Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 8 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316361--51628-3345279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Aleppo 1× ep/1047811
- Lod 1× ep/1045074
OCR text
172 DiE^ELT No. 8 Absetzung des griechischen Patriarchen Jerusalem. Vor einiger Zeit ist der griechische Patriarch in Jerusalem von der Jerusalemer Synode seines Amtes entsetzt worden. Der Anlaß zu der Absetzung war eine Meinungsverschiedenheit zwischen dem Patriarchen und der Synode über die Behandlung der Laien, die in Palästina fast ausschließlich der arabischen Nationalität angehören. Während der Patriarch der Ansicht war, daß man den Forderungen der christlichen Araber nachkommen und insbesondere Araber zu den hohen Klerikärstellen zulassen solle, sprach sieh die Synode, die griechisch-national ist, gegen' eine Berücksichtigung der Forderungen der Araber aus. Als der Patriarch sich nicht fügen wollte, wurde er von der Synode seines Amtes entsetzt. Die Folge waren große Unruhen unter den arabischen Christen; sie ergriffen für den Patriarchen Partei, besetzten den Palast des Patriarchen und verhinderten seine Abreise. Zugleich stürmte die Bevölkerung die griechischen Klöster an vielen Orten des Landes, z. B. in Lydda und Bethlehem, trieb die Mönche, die ate Gegner des Patriarchen galten, hinaus, und hielt die Klöster besetzt. In einem Telegramm an denGroßwezir und den griechischen Patriarchen in Konstantinopel wuide das Verbleiben des Patriarchen in seinem Amte verlangt. Die Bevölkerung beruhigte sich erst etwas, als aus Konstantinopel ein Telegramm eintraf, daß eine Kommission zur Untersuchung des Sachverhalts nach Palästina abgesandt werden würde. Ermordung des Archimandriten des russischen Klosters auf dem Olberge Jerusalem. Vor einigen Tagen wurde der Archimandrit des russischen Klosters auf dem Ölberge, ein siebzigjähriger Greis, mit abgeschnittenem Kopfe ermordet aufgefunden. Über den Täter und die Motive für dieses Verbrechen fehlt bisher noch jeder Anhalt. Manche glauben, daß die Tat auf die alte Feindschaft zwischen dem russischen und griechischen Klerus zurückzuführen ist, die in letzter Zeit noch dadurch verschärft wurde, daß der russische Klerus für den abgesetzten griechischen Patriarchen Partei genommen haben soll. Wahl des Chachambaschi von Jerusalem . Jerusalem. Der Chachambaschi von Aleppo, der z. Zt. in Jerusalem weilt, um im Auftrage der Regierung die Neuwahl eines Chachambaschi zu leiten, arbeitet eifrig an der Verwirklichung seiner Aufgabe. Die Wahl der Mitglieder des Wahlkollegiums, das den Chachambaschi zu wählen hat, hat zum großen Teil schon stattgefunden. Es ist zu hoffen, daß^die Wahl des Chachambaschi in nächster Zeit stattfinden wird. Über die Aussichten der für den Posten aufgestellten Kandidaten läßt sich noch gar nichts sagen. Prompte Gerechtigkeit Jaffa. Vor einigen Tagen hat sich hier ein merkwürdiger Zwischenfall ereignet. Mehrere Araber überfielen einen ruhig seines Weges gehenden Juden, der einen Kolonialwarenladen besitzt, und mißhandelten ihn unter der Beschuldigung, daß er vergiftete Bonbons unter arabische Kinder geworfen hätte. Es entstand ein großer Menschenauflauf, und der Jude wurde in das Gefängnis abgeführt, aber da er russischer Untertan ist, bald wieder freigegeben und von dem russischen Konsul in Gewahrsam genommen. Auf das sehr energische Eintreten des Konsuls wurde sofort eine chemische Untersuchung der im Laden des Juden vorhandenen Bonbons vorgenommen, und es erwies sich, daß die Beschuldigung der Araber vollständig aus der Luft gegriffen war. Darauf wurde der Jude aus der konsularischen Haft entlassen, und'die vier Araber wurden verhaftet. Es schwebt jetzt gegen sie ein Verfahren wegen Mißhandlung und Aufreizung, das wahrscheinlich mit einer empfindlichen Strafe der Schuldigen enden wird. Unklar bleibt allerdings bis jetzt, aus welchen Gründen die Araber zu ihrem Vorgehen gelangt sind. Das hiesige Komitee „Union et Progres" hat sich der Sache angenommen, um festzustellen, auf welche Einflüsse die Handlungsweise der Araber zurückzuführen ist. Orangenernte in Palastina Jaffa, Die diesjährige Orangenernte in Palästina ist quantitativ geringer als die vorjährige. Dies wird aber dadurch ausgeglichen, daß die Qualität sehr gut ist, daß die Frucht bisher vom Wetter wenig zu leiden hatte, und daß die Preise hoch sind. Zur Zeit, als' durch das Erdbeben in Sizilien die Versorgung des Weltmarktes mit Apfelsinen erheblich verringert zu sein schien, wurden zwei Dampfer Jaffaer Orangen in Liverpool mit 7 bis-7\2 Schilling pro Kiste bezahlt, was den hiesigen Pflanzern einen