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Die Welt · 1909-02-12 · 7 (12.2.1909) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
7 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
– (sequence 17)
Language
German
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russischen Juden mit Rat und Tat zur Seite stand, sondern auch (dadurch, daß man sie in den Ländern, wohin sie wanderten aufnahm. Nun liegt es auf der Hand, daß eine Einwanderung in bevölkerte Länder nicht unaufhörlich andauern kann, und daß an vielen Plätzen ein Punkt einmal erreicht werden muß, wo es keine barmherzige Tat mehr bedeutet, russische Juden aus Bialystok fortzunehmen und sie in ein übervolles Ghetto hinein zu setzen. Es gibt nicht ein Viertel in einer großen Stadt dieses Landes, das nicht Hunderte in Armut erstickter Menschen aufwiese, die glücklich wären, in ihre alte Heimat zurückkehren zu können, wenn die Wege offen ständen. Einwanderung bedeutet jetzt in einer wachsenden Zahl von Fällen nur eine Veränderung der Schwierigkeiten. So hat sich der jüdische Gedanke mehr und mehr der Kolonisation zugewandt, auf einem Platze, wo Raum ist für die große Masse. Palästina allein hat sich als geeignet erwiesen, eine beträchtliche Zahl Kolonisten anzuziehen, ohne das Lockmittel der finanziellen Vorteile, das den argentinischen Kolonisten angeboten worden ist... Der jüngste Versuch der Schaffung einer neuen Kolonisationskörperschaft in Berlin ist nur ein neuer Beweis dafür, daß die Periode, wo man die Einwanderung als Lösung der Judenfrage betrachtete, zu Ende ist, und daß das Mittel der Zukunft in der organisierten Kolonisation liegt." NOTIZEN Von den Bergjuden in Kaukasien Aus Odessa wird uns geschrieben: Ein jüdischer Reisender erzählt interessante Einzelheiten von dem Leben und den Sitten der Bergjuden in Derbent am Kaspischen Meere: Die Juden wohnen in einem besondern Viertel der Stadt, einem alten Ghetto, in kleinen, niedrigen Häuschen, die zumeist nur ein einziges Zimmer enthalten, das natürlich als Schlaf-, Wohn-, Speise- und Kinderzimmer für die ganze Familie dient. Irgendwelche Möbel sind meistenteils nicht vorhanden, und der Fußboden, und zwar ein sehr primitiver, ersetzt meistens auch gleichzeitig den Tisch. Die Gassen im Ghetto sind ungepflastert, eng und schmal und in der Regenzeit natürlich gänzlich unpassierbar. Die Kleidung der Juden ist dieselbe wie die der Perser, und nur an den schwarzen, brennenden Augen und den langen Bärten erkennt man den jüdischen Typus. Die meisten dieser Juden beschäftigen sich mit Gärtnerei, eine große Anzahl auch mit Teppichweberei. Vereinzelt gibt es auch Krämer und Händler unter ihnen, und auch beim Fischtransport werden vielfach Juden beschäftigt. In der letzten Zeit haben sie es auch mit .andern Gewerben versucht, aber sie können nur schwer mit den Persern konkurrieren, weil diese noch viel bedürfnisloser sind und deshalb immer noch billiger arbeiten können. In allen Berufen arbeiten übrigens fast ausschließlich die Männer; nur in der Gärtnerei sind hier und da auch Frauen tätig. Die Lage der Frauen ist, äußerlich betrachtet, schrecklich. Die Frau lebt in einem wirklichen Sklavenzustand, wie bei vielen orientalischen und bei allen niedrigstehenden Völkern. Schon gleich bei der Geburt wird das Mädchen vom Vater und von den Brüdern verachtet, während ein Knabe sehr geschätzt wird, weil er später dem Vater bei der Arbeit helfen kann, und weil er nach des Vaters Tode das „Kaddisch" (Totengebet) sagen wird. Das Mädchen wird denn auch ganz vernachlässigt. Alle Sorgfalt wird den Söhnen zugewendet. Erst wenn das Mädchen zwölf Jahre alt geworden ist — die Frauen sind in diesem Alter dort schon völlig erwachsen — und ihr Betragen dem Rufe der Familie gefährlich werden könnte, was bei dem gänzlichen Mangel an Erziehung nur allzu begreiflich ist, erst dann fängt man an, sich mit dem Mädchen zu beschäftigen, d. h. ihm einen Mann zu suchen. Natürlich wird der Mann ohne Wissen des Mädchens von den Eltern ausgesucht. Beide Schwiegereltern kommen zusammen, machen einen „Kiddusch" (Segensspruch), verzehren einige Nüsse, und das zwölfjährige Mädchen wird Braut. Es darf nun mit Männern überhaupt nicht mehr sprechen, ja, sie nicht einmal ansehen. Auf der Straße muß das Mädchen sein Gesicht mit einem Kopftuch verhüllen. Wenn es zufällig seinem zukünftigen Mann begegnet, so verbirgt es sein Gesicht noch mehr und bleibt stehen, bis der Bräutigam verschwindet. — In neuerer Zeit gibt es auch unter den dortigen Bergjuden schon einige Familien, die sich etwas den modernen Anschauungen angepaßt haben. Aber das sind vorläufig noch Ausnahmen, deren Zahl nicht so rasch steigen kann, da die große Mehrheit in überaus ärmlichen Verhältnissen lebt und