Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 8 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316361--51626-3345277- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Rabbiner Max, Moskau; Posow, Petersburg; Temkin, Jelisawefgrad, und andere hervorragende Gesinnungsgenossen. Der Vorsitzende des Odessaer Komitees, Ussischkin, von der Versammlung mit stürmischem Beifäll begrüßt, eröffnete die Konferenz mit einer kurzen Programmansprache. Das Komitee lege der Generalversammlung den Rechenschaftsbericht über seine Tätigkeit im Laufe seiner verflossenen dreijährigen Amtsdauer vor und erwarte mit ruhigem Gewissen das Urteil der Generalversammlung über seine Tätigkeit. Das Komitee sei bestrebt gewesen, die von der letzten Generalversammlung vorgezeichneten Wege zu wandeln, nach den von derselben aufgestellten Prinzipien und Gesichtspunkten zu wirken und ihre Beschlüsse durchzuführen. In diesem Sinne habe das Komitee es sich angelegen sein lassen, für einen weitverzweigten und nach modernen Prinzipien organisierten Informationsdienst zu sorgen, der eine gesunde Privatinitiative in jeder Weise zu ermuntern und fördern geeignet ist. In seiner eigentlichen Palästinatätigkeit habe das Komitee sich immer von der Ansicht leiten lassen, daß es seine Aufgabe sei, eine gesunde, rationelle KolonTsationstätigkeit zu entfalten, alles zu fördern, was in irgendeiner Weise unsere ökonomische und kulturelle Position im Lande zu stärken geeignet wäre. Das Komitee habe daher unwiderruflich das alte System der kleinen philantropischen Tätigkeit, die nur demoralisierend wirke, aufgegeben. Indes, wenn das Komitee auch bestrebt gewesen sei, im Sinne der Beschlüsse der letzten Generalversammlung zu wirken, so sei es sich doch dessen wohl bewußt, daß es viel zu wenig geleistet habe, daran, sei aber die Geringfügigkeit der ihm zur Verfügung gestellten Mittel schuld. Wichtiger indes als die Frage der vergangenen Tätigkeit sei die der zukünftigen Tätigkeit des Komitees. „Wir müssen uns klar darüber werden, daß uns große Aufgaben bevorstehen. Wenn irgendeine Idee, oder irgendein Werk nicht vorwärts geht so bedeutet dies schon eö ipso einen Rückschrittt. Die Neugestaltung der türkischen Staatsverhältnisse legt uns große Pflichten auf. Die Verjüngung des Ottomanenreiches kann für unsere Sache entweder „ssam chaim" oder „ssam mowess" werden. Wenn wir die Aufgabe der Zeit begreifen, wenn wir die Neuregelung der rechtlichen Normen in gehöriger Weise zu gebrauchen verstehen und eine rege, intensive Tätigkeit auf allen Gebieten des ökonomischen und kulturellen Lebens entfalten, wird unsere Arbeit unzweifelhaft von Erfolg gekrönt sein. Tun wir es aber nicht, so werden es andere tun. Palästina wird dem Volke gehören, welches zuerst Kapital, Arbeit und Intelligenz dorthin bringen wird. Woher wären aber die erforderlichen enormen Mittel zu beschaffen? Darauf hat bereits der größte Jude des neunzehnten Jahrhunderts die Antwort gegeben: „Am Anfang war die Idee und dann das Geld." Bei der Mobilisierung der Kräfte für unsere großen Aufgaben dürfte vielleicht unserer kleinen Gesellschaft eine bedeutende Rolle zufallen. Die offene See durchkreuzen die großen Schraubendampfer, nahe am . Strande aber werden diese im Schlepptau kleiner Kutter in Bewegung gesetzt. Unser kleines Komitee, das nahe an unserem Hafen liegt, wird sich erlauben, Ihnen