Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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für die man eine Ausnahme macht. Dieses Häuflein Assimilatoren betrachtete die polnische Öffentlichkeit als aufgeklärte und rechtmäßige Führer des jüdischen Volkes. Auf diese Weise haben die Assimilatoren den Fortschritt monopolisiert, man unterhandelte mit ihnen in allen jüdischen Angelegenheiten als mit den Vermittlern zwischen Polen und der jüdischen Masse. Und die Zionisten? In der Einbildung eines jeden durchschnittlichen Polen ist der Zionist ein fanatischer Agitator, welcher die die Menge hetzt, indem er die Losungen des Rassenhasses idealisiert, ein unzurechnungsfähiger Träumer, wenn er aufrichtig ist, — oder ein gefährlicher Betrüger, wenn er hinter den Programmlosungen die tückische Absicht der Wiederaufrichtung Palästinas . . . in Polen verbirgt. Als vor einigen Jahren ein Kreis der polnischen „Senioren", der Vertreter der liberalen Aristokratie, zu denen sehr geschätzte Persönlichkeiten, wie der bekannte Historiker Spasowitsch, Professor Baranowski, Professor Holewinski u. a gehörten, einige zionistische Führer eingeladen hatten, um sich aus der ersten Quelle über das Wesen dieser neuen und interessanten Strömung zu informieren, haben die Neuigkeit der Ansichten, die sie zu hören bekamen, die Begeisterung des Redners und eine vollständig neue Behandlung der Frage, deren Lösung man bis jetzt nur in der Assimilation sah, einen großen Eindruck auf die „Senioren*4 gemacht. Vor ihren Augen eröffneten sich, wie sie selbst sagten, neue Horizonte. Die ehrwürdigen Greise, vertieft in die Kontemplation der Vergangenheit und insbesondere in die strahlende Idylle des Jahres 1863, wo der polnische Jude so viel Patriotismus bewiesen hat, konnten sich für die moderne Konzeption des Zionismus nicht begeistern, doch verschwand ihr Unwille, und das Mißverständnis wurde aufgeklärt. Und im gegenwärtigen Momente, unter dem augenscheinlichen Krach der Assimihtion, entstand in der polnischen Öffentlichkeit ein großes Interesse für die Judenfrage. Der Antagonismus wird immer stärker. Und dazu kam noch die Rabbinerkonferenz in Warschau, welche in vielem und insbesondere durch ihr Liebäugeln mit den maßgebenden Kreisen an die Konferenz der russischen Missionäre in Kiew erinnerte. Die polnische Öffentlichkeit betrachtet mit Angst dieses Wachstum des jüdischen Nationalismus, und in allen polnischen Blättern erschienen Aufsätze, in denen man ein Bedauern über den Verfall der Assimilation kundgab. Jetzt ist nach unserer Meinung der Augenblick gekommen, wo man im Interesse des Zionismus eine Aktion unternehmen muß, um das wahre Wesen des Zionismus, sei es durch Aufsätze, Vorlesungen oder Publikationen vor den breiten Massen des polnischen Publikums zu beleuchten. Bulgarien Die Kommission der Alliance in Sofia Die Kommission der Alliance, bestehend aus Rabbi Israel Levi, Dr. Porges und M. Benedict, kam am Sonntag den 24. Januar in Sofia an. Sie wurde am Bahnhof von Vertretern der sephardischen Synagogen und den Schulkomitees empfangen. Infolge einer Erkrankung war es dem Oberrabbiner unmöglich, beim Empfang zugegen zu sein. Bei einer von der Kommission veranstalteten Konferenz waren Vertreter verschiedener bulgarischer Gemeinden zugegen. Bei der ersten Versammlung hielt Rabbi Levi eine Ansprache, in der er ausführte, daß keine der Allianceschulen, die er besichtigt habe, auf ihn einen so schlechten und entmutigenden Eindruck gemacht habe wie die in Sofia, die in jeder Hinsicht rückständig sei. Das war natürlich den Vorstehern der Schule nicht angenehm zu hören. Indessen drückte der Oberrabbiner in einem Schreiben sein volles Einverständnis mit der Alliance aus, deren Schul werk in Bulgarien hohes Lob verdiene. Er sprach die Hoffnung aus, daß Reformen eingeführt werden möchten, insbesondere möge der hebräische Unterricht verbessert werden. Die Kommission blieb zwei Tage in Sofia und setzte ihre Reise fort. (Jewish Chronicle.) Amerika Konferenz jüdischer Farmer Ein in der Geschichte des jüdischen Volkes einzig dastehende Konferenz fand in der letzten Januarwoche in New-York statt. Die Delegierten dreizehn jüdischer Farmerorganisationen kamen zusammen, um ihre Berufsangelegenheiten zu besprechen und Maßregeln zwecks einer strafferen Organisation der jüdischen Ackerbauer Amerikas zu treffen. Die Konferenz war das Resultat einer Einladung des Herausgebers der in jüdischer Sprache erscheinenden Monatsschrift „Der Jiddische Farmer", Mr. Joseph Pinkus, der die Delegierten begrüßte und den Zweck der Konferenz auseinandersetzte. Mr. Samuel P. Becker aus Ellenton, Conn., wurde zum Vorsitzenden gewählt, Mr. Pinkus fungierte als Schriftführer. Den interessantesten Teil der Verhandlungen bildeten die Berichte der einzelnen Delegierten. Mr. Israel