Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 8 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Neue Bücher „Der Golem", eine Ghettolegende von Arthur Holitscher*) Nichts kennzeichnet das Ghetto besser, als die sich immer wiederholenden Versuche, es zu überwinden. Übertrieben wäre es, hier von einem Ringen um die Freiheit des Geistes zu sprechen, denn trotz den äußern Schranken, welche sich in Form von Sitte, Glaube, Gesetz und Tradition erhoben, erblühte im Ghetto eine wundervolle Reinheit des Gemüts, eine durchdringende Kraft der wissenschaftlichen Anschauungen, ein fast hellseherisches Durchschauen physischer Regungen, das sich in besonders begabten -Köpfen bisweilen zu einer tragischen Mystik steigerte. Aber immerhin konnte es geschehen, daß aus dem engbegrenzten Dasein Funken der Ekstase und der religiösen Inbrunst aufblitzten, die sich zu einer Macht verdichteten, welche schrankenlos die Wellen der Vernunft verdrängte, das Unfaßbare bis zu einem Grad der Wirklichkeit erhellte und im letzten Grunde nichts anderes war als das Verlangen, in das Göttliche zu dringen, die Materie der Schöpfung mit Hilfe des Göttlichen zu ergründen. Und so wurde sie zur Quelle der mythenbildenden .Kraft des Judentums, die sich in den zahlreichen, farbigglühenden, innigen Legenden offenbart. Mythos ist Überschuß . an Kräften, ist Substanz gewordener Pathos des sehnenden Herzens. Die Legenden des Prager Rabbi Low und des Baalschem, des Meisters des Gottesnamens, führen beide auch auf die Anschauung zurück, daß selbst in den scheinbar toten Dingen der Natur Funken des Lebens wohnen, „die in die bereite Seele fallen". Baalschem sucht Gott in den Dingen — durch das Gebet, der Rabbi Low aber belebt das Ding, um sieh über Gott zu erheben. Baalschem wird zum Erlöser, zum Verkünder der Freude in Gott, der Rabbi bricht wie sein Geschöpf in sich selbst zusammen. Helden der jüdischen Sage oder Geschichte (ein dankbares Gebiet für Literarhistoriker) waren die Patriarchen, friedliche Hirten mit dem wahren Rhythmus großer Männer, wie die Bibel sie uns schildert, später als das jüdische Leben sich unter den qualvollsten Bedingungen abrollte, Märtyrer, Phantasten, Fanatiker. Holitschers Ghettostück bietet bekannte Typen. Neben dem Golem, dem einen Brennpunkt der Ellipse, auf welcher sich die Handlung der Legende abspielt, den Rabbi Bennahum, seine Tochter Abigail, ihren Bräutigam Rüben und rings um diese Personen buntes Ghettovolk, Weiber, Kinder, Schriftgelehrte, Schüler, Klageweiber,Musikanten; dazwischen einige markante Figuren, welche den Raum füllen, damit die Resonanz für das Schicksal der Hauptpersonen erhöht werde.. Der Rabbi hat sich einen Golem, ein-en künstlichen Menschen geschaffen und ihn durch ein vor die Brust gehängtes Amulett (Schern: der vierbuch stabige Name Gottes) zur Ausführung seines Willens gezwungen. Dieser Knecht, selbst willenlos, seelenlos, wird zum Mittelpunkt des Dramas. Eine Schar von Krüppeln fleht zum Rabbi, dem Großmächtigen, dem Heiligen Gottes, um Heilung. Er hat Lehm lebendig gemacht, möge er ein totes Kind erwecken! Der Rabbi aber vermißt sich nicht solcher Tat, er hat bloß die Macht gehabt, all das, was in ihm gärt, was ihn über die Menschen erhebt, in eine Form zu gießen. Und unter den Gelehrten bricht ein Streit um die Weisheit des Rabbi aus, Spott und Verachtung, Vertrauen und Anhänglichkeit umtoben ihn. Da erscheint der Verlobte seiner Tochter Abigail. Bennahum fühlt plötzlich nur das Drängen in der eigenen Brust, er ist allein auf seiner Höhe stehen geblieben, seinem Volke entfremdet, je mehr ihn sein Erkennen von den Menschen entfernt. hat. Jetzt beginnt auch die Tragödie des einsamen Menschen, der den Widerhall seiner Worte im Nächsten sucht. Aber Rüben kann sich in der Stadt der Braut nicht zurechtfinden. Er verlangt vom Rabbi, daß er sein Geschöpf vernichte. Es ist zwar gut, sich ein Wahrzeichen der Gewalt Gottes aufzurichten, aber er macht dem Rabbi den Vorwurf, er habe den Golem geschaffen, nicht, daß er (der Golem) an seinem Menschensinn Lust habe, sondern sich selbst zum Spiel. Offen bekennt der Rabbi, daß er zwischen zwei mächtigen Feuern, dem Erkennen und der Versuchung stehe, ohne Helfer-, mit Gott allein. „Wenn einer ist mit Gott allein gelassen, — ist das eine Gesellschaft für einen Menschen?" Und nun beginnt der Rabbi den Kampf mit Gott, um Gott. Indessen ist ein seltsamer Funke in des Golems starre Glieder gefahren: die Liebe zu Abigail. Abigail selbst, das Kind mit den träumenden Sinnen, bemitleidet den Knecht, den seelenlosen Sklaven. Und im Augenblicke, wo sich eine Brücke vom Mitleid zur.