Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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152 DIE3|KELT No 7 Konferenz ging demgemäß resultatlos auseinander. Inzwischen sind sicherm Vernehmen nach auch noch einige andere Herren des neugewählten Vorstands dem Beispiele Dr. Gasters gefolgt und haben die auf sie gefallene Wahl abgelehnt. Es ist zu hoffen, daß die schwere Krise, die über die English Zionist Federation hereingebrochen ist, bald behoben werde. Sheffield: Im Anschluß an die Jahresversammlung der English Zion Federation fand hier abends eine Massenversammlung statt, die sich eines überaus starken Zuspruchs erfreute. Begrüßungsschreiben waren eingelaufen von Präsident Wolffsohn, Sir Montefiore, Dr. Nordau u. a. Die Hauptrede hielt Dr. Gaster, der über das Wiedererwachen des jüdischen Volkes sprach. Seine Ausführungen fanden lebhaften Beifall, insbesondere sein scharfer Protest gegen das Fremdengesetz, gegen das er nicht als Jude, sondern als Engländer protestierte. Nach Schluß des Massenmeetings fand eine Versammlung im Jüdischen Arbeiterklub statt, die ebenfalls einen ausgezeichneten Verlauf nahm. Belgien Zionistische Donnerstag-Abende in Antwerpen Am 31. Dezember 1908 sprach Herr Gottdiener über das Thema: „Der Zionismus im Lichte unserer kulturellen Vergangenheit." Am 7. und 14. Januar 1909 setzte Herr L. Merländer seine Vorlesungen über „Das Jüdische in der Kunst" fort. Am 21. Januar veranstaltete der Verein Bnei Zion im Saale der Diamantbörse einen „Drosche-Abend", der beim sehr zahlreich erschienenen Publikum starken Anklang fand. Der Darschon, Herr Zodikov, ist aber auch ein Meister in diesem uns mit der Zeit fremd gewordenen Vortraggenre. Das Thema war: „Die Männer der großen Synode." Dem Vortrage lag eine moderne geschichtswissenschaftliche Idee zugrunde und war in der Form einer „Drosche" vorgetragen. Die Klage Jeremias „Warum ging das Land zu Grunde" nahm der Redner zum Ausgangspunkt seiner Ausführungen. Herr Zodikov spricht echt jüdisch, d. h. mit vielem Pathos und höchst geistreich. Er weiß sein Publikum hinzureißen, wofür es auch dem Redner mit starkem Beifall dankte. Ungarn Preßstimmen zu dem Memorandum des Ungarischen Zionistischen Landeskomitees Budapesti Hirlap, das Organ der Unabhängigkeitspartei, registriert einfach die Tatsache, daß das Landeskomitee der ungarischen Zionisten an die Regierung und die Mitglieder des Reichstages ein Memorandum gerichtet habe, und zitiert dessen Inhalt in objektiver Weise. Ähnlich behandelt auch Magyar Hirlap, das offizielle Blatt der Verfassungspartei, die Denkschrift. Andere Blätter behandeln anläßlich des Memorandums den Zionismus in mehr oder minder kritischer Weise, zuweilen in recht ausführlichen Aufsätzen: Das Neue Pester Journal schreibt unter anderm: „DasZiel des modernen Zionismus ist die Schaffung eines staatsrechtlich gesicherten Heimes in Palästina, also die Schaffung eines Territoriums, das jeder Jude aufsuchen kann, der vermöge der gesetzlichen Bestimmungen des Staates, in welchem er lebt, nicht das Bürgerrecht erlangen wird." Pesti Naplö, eines der gelesensten ungarischen Blätter, bespricht unter der Überschrift „Romantik" den Zionismus vom materialistischen Standpunkte und zieht hierbei recht absonderliche Schlüsse: Das Blatt konstatiert vor allem, daß der Angriff der antisemitischen Volkspartei nicht so sehr dem Zionismus als vielmehr der ganzen ungarischen Judenheit gegolten habe. Der von den Zionisten in Szene gesetzte große Verteidigungskampf sei nur Organisationstaktik und diene eigentlich gar nicht der Verteidigung, sondern der Propaganda. Nachdem Pesti Naplö den Zionisten für ihre Organisationsgabe volles Lob gespendet hat, gibt es seinem Bedauern Ausdruck, daß eine solche Menge Geist und Energie in den Dienst einer „romantischen Utopie" gestellt wird. „Der materialistische Geist hat in den letzten 50 Jahren sehr um sich gegriffen, und sowohl die Völker als auch die Konfessionen scheinen sich in diesem Geiste sehr wohl zu finden: weshalb sie hiervon losreißen?" „Die klerikale Reaktion erwartet mit Sehnsucht den Augenblick, wo der Zionismus die Judenheit wieder mit dem Idealismus verknüpft, denn dies würde die Allmenschheit schwächen, und die Schwäche der übrigen ist die Stärke der Klerikalen." „Die Judenheit habe nicht allein sich gegenüber, sondern der ganzen Menschheit gegenüber Pflichten, unddiese Pflichten knüpfen die Judenheit nicht an Jerusalem, sondern an ihre jetzige Heimat.'4 Das Organ der Reformierten, Magyar Szö, widmet dem Zionismus den Leitartikel. Das Blatt bezeichnet den Zionismus als eine sehr ernste und schöne Bewegung, insofern sie den heimatlosen und verfolgten Juden eine Heimstätte, ein Vaterland bieten