Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Jr-! t ,»*?•<» "JW I- 511 T" i; I* T »!t DIE3SKELT „Es gibt kein Böses in der Welt. Sagt nicht die .Schrift: Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe da, es war sehr gut! Das Böse ist die unterste Stufe des Guten." Ein andermal faßt er diesen Gedanken in eine poetische Form: „Das Böse ist der Thronsessel des Guten." Das Leben des Menschen beschreibt nach Baalschem einen kreisförmigen Lauf, dessen Anfangs- und Endpunkt immer die eine Urquelle ist: Gott. Das Bedeutsamste in Baalschems Lehre ist das unübersetzbare Wort „Dbhekuth": der Anschluß an Gott. Nach „Dbhekuth" muß der Mensch streben; durch sie allein vermag er die Vollkommenheit zu erlangen. Der Anschluß an Gott gibt dem Menschen die Freude am Leben, das Leben in Schönheit, die Schönheit im Genuß, den Genuß in Heiligkeit, und die Heiligkeit schließt die Kette: den Anschluß an Gott. Baalschem war ein zündender Blitz im Ghetto. Die halberstarrten Herzen begannen aufzutauen. Das Volk fühlte förmlich seine Schwingen wachsen. Die in Lethargie versunkene Phantasie des Volkes ward wieder rege und machte den ersten Kraft versuch an dem, der sie wachrief: an Baalschem. Die Volksphantasie wand Sagenkränze um sein Haupt. Der Lehrer des Volkes wurde ein Wundertäter, ein Halbgott. Er wurde außerhalb aller Naturgesetze gestellt. Er heilte Kranke, erweckte Tote, machte Blinde sehend, Lahme gehend, schritt trocknen Fußes durch Flüsse und Ströme, unterhielt sich mit Engeln und führte, so oft es ihm gefiel, seine Seele in den Himmel spazieren. Nö. 7 Natürlich war er auch im Besitz der Hellseherei; von der Schopenhauer sagt, daß sie kein Nebeneinander und kein Beieinander kenne, daß ihr alles. Vergangene gegenwärtig und alles Ferne nahe sei. — Auch bei der Sagenbildung muß es ein Monon geben, aus dem die Sagen sich entwickeln. Denn sie sind, bis auf einige äußerliche Abweichungen, fast bei allen Völkern gleich. Manche Baalschemlegende mutet direkt wie ein Plagiat aus den Evangelien an. Der Verkehr mit Zöllnern und Sündern, die Erweckung eines Toten, die Maria Magdalena-Affäre, ja selbst die Auferstehung nach dem Tode fehlt in der Baalschemsage nicht. Weist Baalschem als Held der Sage manche Ähnlichkeit mit Jesus von Nazareth auf, so gleicht der Wirklichkeitsmensch Baalschem eher Dscheläl ed-din Rümi, dem persischen Mystiker. Dscheläl ed-din Rümi war kenntnisreicher, philosophisch geschulter, wenn auch weniger Persönlichkeit als Baalschem. Aber der von Dscheläl ed-din Rümi begründete Mewlewi-Orden und die vom Baalschem geschaffene chassidische Sekte kommen sich in vielen Punkten sehr nahe. Baalschem war ein zündender Blitz; beim zündenden Blitz ist Vorsicht geboten: er kann leuchten, aber auch zünden. Baalschem hat nach seinem Ableben mehr gezündet als geleuchtet. Der Chassidismus artete später aus; er verwilderte. Schließlich hat dieser Zündstoff den Baalschem selbst verzehrt. Von seinem eigentlichen Wirken blieb nichts übrig als die paar Wundergeschichten, die heute den Chassidim nur noch als interessanter Gesprächstoff dienen. — Und doch: auch Baalschem hat nicht umsonst geleuchtet. . . . ■\ \w> OOOOOOOjj /F=zz=====^ o o o o o ^J) AUS DER BEWEGUNG ff o o o o o o o I o o o o o o o fc., .?j »«' p!; h'* Deutschland Ratibor: Am 4. d. M. sprach in unserer zionistischen Ortsgruppe Dr. A. Sandler-Breslau über „die neue Türkei und Zionismus", indem er, gestützt durch seine reiche Sachkenntnis nachwies, einen wie günstigen EinfM3 der Umschwung in der Türkei durch rechtzeitige Ausnutzung der Konjunktur auf die gesamte Palästinaarbeit ausüben könne. Lebhafter Beifall folgte den