land zu erwerben. Infolge des Protestes der meisten Mächte wurde dieses Verbot bald wieder rückgängig gemacht in bezug auf deren jüdische Staatsangehörige und blieb nur für die russischen und rumänischen Juden bestehen, da Rußland und Rumänien auf dieses Verbot nicht reagierten. Das Einwanderungsverbot wurde freilich nie streng gehandhabt, nicht so aber das Verbot des Bodenerwerbs. Gegen dieses Übel durch eine Organisation der einheimischen jüdischen Kräfte anzukämpfen, war bei den damaligen politischen Verhältnissen undenkbar. Was hat uns nun das neue Regime gebracht? Zunächst zweifellos sehr viel in bezug auf die türkischen Juden. Diese haben die besten Aussichten, als organisierte Nation den größten Einfluß auf die türkischen Staatsgeschäfte zu gewinnen. Es wird nunmehr unsere Aufgabe sein, die türkischen Juden in unserm Sinne zu organisieren, sie für unsere Arbeit zu gewinnen. Die Organisation der türkischen Juden muß in den Vordergrund unserer Arbeit treten. An diese Aufgabe müssen nun alle diejenigen denken, die in Palästina arbeiten wollen. Hier ist unsere Aufgabe eine doppelte: 1) Alles, was wir dort bereits besitzen, einig und stark zu machen; 2) neue starke, widerstandsfähige Elemente dorthin zu bringen. In erster Reihe kommt hier die Frage der „geülas-ho'orez", des Ankaufs von palästinensischem Boden in Betracht. Hierin können wir vieles von unserer vergangenen Tätigkeit lernen. Bis jetzt nennen wir nicht mehr als etwa 600 000 Dunam Land unser eigen, wovon der größte Teil dem Baron Rothschild und der Ica gehört. Die Bedeutung Rothschilds in der Geschichte der Kolonisation ist nicht hoch genug einzuschätzen. Der Ausdehnung der Kolonisation und der Erweiterung unseres Bodenbesitzes standen bis jetzt zweierlei Hindernisse, innererund äußerer Natur, im Wege: 1) die höchst verwickelten türkischen Agrargesetze, die sich in sonderbarer Kombination auf den Bestimmungen des Korans und des „code Napoleon" aufbauten; 2) das herrschende Mißtrauen gegenüber den „Fremden" und das Bestreben, der Machtentfaltung derselben entgegenzuwirken. Für die Zukunft haben wir die besten Aussichten. Die erstgenannten Hindernisse werden zweifelsohne bald wegfallen: Das türkische Parlament wird es sich in nächster Zukunft angelegen sein lassen, die Agrargesetze einer gründlichen Reform im Geiste der fortschrittlichsten europäischen Staaten zu unterziehen. Es ist dies für die junge Türkei ein Gebot der Notwendigkeit, da sonst die Entwicklung des Reiches zu einem modernen Staate geradezu unmöglich ist. Ebenso steht zurzeit die Frage der Reform des herrschenden Steuersystems auf der Tagesordnung. Die gegenwärtige Naturalsteuer („Oscher"), die sehr schwer auf der Landwirtschaft lastet, soll bald abgeschafft, jedenfalls aber ganz bedeutend modifiziert werden. Auch die äußern Hindernisse, d.h. das Mißtrauen gegen die „Fremden" und die Einschränkung der ausländischen Juden, werden bald wegfallen. Allerdings müssen wir umsichtig und unverdrossen darauf hinarbeiten, begangene Fehler zu korrigieren, die öffentliche Meinung in der Türkei über unsere Bestrebungen aufzuklären und Mißtrauen zu zerstreuen. Wir haben allen Grund anzunehmen, daß unsere Bestrebungen in naher Zukunft in der Türkei zur Erörterung gelangen werden. Wir müssen nun Klarheit darüber schaffen, daß wir darauf ausgehen, unsere Kapitalien, unsere Arbeitskräfte und Intelligenz nach Palästina zu bringen, daß dies für das Gesamtreich nur von Nutzen sein wird. Viel komplizierter ist freilich die Frage des Bodener wer bs. Es steht dies in engem Zusammenhange mit der jetzt vielfach ventilierten Frage der Einführung des Begriffes „juristische