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Die Welt · 1909-02-12 · 7 (12.2.1909) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
7 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Österreich (Von unserm Korrespondenten). Der deutsch-tschechische Hader und die Juden Auf den deutsch-tschechischen Streit wirft die Assimilation ihre Schatten. Es zeigt sich in Lächerlichkeiten, aber auch bei der Lösung schwier,ger Probleme. Die Regierung Bienerth unterbreitete dem*Reichsrat einen Gesetzentwurf, betreffend die Errichtung von Kreisregierungen in Böhmen. Es ist ein Versuch der Regelung und Schlichtung nationaler Streitigkeiten, der uns hier weiter nicht zu beschäftigen brauchte, wiewohl er äußerst lehrreich ist für alle, die den Weg zur nationalen Selbstverwaltung zu suchen im Begriffe sind. Der gewesene deutsche Landsmannrninister Herr Heinrich Prade wirft, anknüpfend an die Vorlage, die Frage der Kompetenz der Kreisvertretungen auf. Vor allem entsteht nämlich die Frage der Erhaltung des Schulwesens. Exzellenz Prade behauptet nun, daß die Deutschen in Böhmen, die keine 40 V der Bevölkerung bilden, mehr als die Hälfte der Landesumlagen bestreiten, somit zur Erhaltung des tschechischen Schulwesens beitragen. Es ist ein Trugschluß. Zu den deutschen Steuerzahlern werden nämlich die meistens sehr wohlhabenden böhmischen Juden gerechnet. So entstand das Märchen von der hohen Steuerleistung der Deutschböhmen. So vergiftet die Assimilationslüge die nationale Frage in Böhmen, schafft Schwierigkeiten und Streitobjekte, die durch das bloße Aussprechen dessen, was ist, durch eine ehrliche Neutralitätserklärung der böhmischen Juden beseitigt werden könnten. Das Vernünftige ist aber noch nicht auf dem Wege. Die böhmischen Juden lassen sich von den deutschen Parteien in einer geradezu unwürdigen Weise mißbrauchen. Es ist kläglich genug, wenn der Tschechenführer Dr. Kramarz ihnen diese bittere Wahrheit sagen muß. In seiner letzten Parlamentsrede meinte er, die deutschen Fabrikanten sollen keine tschechischen Arbeiter aufnehmen, wenn sie die Tschechisierung deutscher Gebiete verhindern wollen. Die Deutschradikalen erhoben ein Geschrei. Abg. v. Stransky, der „Edle" denunzierte: „Das sind jüdische Fabrikanten! Deutsche Fabrikanten beschäftigen soviel als möglich nur deutsche Arbeiter." Abg. Dr. Kramarz: Wenn Sie die Juden zur Aufrechterhaltung des Deutschtums, namentlich in Prag, brauchen, dann sind sie Ihnen gut. Hier aber schmeißen Sie sie hinaus. Es ist nur verwunderlich, daß die Juden dies noch nicht eingesehen haben" . . . Noch eine bemerkenswerte Episode. Die deutschnationalen Studenten Prags, für die sich manche Berliner Juden begeistern und . . . bespucken lassen, opferten den Graben als glorreiche Bummelstätte und zogen auf den oberen Wenzelsplatz. Dort betätigen sie gemeinsam mit den katholischen Studenten ihr Deutschtum. Am Graben blieben die Deutschfreisinnigen allein, d. h. die deutschtümelnden Juden! Eine sehr eindringliche Äußerung kameradschaftlicher Zuneigung. Die Deutschnationalen verzichten auf jüdische Gefolgschaft Und die Juden? ... Es ist trostlos. Ritualmordgespenst Das Gespenst des Ritualmordes spukt wiederum in Böhmen, der Heimat der Hilsneraffäre. Ja, stehen wir denn schon vor Ostern? Die Hetzer gewisser Sorte scheinen aber ihre Leute zu jeder Zeit für dumm genug zu halten. In der Nähe Prags beging ein halbwüchsiger perverser Bursche drei Lustmorde an kleinen Mädchen. Skala, so heißt der Verbrecher, gestand seine Schuld, wo alles ohnehin gegen ihn zeugte. Trotzdem verbreiten unbekannte Agitatoren das schreckliche Gerücht, Skala sei nicht der Mörder. Ein Mann mit einem Koffer ist aufgetaucht, und die leichtgläubigen Aufgehetzten flüstern geheimnisvoll von einem aufgedeckten Ritualmord. Ein tschechischer Journalist, Herr Myskowski, macht in einem Blatt auf diese neukermende Massenpsychose aufmerksam. Der wegen Ritualmord verurteilte und eingekerkerte Hilsner ist ja ein Anreiz und Schulbeispiel für die gewissenlose Agitation. Die Tschechen sind gewiß ein Kulturvolk, aber das Anwachsen der katholisch-nationalen Partei beweist, daß es sich von mittelalterlichem Klerikalismus nicht gänzlich befreit'hat. Es gibt aber auch sogenannte „Radikale", die glauben, ihr böhmisches Staatsrecht nicht anders erobern zu können, als wenn sie die Juden zu Menschenfressern machen. Gegen planmäßige Verdummung kämpfen bekanntlich die Götter vergeblich. Informatiofrsbureau Das Landeskomitee des Verbandes „Zion" ist seit Jahren im Besitze von Ermäßigungen, die. vom Österreichischen Lloyd und_ der S,üdbtahagesejlschaft für Auswanderer, die nach Palästina gehen, gewährt werden. Danfc dieser .Vereinbarung, die vor einigen Jahren sogar viel weitgehender war, als es jetzt der Fall ist, würde Hunderten von jüdischen Palästinaemigranten, vor allem Arbeitern, Tausende von Kronen erspart. Diese erfreuliche Tatsache blieb