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Die Welt · 1909-02-12 · 7 (12.2.1909) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
7 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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148 DIE'ÄELTgesagt werden. Wir müssen aus dem mattherzigen ^ustand, aus der lähmenden Kälte heraus ... Die Worte, die an uns die Schriftsteller unseres Volkes gerichtet haben, konnten nicht verfehlen, einen tiefen Eindruck zumachen. Mehr als die gewöhnlichen landläufigen Aufrufe, mit denen wir ja von allen Seiten überschwemmt werden, wirkt auf uns das jüdische Wort, das Wort derjenigen, die uns belehren können und die mit dem innersten Wesen unseres Volkstums und seiner Kultur verbunden sind. Sie verstehen es, unsere Vergangenheit romantisch zu verklären und die Assimilation als dasjenige bloßzustellen, was sie in der Wirklichkeit ist: ein banausisches Nichts . . . Für sie ist der Zionismus nicht etwas Haschendes, Entfliehendes, ein leichtentworfener Schwank, ein Ge- INO. / Schäftsunternehmen, eine Anwendung des Barmherzigkeitsgefühls, sondern — eine Lehre, eine Geistesarbeit, seit Generationen und für Generationen ... So muß auch der Zionismus in der Türkei werden: national, tief, kulturell, erzieherisch ... „Die Hauptarbeit haben die ,Bne-Zion* übernommen. Sen. David Florentin, Chefredakteur des ,El Avenir' hat das Programm entworfen, das nun in der Form einer Broschüre erschienen ist. Der ,Bne-Zion-Klub' vereinigt die einzelnen Vereine. Zu diesem Zwecke soll auch eine hebräische Lesehalle gegründet werden." Von Herzls „Altneuland" haben wir das II. und III. Heft der spaniolischen Obersetzung erhalten. j O ff □□□□□□ I o vs FEUILLETON □ □□□□□ Jj O ISRAEL BAALSCHEM Von Samuel Meiseis, Hamburg (Schluß) Wenn man den (nicht immer zuverlässigen) Mitteilungen seiner Jünger Glauben schenken darf, so hatte sich Baalschem bereits im dreizehnten Lebensjahre — nach andern noch viel früher — von allem Starren und Einengenden emanzipiert. Abseits von allen andern Juden im Ghetto wandelte er seine Bahn, abseits und — was beinahe an ein Wunder grenzt — von niemand gestört. Zur selben Zeit, als man anderwärts die äußern Ghettomauern niederzureißen sich abmühte, durchbrach er mit gewandter Leichtigkeit den iiinern Ghettozaun und bahnte sich einen Weg ins Freie. Alles, was er tat, war anders als die Handlungsweise gewöhnlicher Sterblicher im Ghetto. Die spärlich gesammelten Daten über ihn erzählen, daß er im Bethamidrasch zu schlafen pflegte zu einer Tageszeit, in der die andern wach waren, und daß er sich erst dann vom Lager erhob, wenn die andern sich schlafen legten. Während die andern die muffige Luft des Lehrhauses einatmeten, umschloß ihn das Dickicht des Waldes; und während seine Altersgenossen in talmudischen Debatten sich gegenseitig bekämpften, saß er friedlich in einer Ecke und summte ein lustiges Liedchen. Mitunter kam es vor, daß er in Gegenwart von Leuten, die mit weitem Behagen ihr dürftiges Lampenlicht talmudischer Gelehrsamkeit leuchten ließen, einen Unwissenden mimte. Das ist geradezu ein Shakespearescher Zug an Baalschem: unter Gelehrtenkrämern in selbstbewußter Überlegenheit einen Narren spielen und die höchste Krone, die das Ghetto zu vergeben hatte, die Krone der Gelehrsamkeit, zu verschmähen. Baalschem hätte ein größer Talmudgelehrter werden können; er hatte das Zeug dazu Einen ziemlich beträchtlichen Grad talmudischer Gelehrsamkeit scheint er auch besessen zu haben. Aber die Pfade dünkten ihm zu ausgetreten. Zudem vertrug sich dieses tote Studium nicht mit seinem temperamentvollen Naturell. Es fehlte diesem Studium jene Gefühlsinnerlichkeit und Wärme, die Baalschem in allen Dingen suchte; es war zu gedankenreich für diesen Gefühlsmenschen, zu kalt für diesen Feuergeist. Sehr charakteristisch, ich möchte sagen, diesen seinen Wesenszug völlig erschöpfend, ist die Baalschemsage, die uns die Wundermär erzählt, wie Baalschem eines Tages den sar ha-thorah, den „Geist der Gelehrsamkeit", vom Himmel herabbeschwören wollte, und statt seiner der sar ha-esch, der „Geist des Feuers", erschien. Zweimal — so versichert uns die Baalschemsage — ereignete sich dasselbe Spiel. Zweimal? Nein. Das wird ihm öfter passiert sein. So oft er den sar ha-thorah zitierte, schob sich der sar ha-esch dazwischen. Die Geister, die er in seiner Jugend rief, wurde er nicht mehr los. Und es waren flammende Geister. Selbst da, wo er den Geist der Gelehrsamkeit walten ließ, stellte er ihn lediglich in den Dienst des Flammengeistes. So führte er einmal ein talmudisches Gespräch mit dem Talmudgelehrten Rabbi Efraim, wobei Baalschem ein immenses Wissen auf talmudischem Gebiete und einen seltenen Scharfsinn bekundete. Der Zweck dieser Diskussion war jedoch nicht, wie sonst bei Talmudgelehrten, die Diskussion selbst, sondern — das gewiß anmutige Töchterchen Rabbi Efraims. (Israel Baalschem wird sicherlich die Tochter Efraims gekannt und Feuer gefangen haben!) Der Zweck wurde erreicht. Er imponierte durch seine Gelehrsamkeit dem Rabbi, der ihm ohne Zögern seine Tochter zur Frau gab. Also auch hier hatte der „Geist des Feuers." regiert und sich bloß des „Geistes der Gelehrsamkeit" als edlen Werkzeugs zu einem edlen Zweck bedient.*. . . . Rabbi Israel der Gelehrte und der Baalschem. — Vater und Tochter scheinen verschieden gewählt zu haben. Rabbi Efraim vermählte seine Tochter mit dem Gelehrten Rabbi Israel, seine Tochter hingegen heiratete den Baalschem. Sie war die erste, die ihn als „Baalschem", als „Mann des Wunders", der berufen war, ein Führer seines Volkes zu werden, erkannte. Sie muß eine selten gute Seele gewesen sein und großes Verständnis für die Intentionen, ihres „Herrn und Gebieters" besessen haben. Sie hat im Eheleben mit Not und Entbehrungen zu kämpfen, aber sie murrt nicht. Während ihr Mann tagelang in den Wäldern herumstreift und in heiligen Naturbetrachtungen schwelgt, sitzt sie zu Hause, einsam, verlassen; und dennoch fühlt sie sich glücklich an der Seite dieses Mannes. Die Zumutung ihres Bruders, eines angesehenen Rabbiners in Brody, sich doch von diesem „Taugenichts" scheiden zu lassen, weist sie energisch zurück. Denn sie kennt den Wert des Baalschem, aber ihr Bruder kennt ihn nicht, auch die übrige Welt kennt ihn nicht. Ihr allein hat Baalschem das Geheimnis seiner Göttlichkeit geoffenbart. Sie war die erste, die an ihn glaubte. An

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