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Die Welt · 1909-02-19 · 8 (19.2.1909) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
8 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 8 DIE3SKLT 179 „predigt" nicht, er simuliert keine Zornesausbrüche. Mit kräftigen Strichen zeichnet er wohl vertraute Gestalten des Wiener Nochjudentums. Du lieber Gott! Sie sind zu erbärmlich und widerwärtig, um Haß oder Schmerz zu wecken. Schlecht angebrachte, pathetische Entrüstung liegt auch Beda fern. Er gibt uns Porträts und Gruppenbilder, urdroüig und grotesk, aber lebenswahr und mit sicherer Hand gekennzeichnet. So manches Beda sehe Wort ist schon in Wien kaffeehausfähig, so manche typische Figur wird sprichwörtlich werden. Da sehen wir sie, die „braven" jüdischen Spießbürger Gödings. Dort „steht ein Kasino, teutsch und ehrenfest, dem alle Israeliten angehören — aus Überzeugung und aus Budapest..." Ihr Schammes heißt Baidur, der schwarzrotgoldne Moil-Knut. Da stört den Friedender Gemeinde eine „Kreatur voll Hinterlist". Sie „stellte die Behauptung auf die Beine, daß jeder Israelit ein Jude ist!" Helle Empörung über diese Schmach. Man beschließt, den Turn wart Wizuzalek zu fragen, „ob nicht der Israelit ein Deutscher sei!" „Und also war des Wizuzaleks Rede, „Der alle lauschten mit gezognem Hut: „A, bitf scheen, Daitsche is amol a jede, „Der seinen Mitgliedsbeitrag zahlen tut!" Das Urteil Wizuzaleks entfesselt einen Stürm der Begeisterung. Da sehen wir den „kleinen Doktor Pallak", dem die Taufe zu keiner Anstellung verhilft. „Jetzt bin ich tadellos christiert, — was hilfts? Der Rest ist Dalles!" Fräulein Mary verwirft die Taufe, denn sie ist innerlich Buddhistin. Nach außen wohl — Jüdin, aus einem tiefen Grunde. „Ich glaub's," sprach der Herr Kohn prosaisch: „Buddhisten heiraten mosaisch"... Maurice Pinella, der nicht weiß, „für wemenen" er katholisch ist, die pietätvollen Blumenbachs, die die Mesuses einstecken, um die christlichen Jour-Teilnehmer nicht zu verletzen, der Prager Markomanne, * — lauter Gestalten von erschütternder Komik. Einige Gedichte ernsten Inhalts („Kaiser Karl und der Täufling", „Entwurzelte Bäume") lassen vermuten, daß das Können Bedas sich nicht allein auf Satire beschränkt. — Das köstliche Büchlein kann im Kampfe gegen die Assimilation manchmal bessere Dienste leisten, als eine in Ehren ergraute Theorie. Haomer, Literarisch-wissenschaftliche Sammelschrift aus Palästina „Tsrstlingsgarben" wollen diese Hefte sein, deren drittes soeben erschienen ist, und die jetzt nicht mehr jährlich, sondern alle drei Monate herausgegeben werden. Erstlingsgarben palästinensischen Lebens, wie es sich in literarischen und reingeistigen Erscheinungen spiegeln sollte! Ein gewisses Aufsehen erregte vor fast zwei Jahren das Erscheinen des ersten, von Achad-Haam eingeleiteten Heftes. Einige schüchtern-reizvolle Bilder aus dem palästinensischen jungen Leben, dazu manches sachlich mehr oder weniger Wertvolle über die junge Kolonisation und allgemein-jüdisch Geistiges. Vielleicht war der allgemein-literarische Wert noch nicht allzu groß, aber man fühlte selbst aus der Ferne etwas von jungen Kräften und verjüngten Stimmungen. Nicht ganz so jung erscheint das dritte Heft. Allerdings ist in letzter Zeit die positive Kenntnis Palästinas und der Bedingungen des palästinensischen Lebens klarer und reifer geworden. Erst auf dem Grunde deutlicher Erfahrungen sollen die Hoffnungen und auch die Sorgen um die Zukunft der jungen Pflanze ruhen. So bietet z. B. der Aufsatz Smelianskis über Galiläa und seine Kolonien, die Arbeiter- und Araberfrage daselbst ein lebendiges Bild eines wichtigen Kapitels aus der palästinensischen Gegenwartsgeschichte. Weniger gelingt dies vielleicht dem feuilletonistischen in den Spuren des hebräischen „Choschmol" (anschließend an den Artikel „In den Spuren der türkischen Konstitution", für welch letztere von Ben Jehudah der seltsame hebräische Name geprägt wurde). Dieses Feuilleton schlägt allerdings gewisse tiefere als die üblichen ^Betrachtungsweisen an, aber die ernste Kritik tief eingewurzelter Übel kann doch nur in ernster Form ihre wahre Wirkung erzielen. Unter den wissenschaftlichen und praktischen Artikeln, die übrigens auch von den literarischen nicht, strenge gesondert sind, verdienen die Studien David Jellins über alte Sagen der noch heute lebenden Samaritaner, eine popularisierende Arbeit Fränkels über modernste Heilungen von Pflanzenkrankheiten und in ganz anderer Richtung ein Vorschlag Mordechai ben Hillel Hakobens über die Organisation der Spar- und Leihkassen in Palästina hervorgehoben zu werden. Wichtiger ist der schon genannte Artikel „In den Spuren der türkischen Konstitution", der ohne Horizontenge und Chauvinismus die jetzige politische Situation von vielen Seiten, wenn auch nicht einwandslrei, beleuchtet. Zu den wissenschaftlichen Arbeiten gehören noch zwei religiös- resp.