-Lfe.be findet, beginnt es, sich auch in Amina (so heißt der Golem) zu regen. Abigail will ihm das, was ihm zum Menschen fehlt, Gott, geben, und nun vollzieht sich allmählich der Prozeß des Werdens, die Materie nimmt den Weg zum geistigen, zum menschlichen Dasein. Dieser fast stumme, durch ein mystisches Gesetz gefesselte Leib erzittert im qualvoll zuckendem Ringen nach der Menschwerdung, er will nicht dienen, er fordert Freude, das höchste menschliche Glück, aus Amina soll Anima werden. . . . Des Rabbi Kampf um Gott war kein fruchtloser. Seine Niederr läge hat ihn nicht geknickt, sondern eine wertvolle Erkenntnis gebracht: die Erkenntnis seiner Schwäche. Hoch loderten im Tempel die Flammen bis zur Decke empor, furchtbare Flammen, woraus die Stimme Benahums erklang, und nun eilt das Volk vor sein Haus, der Niederlage des Gepriesenen sich bewußt. Drohend nähert sieh die Wolke über Benahums Haupt, er bittet seine Tochter, das Haus des Unheils zu verlassen. Und Abigail, da ihre Liebe zu Golem zuschariden geworden, tötet sich durch einen Sprung aus dem- Fenster. Was ist aus dem stolzen Rabbi geworden, johlt das Ghettovolk, aus ihm, der das Letzte, das Höchste vollbringen sollte: Das tote Volk erwecken, er, der gepriesene Messias? Auch Rüben ist gebrochen. Amina, die Leiche der Geliebten vor sich liegen sehend, aufschluchzend vor dem übermäßigen Leiden, das nur ein Mensch empfinden kann, schon fast ein Mensch mit eignem Willen; reißt das Amulett von seiner Brust und bricht zur Materie zusammen. Und der Rabbi: „Der Starke bist du! Der Starke bist du! Gebenedeit! Auch dafür, daß du mir zu stark bist, auch dafür gebenedeit, gebenedeit!" Das ist der Ausklang der Ghettolegende. * * * Holitscher hat mit seinem „Golem" ein unheimliches, ergreifendes Kunstwerk geschaffen. Was in der Legende Gedanke, Begriff, Symbol ist, erscheint in seinem Drama zu Bild, Vorstellung^ Handlung kristallisiert. Wenn schon ein unerhört feines, tiefes- Verständnis für das jüdische Seelenleben dazu gehört, diesen Stoffe an dem Hunderte vorübergegangen sind, zu finden, so ist das Wagnis, ihn in dramatische Form zu gießen, um so mehr zu bewundern. Da gibt es keine Lücke, keinen toten Punkt. Wunderbar sind die Motive verschlungen, feste Brücken, überschäumend von pulsierendem Leben. Urid wie sich vom Ganzen, von der auf- und abwogenden, verschwindenden . und wieder auftauchenden, ekstatisch begeisterten und von Grauen erschütterten Menge das stille Schicksal des Golem, des Rabbi, der Tochter und ihres Verlobten abhebt, das alles ist mit einer solchen Lebendigkeit und Kühnheit festgehalten, daß es zu einem gewaltigen Erlebnis für den Leser werden muß. Und -im selben Maße, als das gesprochene Wort die Plastik des gedruckten erhöht, muß auch die Wirkung dieses Dramas durch die Bühne wachsen. Denn erst eine Aufführung wird den Reliefs dieser wundersamen, verschollenen Ghettokultur einen äußern Rahmen geben können. Dt. Oskar Rosenfeld „Getaufte und Baldgetaufte"*) Es ist ein Stoff,, der zur. Satire herausfordert. Der Soziologe mag die treibenden Kräfte der Assimilation zu ergründen suchen. Das Bestreben der Oberschicht des Judentums, aufzugehen, unterzutauchen, hat wohl wie jeder Auflösungs- und Fusionsprozeß seine in der Sozialphysik begründeten Ursachen. In diesem Falle gilt aber nicht der milde Satz der geistreichen Französin: Alles verstehen bedeutet nicht—- alles verzeihen. Die Sucht, zu scheinen, was man nicht ist, widerspricht dem guten Geschmack, unsern Begriffen von Würde und Mannesstolz. Wir huldigen heutzutage dem Prinzip der Entfaltung der eignen Art. Jedes Bettbin um Anschluß nach oben ist uns widerwärtig, jede Entäußerung, jeder Versuch, sich in fremde Farben zu hüllen, erregt unsern Ekel. Chamäleons, Parvenüs, Protzen, Emporkömmlinge, die sich ehrfurchtsvoll dem adeligen Wagenschiag nähern, vor verblaßten Wappen kriechen, — sie versinnlichen die gesellschaftliche Rolle „unserer" Assimilanten. Die Phrasen vom „Weitbürgertum" sind im Getöse der Völkerhatz verhallt, die von Allpolen und Alldeutschen betrieben wird, zu deren Aufblühen jüdisches Geld nicht wenig beigetragen hat. Die „Mission" ist auch ihren Autoren eine Groteske geworden. Was geblieben ist, ist .der jüdische Parven ü, getauft oder baldgetauft. Während wir zwischen Abscheu und Empörung schwanken, bringt uns der Satiriker das erlösende Lachen, die befreiende Heiterkeit. Bedas gesammelte Satiren sind ein köstliches Büchlein. Das „Geleitwort" ist recht grimmig: „Was hilft's, daß ich mit Ernst und Haß gepredigt und geschrieben?! Sie kriechen doch zum Weihrauchfaß, das Pack ist Pack geblieben. Ein Schurke, der die Schurken schont. Ich will die Peitsche schwingen!" Glücklicherweise hält Beda nicht, was er im Geleitwort versprochen. Er *) S. Fischer, Berlin. *) Gedichte, von B eda. Umschlagzeichnung-von Carl Jös;el Wien 1908: