Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 7 DJE^ELT 145 Diese. Wandlung bedeutet einen entscheidenden Wendepunkt im Gesamtleben der Juden in Palästina, eine radikale Sanierung der bisher verotteten Verhältnisse, eine Hebung des wirtschaftlichen, kulturellen und sittlichen Niveaus der Bevölkerung, eine Entfesselung der Kräfte des Landes und seiner jüoischen Bewohner. Der auf ein bestimmtes Maß reduzierte Weinbau erwies infolge rationeller Bewirtschaftung und umsichtsvoller Ausnützung der Verkaufsmöglichkeiten schon nach einem Jahre des Bestehens der Selbstverwaltung der Kolonisten eine ungeahnte Rentabilität. Zu gleicher Zeit würden teils neue Kulturen eingeführt, teils bereits bestehende, aber bisher verwahrloste einer intensiveren Pflege unterzogen. Zugleich entfaltete sich eine fieberhafte Tätigkeit, welche bezweckt, den Besitzstand der Kolonien durch Ankauf von Bodenkomplexen an den Grenzgebieten zu vergrößern; es entsteht eine Reihe von Gründungen industriellen Charakters, die mit der Agrikultur im Zusammenhang stehen, es erwacht der Geist der Selbsthilfe, man will nicht mehr auf das fremde Gnadenbrot angewiesen sein, es herrscht sichtlich das Bestreben, daß die Kolonien als geschlossene Wirtschaften sämtliche Bedürfnisse der Bewohner befriedigen sollen. Dieser neue Geist teilt sich auch den in den Kolonien beschäftigten jüdischen Arbeitern mit, es entstehen Organisationen, die teils darauf hinzielen, den jüdischen Arbeitern ein menschenwürdiges Dasein zu verschaffen, soziale Reformen zu ihren Gunsten zu erringen, teils sich die hohe Aufgabe stellen, daß die Arbeiten in Palästina von jüdischen Händen verrichtet werden sollen; der jüdische Arbeiter wird wegen seiner Intelligenz gesucht, es ergibt sich die Möglichkeit eines sukzessiven Zuzuges von frischen Arbeitskräften aus der Diaspora (ebenso wie die gesteigerte Möglichkeit des Zuzuges von Kapitalien). Es werden nun soziale Probleme aufgeworfen, von denen man bisher keine Ahnung hatte, für die eben nur freie Menschen Verständnis und Interesse gewinnen können. Die sittliche Bedeutung des günstigen Umschwungs der Kolonisationstätigkeit in Palästina besteht in erster Reihe im Erwachen des Gemeinsirines des jüdischen Volkes, in dem assoziativen Charakter, welchen sämtliche Unternehmungen im Lande unserer Väter annehmen. Es drängt sich der Gedanke auf, daß unsere Brüder bloß einer naturgemäßen, freien Entwicklung bedürfen, damit die im Golus unterdrückten sozialen Triebe in Aktion treten, damit die krankhafte Sonderungssucht, die überreizte Konkurrenzhascherei, die individualistischen Auswüchse von selbst verschwinden. Fast alles, was in Palästina geschieht, geht von einer Gemeinschaft aus und aus Rücksicht auf das Wohl der Gemeinschaft. Da sind sämtliche den Weinbau pflegende Kolonien Judäas und Südgaliläas zu einem Syndikat vereinigt, wodurch Produktion und Verkauf nach einheitlichen Prinzipen geleitet werden, ebenso gehen die Neu- ^ründungen der einzelnen Kolonien meistenteils nicht von Einzelpersonen aus, sondern von Körperschaften. Daß die gleichzeitigen Schöpfungen der Zionisten, Chowewezionisten und andern Parteien und Vereinigungen (insofern sie nicht dem Zwecke der Assimilation dienen) in Palästina das Wohlergehen der Gesamtheit ins Auge fassen und daher der Entfaltung der sozialen Instinkte der nalästinensischen Judenheit ungemein förderlich sind, ist ja nur selbstverständlich. Und die soziale Statistik hält gleichen Schritt :nit der sozialen Dynamik. In jeder Kolonie werden die sozialen und kulturellen Institutionen der Gemeinde von einem gewählten Waad (Komitee) geleitet. Die Befugnisse des Waad sind äußerst mannigfacher Art: er ist nicht allein ein Verwaltungskörper, sondern auch zugleich eine Schutzbehörde und übt auch im gewissen Sinne eine Gerichtsbarkeit aus, da sich die Kolonisten einer tatsächlichen Autonomie erfreuen und die Regierung nur selten in die innern Gemeindeverhältnisse eingreift. Dem Waad stehen keine andern Machtmittel zu Gebote, als die freiwillige Unterwerfung der Gemeindemitglieder unter seine Geheiße. Wie Herr A. Freimann in seiner „Jubiläumsschrift" über die Kolonie Rischon-le-Zion (die durch die fremde Administration sittlich und kulturell am meisten gelitten) berichtet, ereignete sich dort während der 25 Jahre des Bestandes der Kolonie kein einziges Vergehen, welches die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich lenken und einzugreifen veranlasst haben würde. Alle Streitigkeiten ziviler Natur unter den Mitgliedern der Gemeinde wurden entweder vom Waad oder vom Jaffaer Rabbiner geschlichtet. Ein glänzendes Zeugnis von der sittlichen Selbstzucht des jüdischen Volkes, seinem Vermögen, sich selbst zu regieren! In Palästina ist eine eigenartige