Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. ,7 153 Tone, — um so mehr schnaubt Wut gegen Zionismus und Zionisten das Leibblatt der Neologie: EgyenlösSg. Dieses Assimilantenblatt, das den Zionismus jahrelang totgeschwiegen hatte, ist nun zur traurigen Gewißheit gelangt, daß der Zionismus im Lande als Machtfaktor zu wirken beginne und daß die verlogenen Assimilationstheorien in der ungarischen Judenheit immer weniger Anklang finden. Anstatt das Memorandum einer Kritik zu unterziehen, wirft es den Zionisten Verrat an der ungarischen Judenheit vor, weil sie es wagen, offen ihr Judentum zu bekennen! Mezei Sändar, der unter dem Pseudonym Spektor die Fehde gegen den Zionismus führt, geht in seiner Unvornehmheit sogar so weit, sich an der Person des Präsidenten Wolffsohn zu vergreifen, dessen Budapester Aufenthalt er das Entstehen des Memorandums zuschreibt. Sein einziges Argument gegen das Memorandum lautet: man möge es nicht ernst nehmen! Fürwahr, ein schwacher Trost für die Assimilanten. Schließlich sei noch der zionistischen Zeitschriften Magyaror szägi cionista szervezet, Allgemei ne Jüdische Rundschau und Preßburger Jüdische Zeitung gedacht, die das Memorandum teils im Auszuge, teils wörtlich bringen. Amerika Eine zionistische Massenkundgebung Einer aligemeinen Forderung entsprechend, die eine authentische Information der jüdischen Öffentlichkeit über die gegenwärtige Lage des Zionismus, seine Aussichten usw. verlangte, hat die Federation of American Zionists die gleichzeitige Abhaltung einer Reihe von Versammlungen beschlossen, die sämtlich am Sonntag den 7. Februar in allen Bezirken Groß-New-Yorks stattfinden sollten. Die Absicht dieser Kundgebung ist, eine möglichst große Zahl von Juden mit den zionistischen Ideen bekannt zu machen. Der Plan ist allseitiger Zustimmung begegnet, eine Anzahl der bestbekannten zionistischen Redner Groß-New-Yorks hat sich in den Dienst dieses Unternehmens gestellt. Unter anderm waren folgende Redner vorgesehen: N. J. Phillips, Dr. J. Friedländer, Rabbi M. Kaplan, Rabbi Elias Solomon, Dr. B. Brachmann, Rev. H. P. Mendes, Samuel Strauß, Rabbi B. L. Levinthal, B. G. Richards, L. A. Kohn, Solomon Frankel, Rabbi J. Esterson und Rev. H. Masliansky. Folgende Synagogen und Säle waren unter anderm für die Vorträge vorgesehen: Jackson Avenue Synagogue, die Synagoge in der dritten Straße und die in der neunten Straße in Brooklyn, die West Hoboken Synagogue in New Jersy, die Moore-Street-Synagogue in Brooklyn und die Clinton Hall in New York. Die Vorträge werden sämtlich so eingerichtet sein, daß sie den Zuhörern ein Bild sämtlicher zionistischen Institutionen und insbesondere der Einrichtungen der Federation of American Zionists geben werden. Kanada Zionistische Massenversammlung in Toronto Mehr als 1200 Personen waren bei einer Massenversammlung anwesend, die am Sonntag den 17. Januar abends in Toronto stattfand.. Die Versammlung war veranstaltet von den United Zionists of Toronto, gemeinsam mit der kanadischen Federation und diente de? Propaganda für den Schekel. Der Versammlung präsidierte Mr. B. Stone, der Vorsitzende der United Zionists of Toronto und Mitglied des Vorstandes der kanadischen Federation. Die Schüler der zionistischen Schule eröffneten die Versammlung mit dem Vortrage der „Hatikwah". Redner der Versammlung war Rabbi Gordon aus Montreal, der eigens von Toronto herbeigekommen war und eine äußerst beifällig aufgenommene Rede hielt, in der er die Erfordernisse des gegenwärtigen Augenblickes überaus wirksam darlegte. Mr. L. Milles aus Buffalo unterstützte die gelungenen Ausführungen Rabbi Gordons durch eine meisterhafte jüdische Rede. Alles in allem war die Versammlung ein glänzender Erfolg, ihren Veranstaltern gebührt volles Lob. *1^5L NACHRICHTEN | Gustav Tuch | Am Abend des 2. Februar ist, wie wir bereits in unserer vorigen Nummer meldeten, Gustav Tuch an den Folgen einer Blinddarmoperation dahingegangen. Er stand im 75. Lebensjahre, kraftvoll, aufrecht und ungebeugt bis in die letzten Tage, ein jugendlicher Greis, der mit klugem Sinn, eisernem Willen und inniger Liebe zu seinem Volke