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Die Welt · 1909-02-19 · 8 (19.2.1909) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
8 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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empfinden; sie haben eben den palästinensischen Qeist in sieh, atavistisch, oder durch langes Studium erzergt. Wie in Palästina jedermann die Bibel empfindet, kann sie anderwärts nicht empfunden werden. Man kann auch anderwärts eine „Mischnah" des „Sseder Zeraim", jenes Teiles, der die Saaten und die Pflanzen behandelt, trotz aller ausgeklügelten Kommentare gar nicht recht verstehen. Man greift aus der „Thora" nur dasjenige heraus, für das man auch in der Diaspora, im Ghetto Verständnis haben kann, — die Geldstreitigkeite'n, die sogenannten „Dine Mömonoth", oder jene Teile des Zeremonialgesetzes, die auch für die Diaspora Geltung haben. Die ,,Thora" in ihrer Ganzheit kann nur in Palästina wieder aufleben. Was wir in der Diaspora besitzen, das sind kaum Fragmente! Fragmente einer nationalen Kultur und — sagen wir es offen heraus: kaum dämmernde Erinnerungen und Ahnungen eines Nationalgefühls. Das richtige Nationalgefühl wird sich erst in Palästina entwickeln. -Dort wird es sein, was es sein muß: das freudige Bewußtsein der Zugehörigkeit zu eirier Volksgruppe, die in einer gewissen Einheit . den Zusammenhalt und das eigentümliche Gepräge seiner Kultur hat, in Leben und Sitten und Sprache. Hierin und nicht in den Äußerlichkeiten der Staatsverhältnisse liegt der Schwerpunkt unserer Bestrebungen. Was wir wollen, ist, in der historischen Heimat die Bedingungen für eine ungehemmte Entwicklung unserer Nationalität zu finden. Wenn wir die Worte nicht schablonenmäßig benützen, sondern in deren Sinn tief. eindringen, dann begreifen wir,, wie ernst, und tief der Zionismus im Lichte dieser Anschauung erscheint. Was ist denn eigentlich Nationalgefühl? Das Nationalgefühl, aus natürlichem Gemeingefühl und geschichtlich bedingtem Einheitsgefühl er- .wachsen, gründet sich nicht auf ein einzelnes Unternehmen einer einzelnen Gruppe von Menschen oder einen einzelnen Moment, sondern auf einen gewissen eigenen, angeborenen Kultur wert des bestimmten Volkes, und spricht die Wertschätzung desselben als einer eigenartigen Verkörperung des Menschengeistes, die durch besonderen Lebensinhalt die Menschheit bereichert, dahin aus, daß für die eigene Nation das Recht behauptet wird, innerhalb der Völkerwelt ihre Existenz zu bewahren. Dieses Gefühl ist sehr verschiedener Entwickelun^ in Kräftigkeit und Gestaltlingsform fähig. Es bewährt sich sichtlich in der Freude an dem Gedeihen des eigenen Volkstums, in der Förderung seiner Tüchtigkeit, in der Beziehung der eigenen Berufstätigkeit-auf die Wohlfahrt des Ganzen und in der Aufopferungsfähigkeit für das Gemeinwesen. Außerdem; hat dieses Gefühl spezifische Seiten, die nur der einen und > nicht derandernNation eigen sind. Esmuß diese spezifische Seiten haben, denn sonst wäre es nur Nachahmung, also eine Fortsetzung seines Gegenteils: der Assimilation. Und die spezifischen Seiten des jüdischen Nationalgefühls sind eten geistiger Art-. Wir sind kein herrschsüchtiges, abenteuerliches, proselytenwerbendes und aggressives Volk; wir sind eine geistig veranlagte Nation, die sich im Frieden ausleben will. Unsittliche Abwege des'Nationälgefühls sind die oberflächliche Nationaleitelkeit, die beschränkte Selbstüberhebung