Persönlichkeit" in die türkische Gesetzgebung. Bekanntlich kennt die türkische Jurisdiktion heute diesen Begriff noch nicht, und demgemäß können nureinzelnePersonen,nichtaber Gesellschaften undlnstitutionen Land erwerben. Aus diesem Grunde war bis jetzt in jedem einzelnen Falle die Staatsangehörigkeit des Käufers von entscheidender Bedeutung. Nun soll auch dies anders werden. Die Erfolge und Lehren der bisherigen Kolonisationsarbeit werden uns jetzt sehr gut zustatten kommen. Diese sind in höchstem Grade positiv, wenn nicht für das jüdische Volk als solches, so doch allenfalls für das Land. Es lag in der Natur der Sache, daß wir am Anfang sehr viel Kraft und Energie in verschiedenen Versuchen vergeuden mußten. Nun sind wir den Kinderschuhen entwachsen. Wir werden uns nicht mehr mit Versuchen, sondern mit der eigentlichen Kolonisationsarbeit abzugeben haben. — Auch auf dem zweiten wichtigen Gebiete unserer Kolonisationsarbeit: in der Frage der Heranbildung und Stärkung des jüdischen Arbeiters, haben' wir gewisse Erfahrungen zu verzeichnen. Auf diesem Gebiete speziell erschließt uns die Neugestaltung der türkischen Staatsverhältnisse keine neuen, ungeahnten Perspektiven. In Betracht käme vielleicht der wahrscheinliche Umstand, daß die neue Entwicklung der sozialen Verhältnisse eine Erhöhung des durchschnittlichen „Standard of life" des arabischen Arbeiters zur Folge haben wird, so daß dieser nicht mehr wie bis jetzt dem jüdischen Arbeiter durch Bedürfnislosigkeit gefährliche Konkurrenz bieten wird. Eine glänzende Zukunft steht der Industrie im Lande bevor. Die zu erwartende Einführung des Protektionssystems wird für die inländische Industrie ein tatkräftiges Schutz- und Förderungsmittel werden. Anderseits wird mit den sogenannten „Kapitulationen", die den Ausländern gewisse Vorrechte gegenüber den Inländern einräumen, ein schwerer Hemmschuh der Industrie in Wegfall kommen. Auf diesem Gebiete haben wir bis jetzt wenig Nennenswertes geleistet. Hingegen haben wir uns mit Erfolg auf einem verwandten Gebiet betätigt: in der Schaffung von Kredit für Handel und Industrie. Die . Gründung der Anglo Palestine Company war ein großes historisches Verdienst. Trotz der warnenden Voraussagen der Gegner dieser Gründung, daß die an Almosen und Unterstützungen aller Art gewöhnte Bevölkerung Palästinas sich als eine für eine Bank ungeeignete Klientel erweisen wird, zeigt die A. P. C. eine erfreuliche kommerzielle Entwicklung. Auch auf geistig-kulturellem Gebiete haben wir eine reiche Erfahrung zu verzeichneu, wenn auch nicht in quantitativer, so doch jedenfalls in qualitativer Hinsicht. Sowohl das Odessaer Komitee als auch die andern Institutionen haben bis jetzt auf diesem Gebiete nur wenig geleistet im Vergleich zu unseren großen Aufgaben, jedoch sind die erzielten Erfolge recht, bedeutend. Die praktische Kolonisationsarbeit war vom ersten Momente an vor die Frage gestellt: Was soll das Band sein, das die Juden der verschiedenen Länder vereinigen soll? Welche Sprache sollen ihre Kinder sprechen? Die Lösung des Problems ergab sich bald ohne alles Theoretisieren: Eine Sprache, und zwar unsere Sprache. Nun entstand die Frage: Wie sollen in dieser alten, zurückgebliebenen Sprache alle nötigen Lehrfächer gelehrt werden? Da kamen einige Mutige und sagten: Dies muß geschehen, es wird daher geschehen. So entstand die erste hebräische Schule, die Jaffaer Schule. Heute gibt es keine Sprachenfrage mehr. Alle theoretischen und angewandten Fächer werden jetzt ausschließlich im Hebräischen gelehrt. Unsere Aufgabe besteht nun, um dies nochmals zu wiederholen, in folgenden drei Worten: Land, Arbeit und Schule. Der