jüdische Sitte im Entstehen begriffen, welche, an die biblisch-prophetischen und talmudischen sozialen Traditionen sich anlehnend, den modernen Erfordernissen des Gemeinschaftslebens Rechnung trägt, eine harmonische Verschmelzung zwischen altjüdischen und modern-europäischen gesellschaftlichen Anschauungen. Alles, was dort geschieht, steht unter der Gewissenskontrolle der ganzen Nation, alle dort tätigen Faktoren tragen unwillkürlich in sich das Gefühl einer großen Verantwortung. Indem die besten Kräfte der über die ganze Erdkugel zerstreuten Nation sich auf ein einziges Stück Boden zusammenspannen, indem die einsichtsvollsten Männer unseres Volkes ihre Gedanken auf einen einzigen Punkt der Welt konzentrieren, um daselbst ein zukunftsreiches nationales Werk zu schaffen, bildet sich von selbst eine Atmosphäre von sittlicher Besonnenheit, welche den selbstischen das Gegengewicht hält und sie in den Dienst des Ganzen zu treten zwingt Daher ist der Zionismus ein Experiment von welthistorischer Bedeutung, weil er zur Hoffnung berechtigt, daß in der neuen Gesellschaft in Palästina die drückenden sozialen Probleme, wenn nicht ihre Lösung, so doch eine große Milderung erfahren werden, daß namentlich der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit seine Schärfe verlieren werde. Und wenn viele unserer Gesinnungsgenossen ihren Zionismus als das Bestreben auffassen in Palästina ein jüdisches Kulturzentrum zu formulieren, so ist dieses Kulturzentrum als ein Menschenkreis mit höhern Gemeinschaftsformen zu verstehen, da das spezifisch Jüdische zu allen Zeiten das sozial-ethische Element war. Eine ähnliche assoziative Bewegung nehmen wir auf einem andern Gebiet und in einem andern Sinne wahr: im Verhältnis der zionistischen Partei zu den andern Organisationen, deren Betätigungssphäre Palästina ist. Noch bis vor einigen Jahren hatte der Zionismus einen exklusiv politischen Charakter, die Tätigkeit der andern Organisationen war eine rein philanthropische. Von einem Zusammengehen oder sogar von einer Fühlungnahme konnte keine Rede seih, es gähnte zwischen ihnen eine allzu tiefe Kluft. Und da der politische Zionismus faktisch in Palästina nichts leistete, gab es auch keine Berührungspunkte zwischen ihm und den andern Organisationen. Nun hat sich in den letzten Jahren auch in dieser Hinsicht eine günstige Wandlung vollzogen. Zu gleicher Zeit, als die zionistische Partei sich bewogen fühlte, reale Arbeit in Palästina in Angriff zu nehmen, begannen die Chowewe-Zionisten und die ihnen verwandten Verbindungen (veranlaßt durch den oben erwähnten sozialen Umschwung im Kolonisationsleben) planmäßig zu handeln, nicht mehr von einem Tag auf den andern zu helfen, sondern Schöpfungen von bleibendem Werte ins Leben zu rufen. So wurde ein naturgemäßer Boden zu gegenseitiger Verständigung gegeben. Allerdings ist eine Verschmelzung nicht zu erwarten: den Zionismus beseelt die Idee des Vollebens der Nation, der organischen Gestaltung ihrer Zukunft, jene Organisationen sind berufen, praktische Teilarbeit zu leisten; der Zionismus ist eine Welt- und Lebensanschauung, die Mitglieder der andern Vereinigungen sind nur durch die Beiträge, die sie liefern, miteinander verbunden. Aber schon die Annäherung selbst ist für die einheitliche Gestaltung der Schicksale der jüdischen Nation in Palästina von unermeßlicher Tragweite. Aber die Vorbedingung eines segensreichen Verkehrs ist die Leistungsfähigkeit der zionistischen Partei in Palästina. Je erfolgreicher die reale Arbeit des Zionismus, desto sicherer sein moralischer Einfluß über die Grenzen der Partei hinaus, desto größer ist die Möglichkeit auch die andern Organisationen mit zionistischem Geist zu erfüllen' Salomon Schiller- Erez Israel Das Jüdische Land, von J. H. Kann*) Ein merkwürdiges Buch. Man könnte fast sagen: „ein menschliches Dokument". Schlicht, anspruchslos, freimütig, ohne eine Spur von Erkünsteltem oder Affektliiertem. Es ist geradezu wohltuend, abseits von der bunten Heerstraße schriftstellerischer Aufzüge diese Idylle zu genießen. Diese Ruhe in unserer Zeit des Hastens, Jagens, Fieberns und Ringens, diese sichere Unmittelbarkeit in unserer Zeit des Grübelns, der Schattierungen und der Halbtöne wirkt ganz wundersam. Gerade in diesem Genre bietet sich dem Kenner ein ganz eigenartiges Interesse. Ein ganzer Mann spricht sich hier aus, wie er lebt und denkt. „Obgleich ich mich mit dem alten jüdischen Volke eins fühlte, so bin ich doch zugleich ein Niederländer und nicht weniger mit Niederland verbunden, das ich liebe, wie man nur sein Vaterland lieben kann." In diesen Worten ist kein Philosophieren, sondern ein Glaubensbekenntnis enthalten, Sie erinnern an die Erklärung des seligen *) Jüdischer Verlag, Köln und Leipzig 1909