Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-02-12 · 7 (12.2.1909) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
7 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316360--51601-3345251
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

de Pinto auf dem Haager Kongreß, und man spürt aus ihnen den Puls eines persönlichen Gefühls heraus. Und bald darauf folgt noch eine Legitimation: „Ich bin kein Schriftsteller, ich bin Bankier. Mein Zweck war, Palästina aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Ich bin nicht hingegangen wie die meisten Palästinareisenden, wie Geistliche und fromme Leute, oder wie die Gelehrten und Touristen, die dorthin gehen wie in ein Museum. Ich bin als Kaufmann gegangen, um zu sehen und zu hören, ob es dort" etwas für mein Volk zu erwerben gibt, für das jüdische Volk, das so arm ist an Freiheit, Glück, Ehre und ungestörter Lebensfreude." Zwar ist diese Erklärung schon, gegen die Absicht des Verfassers, ein „mixtum compositum"; denn wenn er bloß sagen würde, daß er dorthin gegangen ist als Bankier und Kaufmann, um zu sehen, ob „etwas zu erwerben gibt", so wäre dies ganz natürlich; da er aber in demselben Satz von „Freiheit, Glück, Ehre für das jüdische Volk" spricht, so verrät er den Idealisten, der mehr sucht, als ein „Bankier und Kaufmann" schlechthin zu suchen pflegt, — aber auch dieser Zusammenhang hat den vollen Zauber der Einfachheit. Ich kann mich dem Eindruck nicht verschließen, daß der Jude und Holländer, Bankier und Kaufmann in seinem Grundwesen mehr jüdischer Idealist ist, als er es selbst zu sein glaubt. Er ging nicht dorthin „wie ein Geistlicher", und doch zitiert er als Motto gleich am Anfange seines Buches den schönen Bibelvers: „Dies ist das Land, das ich Abraham, Isaak und Jakob verheißen und gesagt: ich will es deinem Samen geben." Jeder Jude ist eben etwas geistlich, auch wenn er sich dagegen sträubt. „Das Volk des Buches!" Schon auf der ersten Seite drängen sich dem Verfasser Ideenassoziationen aus biblischer Zeit („Der Weg nach Palästina über Ägypten") auf. Mit einfachen Worten schildert der Verfasser seine Reise und seinen Aufenthalt in Ägypten. Er unterhält sich mit dem Oberrabbiner in Alexandrien über den Zionismus (S. 4); in Kairo steigen in ihm biblische Erinnerungen auf (S. 5). Er streift dann die Frage des materiellen Aufschwungs Ägyptens (S. 6), die ihn, wie es scheint, hauptsächlich wegen des Berührungspunktes mit Palästina interessiert. Die Einfahrt nach Palästina wird ohne das übliche Pathos geschildert. Kurz beschreibt der Verfasser Jaffa und die Umgegend, besonders Mikveh, das er nicht palästinensisch genug findet (S. 10). In dieser kurzen Andeutung ist das national-zionistische Programm schon embryonisch vorhanden. . . . Nach einem Ausflug, der „Petach-Tikwah" galt (S. 12), besucht der Verfasser Lyddah,Ramleh, Kiriath-Sefer, Rischon (S. 11-17), von wo er nach Katra und Rechoboth geht, um dann wieder nach Jaffa zurückzukehren und sich über die Geschäfte der Anglo Palestine Company zu unterrichten (S. 18). Mit großer Klarheit und ohne jeden Ballast von Ziffern spricht der Verfasser sichtlich zufrieden über die Tätigkeit dieser Institution und ihrer Filialen. Von Jaffa fährt der Verfasser nach Jerusalem. Er besucht all' die heiligen Stätten in der Stadt und in ihrer Umgebung, und wenn er sie „nicht eingehender bespricht", so „unterläßt er das gewiß nicht