eine Reihe von Plänen vorzulegen, die nicht nur seine eigene Tätigkeit, sondern auch die anderer Gesellschaften und Organisationen betreffen. Unser Arbeitsprogramm läßt sich kurz formulieren: Land, Arbeit und Schule. In erster Reihe werden wir unser Augenmerk auf die „Land"frage zu richten und über Mittel und Wege zu beraten haben, wie unser Landbesitz in Palästina zu erweitern wäre. Hierzu ist die Schaffung eines Agrarkredits ein Gebot der Notwendigkeit. Wir wollen nun an dem Zustandekommen dieses Kredits nach Kräften mitarbeiten. Sodann werden wir uns mit der Arbeiterfrage-zu befassefi haben. Die Entwicklung der jüdischen Arbeit in Palästina, der mV 'dustriellen sowohl wie der agrikultureilen, ist eine Hauptbedinguog. für das Gedeihen unserer Sache. Leider sind in unsern eigenen^ Reihen manche Reibungen vorgekommen, die diese friedliche Entwicklung zu beeinträchtigen geeignet sind. Unsere besten ideal veranlagten Arbeiter in Palästina haben leider nicht immer den nötigen Takt an den Tag gelegt, noch mehr aber ist es zu bedauern, daß manche unserer verdienstvollen, im Dienste unserer Sache ergrauten Freunde in Palästina nicht die zu erwartende Rücksicht auf unsere Arbeiter zeigten. - Von dieser Tribüne soll nun in dieser Sache ein autoritatives Wo/t ausgehen, das man von Kastinie bis Metulah beherzigen soll. Uber eines müssen wir uns klar sein: Nur das Land wird unser sein, das mit unserm Schweiß getränkt wird. Ein weiterer wichtiger Faktor unserer Palästinaarbeit ist die Schule. Unsere Konferenz wird sich daher auch mit unsern Aufgaben auf diesem Gebiete zu befassen haben. All dies hat aber nur dann Sinn und Bedeutung, wenn unsere Arbeitskräfte vereinigt, wenn wir organisiert sind. Wir werden daher auch die Frage der Organ isatian der palästinensischen Judenheit in Erwägung zu ziehen haben. Versuche, die leider fehlgeschlagen haben, sind1 ja auf diesem Gebiete schon vor fünf Jahren gemacht worden. Dies sind unsere Aufgaben. Wohl werden in der Beratung vielfach die Meinungen auseinandergehen, es wird aber ein Streit um der guten Sache willen sein, eine „machloketh Tscnem schamajim." Alle sind wir ja durch eine Idee vereinigt, durch das Streben, ein einiges, ökonomisch und kulturell starkes Judentum in unserer alten Heimat zu schaffen. Lange Zeit herrschten bei uns verschiedene Ansichten darüber, wie unser Ziel zu erreichen sei. Manche glaubten, daß die Verwirklichung unseres Ideals eines schönen Tages lediglich durch eine günstige politische Konjunktur eintreten wird, wieder andere machten dies von einer dauernden, vieljährigen Erziehungsarbeit in der Diaspora abhängig. Die Tatsachen lehren uns, daß diese wie jene nicht das richtige trafen. Nur durch eine unentwegte, aber auch unverzügliche Arbeit werden wir unser Ziel erreichen. Es ist eine Zeit, wo „auch der Schwache sprechen soll: ich bin ein Held". Unser Geschlecht darf sich glücklich schätzen, daß es in einem so wichtigen historischen Moment lebt. 18 Jahrhunderte lang war, wie in jenem Wundermärchen, unsere Prinzessin Palästina in Zauberschlaf versunken. Wenden wir nun alle Energie und Tatkraft an, um der Prinz zu werden, der berufen ist, den Zauberbann zu lösen, die Prinzessin zu neuem Leben zu erwecken. