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Die Welt · 1909-02-19 · 8 (19.2.1909) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
8 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIEMKE LT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 \^ ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG 'XIIL JAHRG. * KÖLN, 19. Februar 1909 purfc □ "nn'tf n"D No. 8. PALÄSTINA UND UNSERE NATIONALE KULTUR Der Zionismus ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine kulturelle Bewegung. Der Mensch lebt einmal nicht allein vom Brote, sondern hat auch höhere, geistige und sittliche Bedürfnisse. Ob dieser geistige Gehalt mehr traditionell oder mehr fortschrittlich sein wird, das hängt von der Stärke der Beteiligung der Vertreter der verschiedensten Richtungen ab. Eins .steht fest: das jüdische Volk muß sich geistig in Palästina ausleben können. Wirtschaftlich kann es sich auch vielleicht anderswo ausleben; geistig nur in Palästina. Alle anderen wirtschaftlichen Vorbereitungen sind Teile dieser Arbeit. Und ehe man nach dem Wert der Teile fragt, muß man das Ganze als solches zu schätzen wissen. Kein Volk auf Erden hat die Wahrheit dieser Wertschätzung so tief erfaßt, wie das jüdische, — seit Jahrtausenden. Das ewig wiederkehrende Motiv der Thora (Lehre) ist der glänzendste Beweis dieser Anschauung. Die Kultur ist für ein Volk nicht sein Alles, wohl aber sein Höchstes; denn erst sie vollendet alle anderen Güter und veredelt jede andere Angelegenheit. Die Traditionen stehen sehr hoch; aber Unwissenheit, Dummheit und Aberglaube lassen, die sonst guten und großen Traditionen zu heillosen Mächten werden, die, anstatt etwas Gutes zu schaffen,7 nur störend, kreuzend und verwirrend in das Getriebe des Lebens eingreifen. „Der Unwissende kann nicht fromm sein," — sagten die Alten. Über die unfrommen Wisser sagten sie: Mögen sie nur die Lehre pflegen; das Licht dieser Lehre wird sie schon zum. Gut^n? bekehren. Gewiß soll der Mensch nicht im Wissen' aufgehen; aber ohne das Wissen ist sein Tun und Sein blind, und nur im Lichte der Erkenntnis können die Überlieferungen ihre bestmögliche Gestalt annehmen.. Die geschichtlichen Erinnerungen sind für das Bewußtsein der Völker unmittelbar von der größten Bedeutung; aber auch sie schrumpfen zu kläglicher Enge zusammmen, wenn die Weite des Ausblickes auf das Großmenschliche fehlt. Überall tritt also die Weihe zu dem [m Grunde Guten erst dadurch hinzu, daß die Pflege des Wissens den Horizont für alles Menschliche erweitert und die Art lehrt, wie sich das Beste aus der Vergangenheit in größtem Einklänge mit der Gegenwart herausbilden und entstehen könne. Dies ist die allgemeine Aufgabe des Wissens, und im Vergleich mit dieser Wirkung sinken alle anderen äußerlichen Funktionen zu Tätigkeiten herab, die nur durch das Wissen einen Wert gewinnen. Dieser Grundgedanke, auf dem das ganze Judentum basiert, wird noch von einer andern Seite beleuchtet. Als die „70 Ältesten" den Pentateuch ins Griechische, das die größte Kultussprache der antiken Welt war, übersetzt hatten, klagten die Weisen und verstiegen sich zu einem paradoxal klingendem Satz: Der Tag, an dem dies geschah, gleiche dem Unglückstag der Tempelzerstörung. Allmählich gelangen wir dazu, die tiefe Wahrheit dieser Sentenz zu begreifen. Das Übersetzen, das Verallgemeinern, das Erleichtern des Verständnisses mag nach außen eine Bedeutung haben: gehören wir doch alle teilweise zum Geschlecht jener „70 Ältesten!" Aber echt ist nur, was in der Ursprache geschrieben ist. Die Lehre der jüdischen Nation unverfälscht, in ihrer ganzen Eigenart, kann nur in der Nationalsprache fortleben. Daß die „Schechina" (die Herrlichkeit Gottes) im Goluth schmachte, daß die „Thora" das harte Geschick ihrer umhergetriebenen Träger teile, dieser Begriff schien den Denkfaulen eine mystische Einbildung zu sein. In der Wirklichkeit aber kommt in dieser Vorstellung das Bewußtsein der Notwendigkeit des alten Heims, der historisch geweihten Stätte zum Ausdruck. Keine Spur von Mystik steckt darin, ist doch der Gedanke so klar und einleuchtend! Das Wissen muß, um sich zu verbreiten und auf die Generationen fortzupflanzen, irgendwelche Institutionen zu entsprechendem Gedankenverkehr zur Verfügung haben. Die Entstehung wissenschaftlicher, lehrender Klassen oder eines eigentlichen Lehrstandes, die Entwicklung eines geordneten Schulwesens, die Verlebendigung der Sprache, das Inbeziehungtreten zu der Naturumgebung haben eine lange Reihe von Kultlirvorgängen zur Voraussetzung, die vielleicht zum größten Teil praktischer Natur sind. Erst nach der Realisierung dieser Voraussetzungen wird die national jüdische Kultur, uralt und ewig-jung, in ihrer ganzen Pracht erscheinen. Im Goluth sind es nur einzelne, die durch die Kraft der Intuition die Erhabenheit und die Tiefe eines Kapitels der Propheten

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