-volksgeschichtlicher Art von D. Bernfeld über den Missionsgedanken im Judentum und von Beer Tobiah über die Beziehungen von Heidentum, Christentum und europäischer Kultur zum Judentum, große Probleme, die wohl nur angeregt werden. Der literarische Teil ist im allgemeinen etwas dürftig ausgefallen. Dazu ist auch das palästinensische Element fast gar nicht ausgeprägt, abgesehen von einer anspruchslosen Jerusalemskizze von Eisenstadt und einem arabischen Seelenbild von „Chaway'a Mussa", das dem darin behandelten Problem, wie der freie Araber der jüdischen Kolonisation unterliegt,zwar näherzubringen, aber kaum gerecht zu werden vermag. So ist ein Drama von Jakob Rabinowitz — bis auf wenige poetische Stellen — so erdacht und psychologisch unmöglich, daß es höchstens irgendeine verschwommene historische Erinnerung hervorzurufen vermag. Über dieses Niveau erhebt sich die mystische Erzählung „Agusot" eines jungen Schriftstellers, die von einer gewissen, packenden religiösen Stimmung des „Golut Schechinah" durchzogen ist. Und vielleicht geht schließlich doch durch alles ein gewisser geistiger, wenn auch manchmal nur durch das historische Nebeneinander geknüpfter Faden, — wie auch die Beiträge zum Teile aus sehr verschiedenen geistigen Sphären hervorgegangen sind. Nur jene „Keime von Zukunft", die manche in sich tragen, lassen eine einstmalige Synthese von einem neuen Mittelpunkte aus und damit auch das Erstehen einer neuen palästinensischen Literatur erhoffen. NOTIZEN ooo Die Juden in Tunis Jacques Chalom veröffentlicht in der „Dep6che Marocaine" eine Studie über die jüdische Bevölkerung von Tunis. Er schätzt die Gesamtzahl der tunesischen Juden auf nicht mehr als 62 500, die in ungefähr 20 Städten und etwa einem Dutzend Dörfer verstreut wohnen. Davon leben mehr als fünf Sechstel in den fünf größten Städten des Landes, nämlich in Tunis 40 000, Bizerta 1200, Djerba 4000, Susa 3500 und Sfax 3200. Die Bevölkerung besteht hauptsächlich aus Kleinkaufleuten, Handwerkern und Arbeitern. Von der französischen Hochschule in Beirut Von der Bedeutung der französischen Hochschule für Medizin in Beirut macht man sich einen Begriff, wenn man liest, daß die jüngste Abschlußprüfung an der medizinischen Fakultät von 313 Kandidaten bestritten wurden, von denen 304 den Doktorgrad erlangten. 85 Kandidaten unterzogen sich der Prüfung für die Erlangung des Grades eines Apothekers erster Klasse, wovon allerdings nur zwei bestanden. Die Erträgnisse der türkischen Bahnen „L'Opinion" bringt interessante Daten über die Erträgnisse der türkischen Bahnen. „Die französischen Kapitalisten, führt das Blatt aus, die beträchtliche Mengen türkischer Werte besitzen, sind in gleichem Maße auch an bedeutenden Unternehmungen in der Türkei interessiert, und zwar vor allem an den Eisenbahnen. Vier Eisenbahngesellschaften haben den Kredit des französischen Marktes in Anspruch genommen. Die Obligationen einiger von ihnen gewähren eine höhere Verzinsung als die ottomanischen Staatsanleihen. Nachstehend geben wir eine Tabelle der türkischen Eisenbahn- -obligationen, die an der französischen Börse gehandelt werden: Name Nominelles Amorti- Kurs Reinertrag Kapital sation ProObüin Francs gation ProrrdnL"b Francs zent Damaskus-Hamah Verändert. Zinssatz 49 514 000 — 287.50 14.54 5.25 . Damaskus-Hamah 4°/o Privileg....... 44 271 500 1902-1991 440.50 18.50 4.21 Damaskus-Hamah 4°/o 1905 ....... 42 500 000 1906-1995 422.50 18.50 4.45 Soloniki-Konstantinopel 3ü/o.......- 160 000 000 1897-1991 328.— 14.40 4.43 Smyrna-Kassaba 4°'o. 1894 ....... 56560 100 1895-1994 456.— 19.— 4.24 Smyrna-Kassaba 4°/o 1895 -...... 70 000 000 1898-1992 438.— 19.— 4.41 Saloniki-Monastir 3°/o . 60 000 000 1894-1989 324.— 14.94 4.63 Man sieht, die Mehrzahl dieser Papiere gewährt einen beträchtlich höheren Ertrag als die unifizierte tatsächliche Rente und die meisten der türkischen Anleihen."

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