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Nachdem Herr Lewinsohn die Konferenz im Namen des Klubs „Bessjeda" begrüßt hatte, schritt man zu den Wahlen des Präsidiums. Gewählt wurden per Akklamation als Präsident: HerrM.Ussischkin; Vizepräsident: Dr. Himmelfarb; Sekretäre: M. L. Lilienblum, Dr. Sapir, Rechtsanwalt Triwas, A. Drujanow (Wilna), A. Goldstein (Petersburg), Rechtsanwalt Gninbaum (Warschau). Der Vorsitzende gedenkt sodann der Gesinnungsgenossen und Mitarbeiter, die im Laufe der verflossenen drei Jahre dahingegangen sind. Es sind dies: der gewesene Vorsitzende des Odessaer Komitees A. Grünberg, Dr. Leo Kohan, Dr. Bendersky, Dr. Plaskow und viele andere; ferner gedachte er unserer ausländischen Freunde, der Herren Dr. Kokesch und Dr. Leopold Kahn, sodann unserer Freunde, die* in Palästina wirkten und dort ihre Grabstätte fanden: Stampfer, der Begründer von Petach-Tikwah, Henkln (Chederah) ein stiller Held und Opfer der Kolonisation, Maler Hirszenberg u. a. Die Anwesenden erhoben sich zum Trauerzeichen von ihren Plätzen. Es folgt sodann eine sehr lebhafte Debatte über den Rechenschaftsbericht des Komitees, an der sich die Herren Rabbiner Mase, B. Goldberg, A. ßeruchow, Agronom Sußmann, J. Rabbinowitz, Goldstein, Drujanow, Brontmann,. Schapiro, Lilienblum, Schimkin u. a. beteiligten. Boris Gold berg hat auszusetzen, daß das Komitee, anstatt ein bescheidener Hilfsverein zu sein, eine große Kolonisationsgesellschaft sein will. Hierfür aber fehlen ihm die Mittel. Er tadelt ferner das Verhalten des Komitees, gegenüber den Institutionen und Organisationen, die verwandte Ziele verfolgen. Die Kritik des Komitees an dem Arbeitsplan der Palestine Land Development Company hat dieser in Rußland viel geschadet. Indes hat die P. L. D. C. sehr wichtige Kolonisationsaufgaben. Nur in der Weise, wie die Company zu arbeiten gedenkt, kann der jüdische Landarbeiter in Palästina seßhaft gemacht, seine Besitzung nicht nur mit Land, sondern auch mit dem nötigen Inventar versehen werden. Das Komitee müsse sich dessen bewußt werden, daß seine Tätigkeit nur dann von Nutzen sein würde, wenn es sich nur als Glied in der großen Kette der unserer allgemeinen Sache dienenden Institutionen und Personen betrachten würde. A. M. Boruchow: Das Komitee müsse sich unwillkürlich als eine Palästinäkolonisationsgesellschaft betrachten, da es ja tatsächlich keine andere gibt. Das Komitee müsse sich das Recht bewahren, Untätigkeit seitens der verwandten Insiitutiorien und Organisationen zu rügen. Es muß in diesem wichtigen Momente gleichsam das wachende Gewissen aller derer sein, die Aufgaben in Palästina haben. Die langjährige Arbeit des Komitees in Palästina, seine unmittelbare Berührung mit Land und Leuten bringt es einfach mit sich, daß ihm die Palästinaarbeit näher steht als den andern. In gleichem Sinne spricht auch Herr Rabinowitz. Agronom Sußmann konstatiert, daß die Redaktion des offiziellen zionistischen Organs „Rasswjet" es abgelehnt hat, einen sachlichen, fachmännischen Artikel von ihm zu veröffentlichen. GoIdstein weist auf die Tätigkeit der A. P. C. hin. Die Sucht der Komiteemitglieder und der ihnen nahestehenden Presse, immer an den andern Kritik zu üben, bringe nur Schaden. Im gegenwärtigen Momente müßte man es ganz besonders auf Einigung und positive Arbeit absehen, anstatt fruchtlose Kritik zu üben. Drujanow wirft dem Komitee vor, daß seine Tätigkeit sich nur auf Jaffa und die umgebenden Kolonien erstrecke, das übrige Palästina vernachlässige es.