P. Grosrnann aus Golchester, Conn., berichtete, daß in der-Nachbarschaft seines Wohnortes mehr als 100 jüdische Farmer lebten, von denen 46 der dortigen Lokalorganisation jüdischer Farmer angehören. Hauptprodukt der dortigen Betriebe ist Milch, die die Farmer an eine Molkereigesellschaft verkaufen. Das letzte Jahr war recht befriedigend. Die einzige Klage, die die Farmer vorzubringen haben, betrifft die Behandlung, die ihnen von seiten der Molkereigesellschaft zuteil wird. Jüngst weigerte sich die Gesellschaft, fürderhin von einigen der Organisation angehörenden Farmern weiter Milch zu beziehen. Indessen war die Organisation stark genug, die Gesellschaft zu zwingen, von der ungleichen Behandlung ihrer Mitglieder abzustehen. Samuel Weil von Oakdale, Conn., berichtete, daß in der dortigen Gegend über 100 jüdische Farmer wohnten, von denen 64 organisiert waren. Sie haben eine Talmud-Thoraschule gegründet, worin 18 Kinder ünterrichtet werden, auch haben sie einige Freiplätze in New-Yorker jüdischen Waisenhäusern gestiftet. In Flemington, N. J., wohnen 18 jüdische Farmerfamilien mit 105 Seelen, die 1260 Ar Land im Werte von 130 000 Mark besitzen. Der Boden ist von der Agricultural Aid Society erworben und ihnen gegen Ratenzahlung überlassen worden. Auch hat diese Gesellschaft die notwendigen Gebäude errichtet. Die dortigen Farmer sind alle sehr tätig und hoffnungsfroh, wenn sich auch Kapitalmangel fühlbar macht. In Willis, Mass, wohnen 20 jüdische Ackerbauerfamilien, in Norma, der ältesten jüdischen Farmerkolonie, die bereits 26 Jahre besteht, 100. Diese züchten hauptsächlich Gemüse und Obst. Die süßen Kartoffeln aus Norma genießen in New-York einen wohlbegründeten Ruf. 18 Farmer, Mitglieder der Organisation, verkauften im letzten Jahre allein für über 60 000 Mark süße Kartoffeln. Die Kolonie Rosenhayn zählt gleichfalls über 100 Familien, die ebenfalls hauptsächlich Gemüsezucht treiben. Verschiedene junge Leute, die die Kolonie verlassen hatten, sind im letzten Jahre wieder dahin zurückgekehrt. Die Karmel-Kolonie umfaßt 55 jüdische Farmer, die sich alle in sehr guten Umständen befinden. Auch sie treiben Gemüsezucht und Gartenbau, die Produkte der Kolonie werden sehr leicht abgesetzt. In der Kolonie befinden sich einige Geschäfte, deren Angestellte die Söhne der Kolonisten sind. In Woodbine wohnen 32 jüdische Farmer. Dort ist die Gründung einer genossenschaftlichen Tonwarenfabrik beabsichtigt. In Ellenton, wo 32 jüdische Farmer mit einem Landbesitz von 3000 Ar im Werte von 400 000 Mark wohnen, wird hauptsächlich Tabackbau getrieben. In der Umgebung von Greenfield wohnen 300 jüdische Farmer, in Nassau 60 usw. usw. Die Delegierten, lauter kräftige, wettergebräunte Gestalten, äußerten sich im allgemeinen sehr hoffnungsvoll. Im Anschluß an die Konferenz fand auch eine Massenversammlung statt, wo die Farmer aus ihrem Leben berichteten und bei der zahlreichen Zuhörerschaft damit großen Beifall fanden. Die Verhandlungen der Konferenz betrafen sehr praktische Dinge, Milchverwertung, Absatz der Produkte usw. Mit einer Firma in Brooklyn wurden Verhandlungen wegen Milchverkaufs angeknüpft. Diese Verhandlungen führten zu keinem Abschluß, da die Firma eine große finanzielle Garantie verlangte und die Farmer nicht willens waren, sich zur Aufbringung dieser Summe an jüdische Wohltätigkeitsanstalten zu wenden. Sie wollten selbstständig bleiben und ihre Einrichtungen nicht mit Wohltätigkeit verknüpfen. Es wurde beschlossen, die verschiedenen Farmervereine zu einem „Jüdischen Farmerverbande Amerikas" zusammenzuschließen. Auch soll im nächsten Jahre eine große Ausstellung landwirtschaftlicher Produkte veranstaltet werden. Die Paßfrage auf der Jahresversammlung des Jüdischen Gemeindebundes von Amerika Die einundzwanzigste Jahresversammlung der Union of American Hebrew Congregations, des Verbandes jüdischer Gemeinden Amerikas, die am 19., 20. und 21. Januar in Philadelphia stattfand, nahm in sehr energischer Weise Stellung gegen die entwürdigende Art und Weise, in der es Rußland beliebt, nicht nur die eigenen Juden, sondern auch die jüdischen Angehörigen fremder Staaten unter Ausnahmegesetze zu stellen. In äußerst heftiger Weise wurde gegen diese Verletzung der Verträge Stellung genommen und eine Resolution angenommen, in der dargestellt wird, daß dieses keine jüdische, sondern eine amerikanische Frage sei, weswegen alle amerikanischen Bürger aufgefordert werden, gegen diese Mißachtung amerikanischer Pässe durch die russische Regierung zu protestieren und dafür einzutreten, daß die geeigneten Maßnahmen ergriffen werden, um diese Ungerechtigkeit schleunigst zu beseitigen. Wie verlautet hat die amerikanische Regierung bereits Schritte eingeleitet, um von der russischen Regierung eine Beseitigung der Ausnahmebestimmungen gegen jüdische Bürger Amerikas zu