Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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den^leinzig richtigen jüdischen Typus darzustellen, können es nicht verfehlen, manche Reibungen zu verursachen und manche Schwierigkeit zu bereiten. Das sind für jeden ruhig denkenden Beobachter Selbstverständlichkeiten, während der Voreingenommene und Verbohrte doch nicht davon zu überzeugen ist, daß diese „messiannischen Wehen" die notwendigen Begleiterscheinungen eines Entstehungsprozesses sind. Ja, wenn man nicht aus der Vogel-, sondern aus der Regenwurmperspektive die großen Fragen der nationalen Wiedergeburt betrachtet, wenn man kein Verständnis für das Ganze hat und anstatt den Qeist der Toleranz, die gegenseitige Achtung, den Glauben an die Ehrlichkeit der Andern walten zu lassen, die Geißel der Verketzerung schwingt und gleich außer Rand und Band gerät, wenn nicht alles glatt und im Handumdrehen sich so abwickelt, wie man es nach eignem Gutdünken sehen möchte, so eignet man sich eben für eine Mitarbeit an der Volkserziehung nicht. Wir wissen gut, daß diese Arbeit mit ernstlichen Schwierigkeiten behaftet ist und infolgedessen vor den Augen der praktischen Alltagsmenschen selten Gnade finden kann. Aber der ganze Zionismus entsprang nicht der Gesinnung praktischer Alltagsmenschen. Man kann sich der kulturellen Ausgleichsarbeit und der nationalen Erziehung nicht erwehren, wie man sich auf einer bestimmten Höhe geistig-jüdischer und sozialjüdischer Entwicklung des Bewußtseins des Zionismus nicht erwehren kann. Solange wir den Zionismus als etwas ansehen, was sein konnte, oder auch hätte nicht sein können, dürfen wir uns nicht wundern, daß der oberflächliche Parteipraktiker über ein Problem mit Achselzucken hinweggeht, das seine Ruhe stört. Wenn wir aber gelernt haben, in dem Zionismus die Verlebendigung einer innern Volkskraft zu sehen, sollte der in dieser Arbeit enthüllte Teil der nationalen Erziehung eine weit tiefere Bedeutung und einen viel höhern Wert erhalten, als die Fragen des Alltags. Wir kennen die Schwierigkeiten eines kulturellen Zusammenschlusses nur zu gut und sind der unvermeidlichen Unvollkommenheiten schmerzlich bewußt. Aber wir schöpfen unsere Kraft in dem Bewußtsein, daß wir noch nicht einem fertigen Zentrum, sondern einer Erziehungsstätte gegenüberstehen, in der das Material für die Einheit herangebildet werden muß. Alle kluge Schönrednerei ^wird die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß Gegensätze und Widersprüche vorhanden sind. Sie sind nicht nur in Palästina, sie sind auch in der Diaspora vorhanden; sie bestehen nicht nur im jüdischen Volke, sie kommen auch bei allen Völkern und im Leben jedes einzelnen Menschen vor. Die Leugnung der Wirklichkeit von Pflichtenkollisionen gehört dem Formalismus an. Ein offener und gesunder Sinn für die Wirklichkeit kann nicht leugnen, daß Kollisionen oft vorkommen. Es gehört eine starke Geistesflachheit dazu, von den tiefen Konflikten, die das Leben, namentlich das moderne Leben wachruft, nichts zu empfinden. Es können kollidieren Staatspflicht und Familienpflicht, Glaubenspflicht und Bürgerpflicht, allgemeiner Humanismus und Berufspflicht, traditionelle Anhänglichkeit und Nützlichkeitsrücksichten, Kunstsinn und die Enge des praktischen Horizonts. Sind denn nur im Zionismus diese Zusammenstöße unvermeidlich? Ist denn das andere, das Diasporaleben, ausgeglichen? Ist denn die Welt im allgemeinen schon so genau, einförmig und dogmatisch geordnet, wie sie sich die Weltbaumeister in der Westentasche denken? Das Chaos ist überall noch viel größer . . . Weil wir in Palästina aneinanderrücken, deshalb ergeben sich die Reibungen; wo die Kluft schon so weit ist, daß man vollständig auseinandergeht, da gibt's keine