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Die Welt · 1909-02-12 · 7 (12.2.1909) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
7 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 7 DIE] ihr hatte Baalschem, gleich Mahommed, seine Kadijah gefunden. Ihr gegenüber fand Baalschetn die Sprache, die das Selbstbewußtsein der Großen, der sich von Gott gesandt Fühlenden, spricht. „Ihr erzählte er, wer er ist\ vermerkt das Baalschembuch. Aber die übrige Welt wußte es noch nicht, daß ein Baalschem, ein Wundermann, ein neuer Prophet unter ihnen weilt. Sie sollte es auch nicht von ihm selbst erfahren, sie mußte selbst dahinterkommen. Er hielt sich verborgen. Vielleicht wußte er etwas von dem Geheimnis vom Veilchen, das im Verborgnen blüht und sich gerade deshalb einer besonderen Popularität erfreut! Er wurde vom Volke aus dem Dickicht der Wälder hervorgeholt. Er trat nicht vor das Volk: Ich bin ein Prophet, von Gott gesandt. Er wurde vom Volke zum Propheten ernannt. Er ward ein König von Volkesgnaden. Baalschem liebte das Volk und fand bei ihm aufrichtige Gegenliebe. Die Rabbiner standen immer in hohem Ansehen beim Volke, aber sie waren nie beliebt, weil sie sich selbst hochmütig in die Höhe schwangen und das Volk in den Tiefen ließen. Deshalb zahlte ihnen das Volk die Verehrung wie einen erzwungenen Tribut. Baalschem stieg aus seiner Höhe zum Volke hernieder, und das Volk erkannte seine Größe und huldigte ihm mit Begeisterung und Liebe. Dies ist der Grund, daß des Volkes Verehrung für den Baalschem sich bald zur Vergötterung steigerte. Denn Verehrung und Liebe zusammen addiert, ergibt — Vergötterung. Und Baalschem verdiente sie. Er stand inmitten des Volkes wie ein goliathbezwingender David, wie ein j;öttlichweiser Salomo. „Baalschem besaß die Seele )avids und den Geist Salomos," erzählt die cHassidische Tradition. Wir können daraus die Macht des Eindrucks ermessen, den seine Erscheinung auf das Volk ausübte, ^r gab sich nicht als Propheten, der das Bild der Zukunft entschleiert, sondern er erblickte seine vornehmste Aufgabe darin, ein Lehrer des Volkes zu sein. ":r war kein gewöhnlicher Lehrer und Strafmeister, eine Tafelsäule, die den Weg anzeigt, ohne sich selbst )rtzubewegen. Er lebte nach seiner Lehre und lehrte ein eignes Leben. Zunächst lehrte er das Volk beten. Das Gebet in nbrunst, wortlos, aber klangreich, feurig, freudig. Cein verständnisloses Aufsagen von abgefaßten Versen, -eine Andacht nach vorgeschriebenen Zweizeilern, andern ein Emporschwingen der Seele, ein Sichwegehahnen zum Allerhöchsten. Alles muß der Mensch durch mühevolles Arbeiten sich erringen; sollte er einzig seine innere Heiligung durch leichtes Lippenwerk erreichen können? Nein, sagte Baalschem, das geht nicht. Das Gebet ist eine heilige Arbeit voll heiligen Mühen und goldnen Lasten. Ihr müsset beim Gebet singen und tanzen, schreien und in die Hände klatschen; Ihr müßt euch ausgeben, um empfangen zu können; Ihr müßt euch emporheben, um nahe zu sein. Baalschem hatte sozusagen das Gebet ergründet und seine Macht erforscht. Mit der Macht des Gebets könne man Naturgesetze überwinden, Mauern durchbrechen, einen „Aschhaufen in pures Gold verwandeln". Das Gebet sei mehr als Gesetzesstudium, denn durch das Gebet näherten wir uns Gott. — Das Volk begrüßte freudig die Baalschemsche Theorie vom Gebet. Diese Theorie LT 149 hob das Selbstbewußtsein der gemeinen Volksmassen. Nun besaßen sie ein Äquivalent für das Gesetzestudium. Sie standen nicht mehr so gottverlassen da. Sie durften nunmehr den Gesetzeskundigen mindestens als vollwertig gegenübertreten. Studieren ist nicht jedermanns Sache, aber beten kann ein jeder. . . . Die ganze Lehre Baalschems beruht auf dem Können, dem menschlichen Können, das er, den starken Willen vorausgesetzt, ins Unermeßliche steigert. Hat man sich erst einmal durch Übungen in göttlichen Dingen in den Vollbesitz einer gewaltigen Willenskraft gesetzt, so vermag man alles. Mit nietzscheanischer Kühnheit spricht Baalschem den Zarathustragedanken aus: „Jeder Mensch ist eine Thorah in sich selbst und trägt in sich seinen Moses und seinen Bileam; er muß also bestrebt sein, den Bileam auszutreiben und den Moses in sich zu entwickeln." Ist der Gedanke, daß jeder Mensch fähig sei, aus sich heraus einen Moses zu entwickeln, schon an sich von bestrickender Unerschrockenheit, so gewinnt er noch dadurch, daß Baalschem keine Hindernisse auf diesem Entwicklungsgang gelten läßt, einen Zug ins Verwegene. „Alle Mauern und Irrgänge, die ihr vor euch seht, sind in Wirklichkeit gar nicht vorhanden. Bloße Vorspiegelungen sind sie! Dringt nur tapfer vor. so werdet ihr kein Hindernis finden." Durch solche stolze Verkündungen richtet Baalschem das im Gelehrtenkult erzogene, von Gelehrten gedemütigte Volk wieder auf. Er demokratisiert auf diese Weise das aristokratisch-hierarchische Prinzip. Jeder sei sein eigner Priester, jeder, er sei Rabbi oder Am ha-arez, trüge seinen Moses in sich. Dabei war Baalschem weit davon entfernt, Hochmut bei seinen Anhängern zu züchten. Die erste aller. Tugenden,' lehrte er sie, ist „Schiphluth", die Demut. Dieser Ideengang Baalschems, der bald dem Menschen die Gottähnlichkeit verleiht, bald ihn ehrerbietig demütig macht, mit andern Worten: ihn bald zum Fürsten, bald zum Diener stempelt, — enthält durchaus keinen Widerspruch. Die Demut, die er meint, ist das stolze Gottbewußtsein im Menschen, das ihm Größe gibt innerhalb der Schöpfung, anderseits aber seine Bedeutung aufhebt der Gottheit gegenüber, zu der er sich verhält wie ein einzelner Strahl zum unermeßlichen Lichtquell. Die Erkenntnis, daß der Mensch göttlichen Ursprungs ist, mindert seinen individuellen und hebt seinen partiellen Wert. Wenn die Schönheit einer Frau dich blendet, sagt einmal Baalschem, so bedenke, diese Schönheit ist nur ein winziger Teil der Allschönheit. Ich glaube, niemand hat die Frauenschönheit höher bewertet als Baalschem, der auf ihre Unbedeutenheit hinwies. Die Frauenschönheit ist ihm nicht eine bestimmte, ästhetisch wirkende Lagerung fleischlicher Atome; sie ist ein Strahl der Gottheit, der Urquelle alles Schönen. Ein winziger Strahl bloß, aber doch göttlich. Jedoch was gilt der Teil dem, der zum Ganzen gelangen kann? Wer würde, meint Baalschem, so lumpig bescheiden sein, sich mit einem' einzigen Strahl zu begnügen, wenn man im Lichtquell baden kann? So führen bei Baalschem alle Wege zu Gott. Weil er alles in Gott und nichts außer ihm sieht, so ist selbstverständlich alles, was er sieht, sehr g'it. Baalschem leugnet das Böse. Wie die Finsternis bloß der kleinste Grad des Lichtes sei, so sei das, was wir Böses nennen der kleinste Grad des Guten; man müsse daher bestrebt sein, es einen Grad höher zu bringen.

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