Nettopreis von mehr als 6 Pres, läßt, während ein Preis von 3 Frcs. schon' zur Deckung der Unkosten ausreichend ist. Die zuletzt: in Liverpool erzielten Preise sind etwas triedriger, nämlich 6 bis 6l/s Schilling-pro Kiste. Unter dem Einfluß der besseren Preise hat sich die Stimmung der Plantagenbesitzer, die im letzten Jahre so große Verluste erlitten hatten, erheblich gebessert. Maschinenfabrik Stein Jaffa. Die Maschinenfabrik Stein, deren Direktor in dem letzten Jahre mehrfach gewechselt hat, wird jetzt wieder von ihrem früheren Direktor und Begründer, Leo Stein, geleitet. Dies ist die Folge des Beschlusses einer Versammlung der Aktionäre und Kreditoren, die kürzlich hier stattgefunden hat. Die Versammlung lehnte einen Antrag, durch Ausgabe von Obligationen das Kapital der Fabrik zu erhöhen, ab und beschloß vielmehr, die Fabrik in ihrem jetzigen verkleinerten Umfange weiterzuführen. Die Häuserbaugesellschaft Achusath=Baith in Jaffa Jaffa. Nachdem jetzt alle rechtlichen Formalitäten bezüglich des von der Gesellschaft Achusath-Baith gekauften Terrains beendigt sind, kann mit den Arbeiten für den Bau des geplanten Stadtviertels begonnen werden. Die Gesellschaft hat bereits einen Bebauungsplan aufstellen lassen, und es wird jetzt mit der Absteckung der Straßen und dem Bau eines Brunnens begonnen. Die Gesellschaft will ailes daran wenden, um den Bau der Häuser für ihre 60 Mitglieder so zu beschleunigen, daß die Häuser bereits zum nächsten Mucharem (Unuugstermin) im Januar 1910 bezogen werden können. Auch der Neubau des hebräischen Gymnasiums wird in dem neuen Stadtvierlei stehen und dessen Mittelpunkt bilden. Für Steinmetzen, Maurer, Bautischler und sonstige Bauhandwerker wird der Bau des neuen Stadtviertels wahrscheinlich vermehrte Arbeitsgelegenheit bringen, und es könnte eine größere Anzahl neu einwandernJer jüdischer Bauhandwerker auf Arbeit rechnen. Aussichten für Niederlassung als Landwirt Jaffa. In letzter Zeit sind einzelne jüdische Familien hier eingewandert, die der Ansicht waren, daß auch Leute ohne Kapital und ohne landwirtschaftliche Ausbildung in Palästina ein Stück Land und die Mittel zur Seßhaftmachung erhalten können. Diese irrige Meinung scheint demnach mehrfach in Europa verbreitet zu sein. Es muß deshalb darauf hingewiesen werden, daß, solange es in Palästina keinen entwickelten Agrarkredit gibt, Personen, die nicht mit wenigstens 12 000 bis 15000 Frcs. einwandern, kaum Aussicht haben, sich als Kolonisten selbständig machen zu können. Die J. CA. siedelt zwar auch Leute an, die kein Kapital oder nur ein geringes Kapital haben, aber sie wählt dazu fast nur solche Leute aus, die bereits mehrere Jahre in Palästina in der Landwirtschaft tätig gewesen und der Verwaltung als tüchtig bekannt sind. Außerdem ist die Zahl der Bewerber um Kolonistenstellen viel größer, als die Zahl der Personen, welche die I. C. A. kolonisieren will. Auch die P. L. D. C. will nach ihrem Programm unbemittelten Juden nur dann Land überlassen, wenn diese vorher einige Jahre in der Landwirtschaft gearbeitet haben. Juden, die ohne Mittel und Kenntnis der Landwirtschaft nach Palästina kommen, können demnach nicht auf baldige Kolonisierung rechnen. Aufnahme jemenitischer Arbeiter Rechowoth: Als erfreuliche Tatsache ist zu melden, daß von den ca. 100 jemenitischen Familien, die in den letzten Wochen in Jaffa eingetroffen sind, 30 Familien mit beinahe 70 Seelen in unserer Kolonie Arbeit und vorläufige Unterkunft gefunden haben. Männer, Weiber und erwachsene Kinder arbeiten im Felde oder bei den Kolonisten zu Hause. Es besteht die Hoffnung, daß die Jemeniten sich zu einem tüchtigen Arbeiterstämme heranbilden werden, und es ist sehr erfreulich, zu sehen, mit welcher Liebe unsere Kinder, besonders die älteren und verständigen, ihnen entgegenkommen. Erfreulich ist es auch, daß sämtliche jemenitische Männer zu lesen verstehen und es keinen Analphabeten unter ihnen gibt. Sie haben auch ihre Sefer Thoras mitgebracht und gedenken sich als eigne Gemeinde zu organisieren, da sie sich hier wohl fühlen und ständig zu bleiben wünschen. Unangenehm ist es nur, daß sie keine Wohnungen haben und in Ställen und Kellern sich aufhalten müssen. Es ist daher eine der dringendsten Aufgaben, den jemenitischen Familien" billige Häuschen zu errichten, die sie gegen mehrjährige Abzahlung eigentümlich erwerben könnten. Bei der bei uns allgemein herrschenden günstigen Stimmung für die Jemeniten kann man erwarten, daß die Kolonie gern ein größeres Grundstück für Bauplätze den Jemeniten unentgeltlich abtreten wird. Die in Palästina tätigen Kolonisationsinstitute sollten die Gelegenheit ergreifen, um durch