Reibungen, sondern einen Zerfall. Wo man die Wirrnisse zu entwirren sucht, da erfährt man erst, wie eng die Knoten und wie arg verschlungen die Fäden sind; aber schlimmer ist es, wenn man noch gar nicht dazu gelangt, dies in Erfahrung zu bringen. Wir sind schon so weit, daß wir die Kollisionen kennen, — und das ist viel. Nur für die Oberflächlichkeit und Gewissenlosigkeit ist es leicht, keine Kollisionen zu empfinden, während gerade die gewissenhaften Charaktere in sie hineingeraten. Die Lösung der Schwierigkeiten liegt darin, daß man das Gebot der Selbsterhaltung der Gesamtheit über alle Gegensätze zur Geltung bringt. Das ist das Geheimnis der Existenzmöglichkeit für jede Nation, die aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt ist. Das ist es, was wir zu lernen haben, mit Not und Mühe, mit Entsagung und Ausdauer, weil wir all das schon längst verlernt haben ... N. S. Der Zionismus und der soziale Sinn des jüdischen Volkes Einer der Einwände, der seit jeher von unsern Gegnern mit besonderm Behagen gegen die Realisierbarkeit des Zionismus geltend gemacht wurde, ist der Hinweis auf den jüdischen Individualismus, aus dem sich das Unvermögen der Juden, sich selbst zu regieren ergeben, soll. Jede autonome Entfaltung eines Gemeinwesens hat zur unerläßlichen Voraussetzung die Anerkennung des Gesamtwillens der Gemeinschaft als bindendet<Norm für die Betätigung der Einzelwillen. Sollte dem die Überwucherung des Individualismus im Wege stehen, dann wären allerdings unsere nationalen Aussichten in Frage gestellt. Zum Glück wird jener Einwand durch die Tatsachen, welche die jüdisch-nationale Bewegung, sei es in Palästina selbst, sei es in der Diaspora, zutage gefördert, vollständig widerlegt. Vielmehr erweist sich gerade darin die siegende Kraft des Zionismus, daß er eine Fülle von schöpferischen Potenzen sozialer Natur im jüdischen Volke auslöst, die, indem sie die individuelle Initiative großziehen, dieselbe in den Dienst des -Ganzen stellen. Folgendes soll diese Behauptung erhärten. Zur selben Zeit, als die Ugandafrage und deren Folge, der Gegensatz zwischen Territorialismus und Zione-Zionismus die zionistisch denkende Judenheit in Aufruhr versetzte, da es sich um Sein oder Nichtsein unserer nationalen Zukunft handelte, wurde zugleich die palästinensische Juxienheit von einer heftigen ökonomischen Krise geschüttelt die die bisherige materielle Grundlage der Kolonisation als haltlos erwies und die Frage der Seins oder Nichtseins einer jüdischen Wirtschaft im Lande unserer Väter aufwarf. Die von außenher aufgedrängte Verwaltung hatte nicht nur die Kolonisten entmündigt, sie sittlich und kulturell depraviert, sondern erwies sich auch materiell durch ihre schleuderhafte Wirtschaft als im höchsten Grade unzulänglich. Das Defizit des Weinbaues, des überwiegendsten Zweiges des Bodenertrages, wuchs ins Ungeheuere, und endlich kam ein Zeitpunkt, wo es so wie bisher nicht weitergehen konnte. In den Kolonien begann es zu gähren, ein Schrei nach Freiheit, nach Abschüttlung des verhaßten Joches erscholl durch die Reihen der Bevormundeten und nach langem hartnäckigem Ringen, nach unendlichen mühseligen Verhandlungen mit den maßgebenden Kreisen gelang es ihnen, ihre vollständige Selbständigkeit zu erlangen. Das gesamte Inventar (die Kellereien), die Produktion und der Handel gingen in die Regie der Kolonisten über, sie wurden fortan ihrem eignen Schicksal überlassen. Dies geschah zu ebenderselben Zeit, als in der jüdischnationalen Bewegung in der Diaspora der wahrhaft zionistische Gedanke über Ügandismus und Territorialismus den Sieg davontrug, als die erdrückende Mehrheit des jüdischen Volkes sich für Palästina entschied und die zweifelhaften Elemente sich veranlaßt sahen, aus der Partei auszuscheiden.