die letzten Jahrzehnte seines Lebens ausschließlich der jüdischen Sache widmete. Acht Tage vor seinem plötzlichen Ende legte er in zwei aufeinanderfolgenden Vorträgen, zu denen er die zionistische Ortsgruppe mit andern Vereinen gemeinsam eingeladen hatte, in großzügiger Ausführung seine jüdische Lebensauffassung dar. „Jüdische Rasse und jüdische Idee" war bezeichnenderweise das Thema seiner Abschiedsrede. Er, der dem Judentum gänzlich Entfremdete, hatte, wie so mancher vor ihm, den Weg zum jüdischen Volkstum zurückgefunden. Sein letztes Wort war ein glühender Appell an die auseinanderstrebenden Glieder unseres Stammes, ein lauter Ruf nach Zusammenschluß aller jüdischen Kräfte zur Schaffung höchster jüdischer Kulturwerte in den Ländern der Zerstreuung, wie zur Arbeit an unserer Heimstätte in Palästina. Gustav Tuch, der dem religiösen Leben fern stand, war ein begeisterter Nationaljude. Vor drei Jahren fand er den Anschluß an den Zionismus. Er blieb ein stiller Arbeiter im Dienste unserer' Sache; noch vor 14 Tagen nahm er eifrig und mit klugem Rate an einer zionistischen Besprechung teil. Seine öffentliche Tätigkeit übte er weiter in den Kreisen seiner bisherigen Wirksamkeit, angeregt und beeinflußt von den zionistischen Ideen und ihren Vertretern. Gustav Tuch war der geistige Führer der Hamburger Loge; er wirkte richtunggebend auf die Entwicklung des Bne-Briss-Ordens in Deutschland. Seinem Einfluß und seiner Energie ist es an erster Stelle zu danken, daß der Orden heute in universell-jüdischem Sinne arbeitet. Er war der überragende Kopf innerhalb der jüdischen Gemeinde Hamburgs, in der er bis zuletzt als stellvertretender Repräsentantenvorsteher eine überaus fruchtbare und erfolgreiche Tätigkeit entfaltete. Er war Gründer und Leiter zahlreicher Vereine, die das Hamburger Gemeindeleben mit neuem, frischem Geiste erfüllten. Er war der Schöpfer der jüdischen Bodenkulturbestrebungen, ein eifriger Verfechter des Gedankens der Siedlungsgenossenschaft. Seiner Initiative entsprang das galizische Hilfswerk der Logen, der Kampf gegen den jüdischen Mädchenhandel u. v. a. Gustav Tuch war überall, wo es galt, die sozialen und geistigen Interessen der Judenschaft zu fördern. Er war schriftstellerisch gewandt, rednerisch begabt, von tiefer allgemeiner Bildung, von wissenschaftlicher Gründlichkeit und künstlerischem Sinn. Er war ein Menschenfreund und ein untadliger Charakter. Wie groß ist die Zahl derer, denen er im Fortkommen half, die er einem Berufe zuführte, die er durch stilles Wohltun und unermüdliche Hilfsbereitschaft unterstützte! Von Hause aus Kaufmann, lebte er seit Jahren ohne berufliche Tätigkeit; mit seiner ganzen Zeit, mit seinen reichen Mitteln, mit seiner hohen Begabung und seiner unzerstörbaren Hoffnungsfreudigkeit diente er seinen Brüdern. Die deutsche Judenheit trauert um einen ihrer Besten . . . __________ Dr. K. Gustav Tuch entstammte einer alten Hamburger Patrizierfamilie; Er war im Jahre 1834 als Sohn des Kaufmanns Isaak Tuch geboren und genoß eine sehr sorgfältige Erziehung. Nach der Erkrankung seines Vaters widmete er sich dem väterlichen Geschäfte, fand aber noch Muße genug, Sprach- und Musikstudien zu treiben. 1854 erschienen von ihm Obersetzungen poetischer und prosaischer Werke aus dem Schwedischen und Italienischen, 1860 gab er eine englische Übertragung des deutschen Wechselrechts heraus. Politisch war Tuch einer der Führer der Bewegung, die für den Anschluß Hamburgs an das großdeutsche Zollgebiet eintrat auch in komunaler Hinsicht war er überaus tätig. Sozial ökonomische und komunale Fragen behandelte er auch in einer Reihe von Werken, wie auch journalistisch in liberalen Blättern; eine Zeitlang gab er eine eigene Wochenschrift heraus. Auf vielfachen Reisen hatte er seinen Geist gebildet, insbesondere die wirtschaftliche Gestaltung Englands hatte er eifrig studiert. Die Beerdigung am Frei tagn ach mittag verlief in würdiger Weise. Vertreter der zahlreichen jüdischen Organisationen, denen der Verstorbene seine Kraft gewidmet hatte, waren von nah und fern herbeigeeilt, um dem Entschlafenen die letzten Ehren zu erweisen.