Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. b DIEIaXELT 127 Kindern umging, in den schönsten Farben hervor. Jeden Morgen holte er die Kleinen vom Hause ab, und jeden Abend begleitete er sie wieder nach Hause. Er sammelte die Kleinen um sich, und in geordneten Reihen führte er sie singend und jubilierend durch die engen Gassen des Städtchens bis zum Schulhaus. Baalschem sang, und der Kinderchor sang mit; die kleinen Füßehen hüpften noch obendrein. Das muß ein herrlicher Anblick gewesen sein! Hat man vor Israel Baalschem und nach ihm etwas ähnlich Erhebendes im Ghetto gesehen? Einen Lehrer mit seinen Schülern als schalmeienden Hirten mit seinen Schäflein in einem wirklich lebenden Bilde dargestellt, — einfach gottvoll! Dieser Gang nach dem Schulhaus zeigt uns den Baalschem als genialen Künstler, der, statt mit Pinsel und Farbe, mit Gottes herrlichsten Geschöpfen, den Kindern, ein entzückendes Gemälde schafft! Er wollte die Kinder zu guten Menschen machen, deshalb lehrte er sie Lieder singen. „Böse Menschen singen keine Lieder." Er wollte die Kinder zur Göttlichkeit erziehen, und er lehrte sie das Lachen. „Gott ruht nur unter denen, die frohen Mutes sind." Diese Erziehungsmethode hatte er sein Leben lang in Anwendung gebracht. Singend, lachend, tanzend soll die Seele sich zum Göttlichen, erheben, das die Quelle alles Frohsinns ist. Das Gebet soll ein innerer Sang sein, von solcher Kraft, daß er die äußern Körperteile zu rythmischen Bewegungen zwingt. „Alle Glieder sollen beim Gebet sprechen," pflegte Baalschem zu sagen. Nur die Beweglichkeit erzeugt die reine Inbrunst. Nur die Beweglichkeit erzeugt den innern Wärmegrad, der zur Erweckung reiner Gedanken notwendig ist. Das Gebet soll eine Art Läuterungsprozeß im Feuer sein. Und läßt sich Feuer aus dem Holze schlagen, ohne daß man es in Bewegung setzt? Kann man der Saite einen Ton entlocken, ohne daß man sie durch einen Bogenstrich zum Zittern bringt? Ruhe bedeutet, auf den Gefrierpunkt herabsinken; Starrheit läßt die Flammen göttlicher Begeisterung nicht aufkommen. . . Dies alles mußte sich Baalschem gesagt haben, als er den Gesang, die Körperbewegungen und den Tanz beim Gebet einführte. Baalschem war kein Anhänger des starren Systems. (Schluß folgt) Joseph Israels Von Is. Querido*) So wie ich den Herbst liebe, mit allen seinen Wunder erzeugendenErdgerüchen,mit seinen wehmütigen grauen Tönen, und mit dem blutroten Glänzen der Blätter, mit seinem Himmel voll golddurchwobener Nebel und mit seinen silberflimmernden Lichtreflexen, so auch liebe ich die jüdische Seele, — die wesentlich tief empfindende jüdische Seele, erschüttert von verwüstenden Träumen, aber auch unendlich verklärt durch stilles Leiden und Trauergesänge. In dem kleinen jüdischen Leben gibt es nichts, sei es noch so banal, sei es auch tief verborgen unter der Schwere der Alltäglichkeit, das ein Schimmer wreifrevoller Innigkeit nicht immer von neuem wieder durchglühte, ein Schimmer, den weder Schmerz noch irreligiöser Spott oder Hohn ersticken kann. In der Erinnerung an die Kindheit schlummert verborgen das reinste Glück. Und wenn du nach vielen Jahren die Stätten durchwandelst, wo du als Kind gewohnt hast und alle diese Dinge wiedersiehest, zwar gealtert, gebeugt, zernagt und angefressen vom Zahne der Zeit, aber doch mit etwas wunderlich Vertrautem und Eigenem, das durch all das Oberwuchernde und Beschädigte plötzlich rein und ungeschändet in das Innerste deines Seins zurückkehrt, so durchlebst du noch einmal in deinem Zustande als Mann deine ganz kleine Welt der Kindheit voll dumpf vorüber gerauschter Entzückungen und Heimlichkeiten, wo alles, auch das scheinbar nichtigste Ding dir lieb war und lieb bleiben wird. — Man kann geistig gewissen dogmatischen Anschauungen vollständig entwachsen sein und sich doch immer mit stillem Genügen in den Träumen des Glaubens seiner entschwundenen Kindheit wiegen. Die Vergangenheit entschleiert sich, umflossen vom Lichte eines wunderbaren, farbenprächtigen Geheimnisses! So saugt auch die jüdische Seele in sich ein alle Geheimnisse, bange Exiasen und jubelnde Schönheit des Lebens! Es ist kein besonderes Leben des Intellekts, daß diese Männer zum Mysterium der Kabbala hinleitet, sondern das unbewußte dialektisch verfeinerte altrabbinische Empfinden, dessen Poesie so zart ist wie das Gewebe des Herbstes! Es offenbart sich nicht in feinen Vernunftsklügeleien, in mühsam aufgebauter Gelehrsamkeit wie bei den großen alten Rabbinern, sondern in subtilem Stimmungsempfinden, in dem Erfassen jeder Farbe, jedes Tones, jedes Lichtreflexes, jeder verborgenen Lichtwirkung und jedes Wunders der Atmosphäre. Bei den als Juden geborenen modernen Künstlern, derem Seelenleben ohne viel gelehrte Vorstudien etwas vom Allerschönsten entsprossen ist, hat sich der halb unbewußte Drang der alten Rabbiner nach jüdischer Mystik, Kabbala und geheimen Erklärungen der Thora wieder einen Ausweg verschafft und sich selig in eine entzückte Stimmungsempfänglichkeit, und in eine verfeinerte Sensibilität umgewandelt. Und deshalb könnte man sagen, daß sie Gefühlskabbalisten und -talmudisten sind, begabt mit einem Erfassen der allersubtilsten Geheimnisse der Farben, der Linien und Gestalten, daß sie Kabbalisten sind in ihren sensitiven Stimmungsbildern, in ihrer Lyrik und Tragik, und daß sie ihrem innersten Wesen nach in all ihrem Schaffungsvermögen jüdisch geblieben sind als Künstler, die sowohl das teuflisch Schöne als auch die Schönheit des Frommen verarbeiten und in sich aufnehmen. rr- AUS DER BEWEGUNG *) Verspätet. Deutschland Nürnberg-Fürth: Auf zwei Veranstaltungen unserer Ortsgruppe können wir mit großer Befriedigung zurückblicken. Zunächst auf unsere Chanukahfeier, die am 5. Chanukahabend stattfand. Sie nahm einen gelungenen Verlauf und belehrte uns, wie weite Kreise der jüdischen Bevölkerung Nürnberg-Fürths für unsere Sache noch zu haben sind. Die Feier im einzelnen gebührend zu würdigen, ist heute allerdings schon zu spät. Ein glänzender Erfolg war unsere öffentliche, propagandistische Versammlung vom 24. Januar. Viele hundert Zuhörer lauschten den Worten unseres Redners, Herrn Julius Simon aus Mannheim, der das Thema „Philanthropie und Judenfrage" behandelte. „Wer Jude bleiben will, muß energisch Stellung zum Zionismus nehmen," rief Herr Simon und forderte insbesondere die Ortho-