aus Mangel an Interesse, denn für jeden Juden ist das biblische Palästina Nationaleigentum". Aber „über dieses biblische Palästina haben andere, die dazu-berufen waren, schon So viel mitgeteilt, daß er dieses Gebiet nicht zu betreten wage." Nebenher rügt der Verfasser „die Ausbeutung der heiligen Stätten als Erwerbsquellen". Dann kommt Jericho (S. 25), die neuen Ausgrabungen, — die erst jetzt beschrieben worden sind, — werden erwähnt, und vom Toten Meer geht es zurück, nordwärts an den Jordan. Hier gewinnt die Reise des Verfassers ein wirklich orientalisches Gepräge und hebt sich von dem grauen Einerlei der Bädeker- Hetztouren vorteilhaft ab. Der Verfasser hat seine eigene Reisegesellschaft, die aus zehn Personen besteht und zwölf Tiere mit sich führt (S. 26). Auf Seite 27 kommt die jüdisch-niederländische Synthese wieder zur Geltung. Auf dem Zelte des Verfassers „weht die niederländische Fahne", aber in der Unterhaltung werden „große Ausflüge in die biblische Geschichte gemacht". Von dort geht die Reise nach dem Jordantal, Nebo, Madeba in der Richtung nach El Kerak, sie muß aber infolge des ungünstigen Wetters unterbrochen werden (S. 32). Es beginnt dann von Jerusalem aus eine neue Reihe von Ausflügen: Bethlehem, Hebron, Nabulus (Sichern), Samaria (S. 32-39). All diese Ortschaften und manche in ihrer Nähe befindliche Denkmäler werden von dem Verfasser in seiner ausgeprägten, nüchternen Eigenart beschrieben, wobei er, von lokalem Stoff ausgehend, nie an der Erdscholle hängen bleibt, sondern in* unaufdringlicher Form so manchen historischen Zusammenhang herzustellen weiß (S. 38: „Samaritersekte" soll heißen: „Samaritanersekte"). Das Beobachtungsmaterial des Verfassers ist ein überaus reiches. Er hat sich das Reisen nicht leicht gemacht. Unsereiner, von der Schriftstellergilde, könnte ein solches. Material viel mehr und ganz anders verwerten. Es wäre Literatur, — gut oder schlecht gemacht. Was wir hier vor uns haben, ist etwas ganz anderes: ehrlich e,ungezwungeneTagebuchauf Zeichnungen eines Mannes, der ein gutes Stück Touristik gemacht hat und den die rein sachliche Auffassung nie verläßt. — Von Samaria geht die Reise nach Jenin zu Pferde durch die Ebene von Jezreel, dann über Chedera nach Zichron-Jakob und von dort über Athlit und den Karmel nach Haifa, St. Jean d'Acre, Nazareth, über den Tabor und Endor nach den Kolonien Sedjerah, Meschah, Jeminah und Melhamie, von dort nach Tiberias und mit einem Segelbot auf dem Tiberiassee nach Kapernaum, Rosch-Pinah, Saffed, Mischmar ha Jarden, Jessud ha Maalah, Metullah, Banyas und die Quellen des Jordan, dann quer durch das Land nach Saida (Sidon) und Beirut. All diese Ortschaften werden mit einer harmonisch gleichmäßigen Berücksichtigung des allgemeinen und des jüdischen Charakters, wie kaleidoskopisch, trotz der reichen Fülle des Stoffes, leicht geschildert (S. 38-68). Von Beirut geht die Reise durch das Libanon- und Anti-Libanongebirge nach Damaskus, Baalbek, Aleppo und von dort nach Antiochien, Mersina, Adana durch die zilizische Ebene und den Gulek-Paß nach Konia mit der anatolischen Bahn nach Smyrna (68-98). Diese touristische Leistung, abwechslungsreich und mit manchen Zwischenfällen, ist höchst pittoresk. Smyrna wird nur kurz geschildert, Konstantinopel hingegen, das das nächste Ziel auf der Rückreise war, etwas ausführlicher (S 100-102).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.