Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 ELT ERSCHEINT IE DEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIII. JAHRQ. KÖLN, 12. Februar 1909 \yvnb d'Wc< -MET n"d No. 7. DIE NATIONALE ERZIEHUNGSSTÄTTE Nicht diese oder jene Anstalt soll damit gemeint sein, sondern das Ahnenland, die historische Heimat im allgemeinen. Denn Palästina ist das einzige Land, in dem ein wahres, lebendiges Judentum aufblühen kann. Darin liegt die welthistorische Bedeutung des Zionismus. Er bedingt die liebende Hingabe und völlige Vereinigung mit dem Volkstum. Die entscheidendste innere Macht dieser Idee ist der Drang nach einer jüdischen Wirklichkeit. Daß in dem jüdischen Volkstum Kontinuität herrscht, ist keine Parteiformel, sondern eine natürliche Tatsache, eine Notwendigkeit. Zwischen unsern Gedanken und Worten und den ersten Gedanken und Worten, welche die ersten Stammeltern unserer Nation gedacht und geflüstert haben, besteht ein ununterbrochener. Zusammenhang. Eine richtige Bezeichnung des lebendigen Judentums muß daher nicht nur dessen heutige Gestalt, sondern das Judentum in seinem Entstehen und in seinen ältesten Entwicklungsformen berücksichtigen. Das Judentum kann sich oberflächlich wandeln, und es hat sich bekanntlich gewandelt. Aber wie sehr es sich auch entwickeln mag, es kann niemals mit seiner Vergangenheit brechen, es kann niemals von seinen tiefsten Wurzeln losgelöst werden. Am allerwenigsten aber kann dies in seiner Heimat geschehen. Es läßt sich nicht genau bezeichnen, wie die nationale Kultur in Palästina beschaffen sein wird; nationale Kultur ist nicht eine so fest umgrenzte Größe, wie die Mathematik oder die Geographie. Sieist etwas Fließendes, das sehr mannigfaltige Formen annimmt, trotzdem doch im Grunde unwandelbar bleibt. Sie ist in der Hauptsache ein lebendiges Bewußtsein, das in jeder gesunden nationalen Gruppe wirkt und sozusagen sauerteigartig eine umbildende Kraft des ganzen Lebens entfaltet. Diese Kraft schlummert zuweilen im Laufe langer Epochen, aber wenn sie nicht vollständig verkümmert, schlägt die Stunde ihres Erwachens. Was stellt nun ein solches Erwachen dar? Was ist es, nicht im vorübergehenden politischen, sondern in einem tieferen kulturellen Zusammenhange? Es ist das Gewahrwerden des Gesamtgeistes der eignen Nation unter solchen Erscheinungen, die auf die sittliche und zivilisatorische Richtung bestimmend einzuwirken imstande sind. Die Macht des jüdischen Geistes, der ewige Bund und die Fortdauer des jüdischen Volkstums, die nirgends so greifbar, augenfällig und überzeugend, wie auf dem Boden des Stammlandes in Erscheinung treten, bürgen uns dafür, daß der historische Zusammenhang ohne jeden Zwang, hier in seiner wirklichen Gestalt auftreten wird. Hier muß etwas entstehen, das viel jüdischer als all das Alte sein wird, als all das, was sich in der Diaspora als noch so jüdisch betrachten mag. Denn hier werden die selbständigen Daseinsformen wieder geschaffen und das Volk wieder in dieselben Lebensbedingungen gestellt, in welchen es all die geistigen und sittlichen Werte schuf und pflegte, deren Komplex wir als Judentum bezeichnen. Für diese hohen Zwecke ist Palästina nicht nur als ein Zentrum, sondern auch als eine Erziehungsstätte zu betrachten. Vorläufig sind es nur verschiedene Bestandteile der Diaspora, die sich dort versammeln. Die Einen schleppen noch die Ketten des Ghetto, die Andern möchten noch dem Moloch der Assimilation ihre Opfergaben darbringen. Alle möglichen Richtungen und Gepflogenheiten, Anlagen und Systeme, Regungen und Bestrebungen, die man nur aus den Verhältnissen heraus, wie sie sich in den verschiedenen Ländern herausgebildet haben, verstehen kann. Neben dem galizischen Chassid — der starre, litauische „Missnaged", der „autochthone" Spaniole, der französierende „Alliancezögling", der fromme Jehudi deutscher Art, der gemäßigte, chovev-zionistische konservativ-liberale „Maskil", der zu den Pionieren gehörte, und die in den letzten Jahren eingewanderte Jugend aus Rußland, mit all den Stimmungen, die man nur auf dem Boden der letzten Entwicklungen des Zarenreiches begreifen kann. All diese Elemente müssen sehr viel von sich abstreifen, um zu ihrem Kern, zum Allgemein-Jüdischen zu gelangen. Es ist ein vorbereitendes Stadium, während dessen die Publizistik die Pflicht hat, die Dinge von verschiedenen Seiten zu beleuchten, die verschiedenen Auffassungen zu Worte kommen zu lassen und eine Klärung und Verständigung zu fördern. Gegenseitige Vorurteile, Argwohn und Verdrießlichkeiten, Eigendünkel, Einbildung, ja die aufrichtige Überzeugung jeder Partei, jeder Schattierung, r