fesselnden Ausführungen des Redners, der auch an ihn gestellte Fragen eingehend beantwortete. Köln: Vor einer sehr zahlreichen Versammlung sprach am verflossenen Sonnabend Herr Pollak über „Jüdische Motive bei Shakespeare, Lessing und Grillparzer". In interessanter Manier behandelte der Redner die Figuren des Shylok, Nathan und der Rahel vom Standpunkte des Juden aus. Er beleuchtete die Quellen, aus denen die drei Dichter diese jüdischen Figuren geschaffen haben, und verbreitete sich über den besonderen literarischen Wert, der diesen Figuren innewohnt. Es folgte eine lebhafte und interessante Diskussion, an der sich die Herren Berger und Linz beteiligten. Den Schluß des Abends bildete eine lebhafte Aussprache über eiri demnächst zu veranstaltendes Volksfest. Leipzig: Am 4. Februar sprach in einer Agitationsversammlung im Volkswohl Herr Dr. Emil Margulies-Trautenau über das Thema: Der Weg ins Freie. Aus allgemeinen- Gesichtspunkten heraus deduzierte der Redner die zwingende Notwendigkeit des Zionismus und begrüßte die türkische Konstitution als die beste Gewährleistung für eine ruhige Entfaltung jüdischer Arbeit in Palästina. — Am Abend erfolgten fünf Beitrittserklärungen zu unserer Ortsgruppe. In vergangener Woche bildete sich hier ein „Komitee zur Unterstützung jüdischer Wohlfahrtsinstitutionen in Palästina", das seine Tätigkeit mit einem .orientalischen Feste beginnt, welches Dienstag den 2. März irh großen Festsaal des Zoologischen Gartens ^fättrihöet.I? Es soll eine, ausgedehnte Propaganda für die Kunst- Gewerbeschule Bezalel, 'Ölbaumspende usw. geplant sein. München: Anläßlich der vor kurzer Zeit stattgehabten Wahlen zur Verwaltung der israel. Kultusgemeinde, hat es sich gezeigt, daß weite Kreise hier noch immer im Unklaren über das Wesen des Zionismus sind. Um die einschlägigen Fragen hier behandeln zu lassen, hat die hiesige Ortsgruppe Herrn Julius Simon aus Mannheim veranlaßt, das diesbezügliche Referat zu übernehmen. Am letzten Montag hat sich nun der weiten Kreisen bekannte Redner in einer von mehreren hundert Personen besuchten Versammlung, worunter auch Mitglieder der Kultusverwaltung, dieser Aufgabe unterzogen und in einem einstündigen Vortrag „die Entwicklung zum Zionismus" behandelt. Die Diskussion, welche sich durch das Eingreifen eines durch nichts zu belehrenden Assimilanten ziemlich lebhaft gestaltete, brachte nicht viel Neues; nur der Rede des Führers der hiesigen Orthodoxen sei noch Erwähnung getan, weil derselbe sein Vorgehen bei der letzten Wahl, wo. ein liberalorthodoxer Block gegen den zionistischen Kandidaten bestand, recht sehr bedauerte. Hoffentlich hält das Bedauern bis zur nächsten Wahl an. Posen: Am 23. Januar fand eine Ortsgruppensitzung statt. Eine Zeitungsschau gab Dr. Kollenscher. Redner bespricht die Lage, die Tätigkeit der jüdischen Abgeordneten und insbesondere die Nationalitätenfrage in der Türkei. Die veränderte Situation gebietet für uns eine andere Politik. Redner wendet sich sodann gegen die Ausführungen im Leitartikel von Nr. 4 der „Weit". In dem weitern Verlauf seiner Ausführungen wandte sich Dr. Kollenscher gegen den Artikel Zangwills in der ,,-Ito", in dem die Abkehr von der Autonomie propagiert wird. Nach einem Palästinareferat des Herrn Auerbach traten in einer sehr lebhaften Diskussion die meisten Redner den Ausführungen bei. Schlüchtern: Am Sonntag den 31. Januar hielt der südwestudeutsche Gruppenverband hier eine zweite zionistische Versammlung ab. Das Referat — „Die Juden in dej<.neuen Türkei" — hielt, Jrferr Levigard aus Frankfurt, hieran schloß; sich eine recht lebhafte Diskussion. Für den N.-F. gingen JC 9.5Ö ein.