will. Doch billigt es nicht die Proklamierung einer jüdischen Rasse und jüdischen Nationalität, da hiermit nur den Antisemiten eine Waffe gegen die Juden geboten wird. „Wenn der Zionismus einige seiner nimmer erfüllbaren (?) Postulate fallen lassen würde und nur die verfolgten, gedrückten Juden in Palästina kolonisieren würde, so wäre dies ein Gott und Menschen gefälliges Werk. Wenn der Zionismus einige Millionen Juden aus ihrer schrecklichen Lage befreien würde, so wäre dies ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung." — Fuggetlen Magyarorszäg bringt einen bedeutenden Teil des Memorandums in wortwörtlicher Wiedergabe. Während die liberale Tagespresse dem Zionismus keineswegs feindlich gegenübersteht, erklären Alkatmäny und Ujlap,. die Organe der antisemitischen Volkspartei, dem Zionismus den Vernichtungskrieg. Alkatmäny scheidet die Juden in Patrioten und Palästinenser, wendet jenen seine ganze christliche Liebe zu und will diese aus dem Lande verdrängt wissen. Alkatmäny schätzt die Kraft der ungarischen Zionisten überaus hoch ein und wünscht, daß dieser Umstand im neuen Wahlgesetzentwurf berücksichtigt werde. Die Judenheit sei nicht verläßlich, ihr politischer Einfluß müsse daher ganz lahm gelegt werden. Hinc illae lacrimae! Die Antisemitenpartei hat es nun offen ausgesprochen — was uns ja übrigens kein Geheimnis war —, daß die scharfe antizionistische Kampagne gar nicht gegen die Zionisten, sondern gegen sämtliche Juden Ungarns gerichtet sei! Ujlap schließt sich den Ausführungen seines Mutterorganes voll und ganz an, nur daß hier die Note, mit Rücksicht auf den Leserkreis, noch viel roher gestimmt ist. Die Provinzpresse, viele Hunderte Tageblätter und Zeitschriften haben das Memorandum und den Zionismus einer durchaus wohlwollenden Kritik unterzogen, ja für manche unserer Einrichtungen geradezu Propaganda gemacht. Wir erwähnen nur Raummangels halber das Preßburger Tagblatt: Nyugatmagyarorszagi Hiradö. Dieses schreibt unter anderm: „In Ungarn gibt es keine Judenverfolgungen, und doch gibt es Zionisten, dies ist ein Zeichen ihres Ernstes." „Uns wird ein Jude mit zionistischem Abzeichen im Knopfloche immer mehr imponieren als tausend Täuflinge." „Der Zionismus will zehn Millionen Juden eine Heimat schaffen, er will selbst der Möglichkeit der Judenverfolgungen ein Ende machen; der Zionismus verdient mit Recht, auch von der Christenheit aufs wärmste unterstützt zu werden. Wir können den Zionisten ruhig die ihnen seit acht Jahren vorenthaltenen Statuten gewähren." — Abauj Kassai Köflöny, das Kaschauer Tagblatt, widmet dem Memorandum an leitender Stelle einen ausführlichen Artikel und schließt mit den Worten: „Eine gute Idee haben wir stets unterstützt; wir haben den Zionismus, der nationalen und Rasseninteressen dient, stets mit Aufmerksamkeit verfolgt und wünschen, daß er sein Ziel verwirklicht, da dies den bestehenden Staaten, darunter auch Ungarn, sogar noch mehr nützen würde als dem jüdischen Volke, das in Palästina ein Vaterland gewinnen würde." Der Nögrädi es Hanti Hiradö schreibt: „Jeder ernst denkende Mensch achtet und schätzt die zionistische Bewegung, — gebe Gott, daß sie ihr Ziel wie am schnellsten erreiche!" Von ganz besonderm Interesse für uns ist das in Kaposvär von wirklichen Rassenmagyaren geleitete Magyar Paizs. In Kaposvär, wo nämlich vor einigen Wochen mehrerere neologe Gemeinden zu einer Konferenz zusammentraten, wurde vor lauter „Patriotismus" der Zionismus für vaterlandsgefährlich erklärt und hiervon die Regierung und die Landeskanzlei offiziell verständigt. Diese Patentpatrioten erfahren nun in einem christlichen Blatte eine derbe Zurechtweisung. Der Redakteurr des Blattes schreibt: „Ich halte die Zionisten für gerade Leute, diese Überzeugung habe ich aus ihrem Memorandum an die Regierung geschöpft." „Es ist ein schrecklicher Zustand, in welchem Millionen Juden „hängen", weder drinnen, noch draußen. Der Zionismus gibt Gelegenheit zur Offenheit. Der französische Jude kann, wenn er es will, Franzose, der ungarische Jude, wenn er es will, Magyare sein; wenn er jedoch seiner Abstammung treu bleiben will, so soll er ohne jedes Ungemach, ohne Kritik Jude bleiben, und er darf nicht gezwungen werden, gegen seine innere Überzeugung Namen, Glauben und Nation zu wechseln. Dies will der Zionismus, und dies ist ein ehrenwertes Vorhaben." „Dies nenne ich ehrenwerten, offenen, nationalen Geist." Natürlich hat auch die jüdische Landespresse das Memorandum aufgegriffen und ihm eine ausführliche Behandlung angedeihen lassen: Die Allgemeine Jüdische Zeitung, das Tageblatt der orthodoxen Juden, besprach das Memorandum in mehreren Auf-? sätzen, und zwar in einem objektiven, teilweise sogar sympathischen