über andere Völker, die Verblendung gegen fremde Vorzüge und Leistungen, die Nationalleidenschaft in der Form des gehässigen Neids, der Eroberungsgier, des Chauvinismus. Vor all diesen Auswüchsen sind wir eben dadurch gewahrt, daß bei uns die geistigen Werte eine Hauptrolle spielen. Es ist die vollständigste Begriffsverwirrung, wenn man uns mit den Nationalisten und Chauvinisten anderer Völker identifiziert. Das Judentum als Ethik ist so kosmopolitisch wie keine Lehre der Welt. Indem es alle Menschen als Brüder ansehen lehrt, begründet es ein ausgesprochenes Gemeingefühl der verschiedensten. Völker und Rassen und schließt prinzipiell die unsittlichen Antriebe des Stammesegoismus aus. Im Judentum liegt also von vornherein die Aufhebung der nationalen Beschränktheit und Gehässigkeit. Wasim Judentumbegründet ist, kommt im Zionismus, der doch eine Quintessenz des Judentums darstellt, mit allerMacht derLogik und der Tradition zur Geltung. Nur machen die Assimilationsprediger in diesem Punkte einen Fehlgriff. Mit dieser Wahrheit, von der wir tiefer durchdrungen sind als sie, wollen sie das jüdische Volkstum aus' der Welt schaffen. Hier beginnt der Trugschluß. Das Judentum verwirft die gehässige Abgeschiedenheit, und diese Beschränktheit verwirft natürlicherweise auch der Zionismus. Es liegt aber in diesei Anschauung des Judentums nicht die Aufhebung nationaler Unterschiede als solcher, und am allerwenigsten die Aufhebung der jüdischen nationalen Unterschiede. Das Judentum, das alle natürlichen Bildungen anerkennt, kann die Mannigfaltigkeit nationaler Gliederung der Menschheit nicht unterdrücken oder vernichten wollen. Außer den Lehrsätzen und Traditionen der Alten drängt alles Lebendige und Moderne zur Schaffung einer nationalen Kultur. Alle wertvolle Literatur und Kunst hat nationalen Charakter. Das international Farblose ist zugleich das formalistisch Wertlose; das, was wir gleich den andern machen, kann auch von den andern, vielleicht besser, gemacht werden. Was für die Menschheit Bedeutung hat, das sind unsere nationalen Werte. Der Untergang einer solchen Nationalität, die einen. Kulturwert vertritt, würde eine Beeinträchtigung des Geistesbesitzes der Menschheit bedeuten. Auch führt die Abschleifung des Nationalen durchweg zur Auflösung der Geschlossenheit der Persönlichkeit. Die Individualität ist eben in sich national bestimmt und kann dieses Gepräge nicht ohne tiefe innere Schädigung abstreifen. Deshalb bedeutet der Zionismus das Wieder-natürlich-werden der jüdischen Persönlichkeit. Diese einfachen^ Wahrheiten müssen wir uns fortwährend1 gegenwärtig halten. Genug der Ghetto- Nörgelei und der geistreichen Skepsis! Die Zweifel und Grübeleien lähmen die sittliche Energie und zerstören die Arbeitsfreudigkeit, während durch einen festen und unwandelbaren Entschluß, — bei Individuen wie bei Völkern,. — auch das unmöglich Scheinende möglich gemacht werden kann. Der Anfang aller Kultur ist ein gesunder,-fester, unermüdlicher Wille. N. S. Die Naturalisation nach türkischem Rechte Von Dr. Jakob Thon, Jaffa Die Türkei ist in bezug auf die Erteilung der Bürgerrechte an fremde Untertanen im Gegensatz zu vielen europäischen Staaten sehr liberal. Dies erklärt sich allerdings dadurch, daß die Türkei zunächst gezwungen war„ Eingriffe fremder Mächte in ihre Souveränitätsrechte abzuwehren. Durch die Kapitulationen sicherten

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