wenig von der Außenwelt erfährt. Ein französisches Unternehmen in Syrien Wir lesen im „Journal des chambres de commerce", Paris: „Wir erachten es für nützlich, unsere Leser von der unter den Auspizien der „Action Coloniale et Maritime" erfolgten Gründung der „Gesellschaft tür französische Unternehmungen in Syrien" in Kenntnis zu setzen. Diese Gesellschaft, die am 29. Juli 19Ö8 gemäß den gesetzlichen Vorschriften eingetragen worden ist, hat zum Zweck die Ausbreitung und Verteidigung der französischen ökonomischen Interessen in Syrien. Diese Interessen sind beträchtlich. Sie könnten und sollten es noch mehr sein. Syrien bietet vom kaufmännischen Standpunkte aus heute europäischen Produkten die Möglichkeit eines Absatzes im Werte von 50 Millionen Francs. Die Eroberung dieses wunderbaren und riesigen Marktes dürfte die Mühe neuer Anstrengungen lohnen." Heilsbotschaft aus Texas Wir lesen im American Hebrew: „Sind Sie ein Jude oder ein Judaist? Was ist der Unterschied? Gut, passen Sie auf! „Geburt macht einen Mann zum Juden, Erziehung zum Judaisten". Wenn Sie ein Jude und gut erzogen sind, sind Sie beides, wenn Sie gut erzogen, aber kein Jude sind.....nun, ich möchte mich nicht blamieren. Abonnieren Sie den „Southwestern Judaist'1. Sie werden zwar nachher nicht klüger sein, denn zuvor, indessen wird dies vielleicht mit dem Herausgeber, oder wenigstens mit dem Geschäftsführer der Fall sein. Texas ist, wie Sie wissen, auf einmal eine Quelle des jüdischen Heils geworden, und nun hat sich Dallas aufgemacht, um mit Galveston um die Palme zu ringen. Dallas ist der Ort, wo der Judaist, das neue jüdische Wochenblatt, erscheint. Der Judaist verkündet eine Spezialbotschaft, deren Kern ist, daß „Geburt zum Juden macht, Erziehung zum Judaist". Der Rest ist nicht so klar, und selbst ein Epigramm wie dieses: „Judaismus ist nicht mehr und nicht weniger wie Lebensart, und Lebensart ist ein Produkt der Umgebung", selbst eine solche Erklärung kann uns nicht viel helfen. Ich bin erfreut, zu erfahren, daß Mr. Jonas A. Rosenfeld, der Chefredakteur des Blattes, ein auskömmliches Einkommen besitzt. In diesem Falle genügt es ja, wenn Mr. Rosenfeld selbst die Botschaft des „Judaist" versteht. Ich bin sicher, daß die Zeitung ihm viel Spaß machen wird". Jüdisch als Universalsprache Wir lesen im „American Hebrew": „Vor einiger Zeit schlug ein Herr B. T. im „The Globe", New York, vor, die jüdische Sprache zur Weltsprache zu machen, und jetzt wird diese Anregung in einem Leitartikel des „Post Despatch", St.Louis, wieder aufgenommen. Die Zeitung lenkt die Aufmerksamkeit der Esperantisten auf die jüdische Sprache und stellt ihnen in Aussicht, daß ihre Bewegunobedeutend größere Fortschritte als jetzt inachen werde, wenn sie das Jüdische als Universalausdrucksmittel annehmen. Diese Sprache, sagte er, ist sehr leicht zu lernen, hat eine leichte Grammatik und besitzt vorzügliche Ausdrucksmöglichkeiten. Wirklich eine gute Anregung! Auch möge daran erinnert werden, daß diese Sprache bereits von fast sieben Millionen Menschen gesprochen wird, und daß sie über den größten Teil der Erde verbreitet ist, %p daß sie in einem gewissem Sinne bereits als Weltsprache bezeichnet werden kann. Der Fremde, der Jüdisch kann, wird niemals in Verlegenheit kommen; überall wird er freundliche, liebenswürdige und humorvolle Leute finden, die froh sind, in dieser Sprache mit ihm verkehren zu können und ihm die Hand zum Willkomm zu bieten. Man sollte mit einer Propaganda für diese Idee beginnen; indessen ist zu fürchten, daß gewisse Schwierigkeiten entstehen würden. Viele würden sich vielleicht dem Plane widersetzen, und insbesondere möchten jüdische Kreise, und zwar vor allem die Anhänger einer radikalen Schule des Judaismus, sich dem widersetzen. Die jüdische Sprache ist zu sehr mit dem jüdischen Leben verknüpft; eine Kenntnis des Jüdischen würde bedeuten, daß man sich mit dem jüdischen Volke identifiziert, und dem widerstreben viele Juden" (?). (Komitee zur Herausgabe der gesammelten Schriften Dr. Nathan Birnbaums.) Unter , diesem Titel traten Delegierte der gesamten jüdischen Studentenschaft von Czernowitz zusammen, um eine Gesamtausgabe der Werke Dr. Nathan Birnbaums, welcher in der Literatur unter dem Namen „Mathias Acher" bekannt ist, zu ermöglichen. Die Mehrzahl der Arbeiten dieses hervorragenden jüdischen Führers ist dadurch, daß keine Neuauflage erscheint und da außerdem das meiste in Zeitschriften verstreut ist weitern Kreisen nicht leicht zugänglich. Um nun diesen einen Überblick über die Gesamtheit seiner Schriften zu erleichtern, hat das genannte Komitee die Herausgabe derselben auf breitester Grundlage beschlossen und bereits in Angriff genommen.

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