naturgemäß kein Geheimnis, uud alle Auswanderer, die nach Palästina durch Wien reisen, wenden sich an die zionistische und poalezionistische Organisationen Wiens um Unterstützung. Leider gab es bis nun in Wien kein ständiges Bureau, das den Emigranten die gewünschten Auskünfte geben könnte, ihnen den kostspieligen Aufenthalt in Wien erleichtern würde. Es konnte trotzdem nicht verhindert werden, daß über das Ausmaß der Hilfe, die in Wien geleistet wird, ganz unzureichende, ja phantastische Gerüchte in Umlauf gesetzt wurden. So mancher Auswanderer glaubte, daß „man" ihm in Wien ohne weiteres eine Fahrkarte nach Jaffa verschafft. Dieses Mißverständnis kann mitunter für den Emigranten verhängnisvoll werden. Es ist daher freudig zu begrüßen, daß sich einige Hochschülef aus dem „Cheruth" und der „Bar-Kochba" unter tätiger Mithilfe des zionistischen Zentralbureaus für Westösterreich zusammengefunden haben, um in den Räumen der österreichischen Sammelstelle des Nationalfonds einen regelmäßigen Informationsdienst zu organisieren. Das derart entstandene Informationsbureau setzte sich bereits mit dem Odessaer Palästinakomitee und dem Jaffaer Palästinaamt. sowie mit den Informationsbureaus in Konstantinopel, Beirut, Haifa und Jaffa in Verbindung, um über den Stand des palästinensischen und syrischen Arbeitsmarktes stets informiert zu r.ein. Ferner setzte sich das gegründete Bureau mit dem Lloyd ins Einvernehmen, um für die Auswanderer der dritten Klasse und die Verdeckpassagiere erträglichere Reisebedingungen zu erwirken. Die Verwaltung des österreichischen Lloyd erklärte sich bereit, Maßnahmen zu ergreifen, um vor allem die Schlafstätten zu verbessern. Es ist Aussicht vorhanden, daß es gelingen wird, auch für die Fahrt von der russischen Grenze nach Wien einn Ermäßigung zu erlangen. Das ist nur noch ein Beweis dafür, daß man mit bescheidenen Mitteln, aber bei gutem Willen, umsichtiger Arbeit und etwas Initiative, Segensreiches schaffen kann. Die Fahrt nach Palästina auf dem Umwege nach Wien ist für Auswanderer aus Rußland unter allen Umständen kostspieliger. In vielen Fällen jedoch, so zum Beispiel, wenn es unmöglich ist, einen entsprechenden Paß zu erhalten, sind auch russische Juden gezwungen, den Weg über Wien zu nehmen. Es wird für die Palästina-Emigranten immerhin eine Erleichterung bedeuten, wenn sie in Wien nicht allein wie bisher auf die Intervention des Vorstandes der poale-zionistischen Organisation Wiens angewiesen sein werden, der kein ständiges Bureau besitzt. Das Informationsbureau wird regelmäßig funktionieren und ihnen mit Rat und Auskunft beistehen. Die Schadenersatzklage aus Anlaß eines Pogroms Die Entschädigungsklage, die ein großes Geschäftshaus gegen ein Mitglied der gemeinsamen Regierung, — und zwar gegen den Minister des Äußern, Freiherrn v. A ehren tri al — sowie gegen den gegenwärtigen österreichisch-ungarischen Konsul zu Braila in Rumänien, Herrn Wilhelm Pool, erhoben hat, machtein den letzten Tagen viel von sich sprechen. Es war nicht blos die Bedeutung und Eigenart des Falles, was die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Gerichtssache lenkte, sondern vor allem der Umstand, daß allen Nachrichten zufolge bei der vorläufigen formalen Behandlung der ungewöhnlichen Klage Differenzen besonderer *Art im Zivillandesgericht geherrscht hatten. Wie es scheint, war Oberlandesgerichtsrat v. Flesch mit der erfolgten Abweisung der Klage wegen Inkompetenz nicht einverstanden. Da sein Standpunkt nicht anerkannt wird, hat er die äußersten Konsequenzen gezogen und demissioniert. Die Vorgeschichte des Falles war folgende: Am 17., 18. und 19. Oktober 1905 alten Stils fand in der großen und bedeutenden Handelsstadt Rostow am Don, einem berühmten Kosakengouvernement, ein furchtbarer Pogrom statt, bei dem die sogenannten schwarzen Banden als Repräsentanten der Gegenrevolution ihr Unwesen trieben und der allgemeinen Annahme nach von den Organen der Lokalpolizei dirigiert wurden. Der Pöbel ging mit großem Terrorismus gegen das Bürgertum und hauptsächlich gegen die Juden vor. In dieser Stadt, die seitdem — vor drei Wochen — das Opfer einer Feuersbrunst wurde, lebte seit Jahrzehnten der österreichische Staatsangehörige Hermann T. als Besitzer eines großen Handlungshauses mit vielen Filialen. Bei dem Herannahen dieses Pogroms, das schon vorher bekannt geworden war, wendete sich der Chef der Firma — wie wir einer seiner gerichtlichen Eingäben entnehmen — an den zu dieser Zeit dort fungierenden k. k. Vizekonsul Wilhem Pool, um ihn auf die herannahende Gefahr für sein Eigentum aufmerksam zu machen, und ihn um seine Intervention dahin zu ersuchen, daß zum Schutze seines Geschäftes eine hinreichende Anzahl Kosaken bereitgestellt würde. Der Vizekonsul sagte diese Intervention zu, erklärte aber zugleich Herrn T. und seinem Prokuristen, daß für die etwa nicht

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