Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-02-05 · 6 (5.2.1909) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
6 (5.2.1909)
Date
1909-02-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316359--51580-3345229
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

126 DiE^ELT Mo. 6 die aus dem Eiskeller kalter Forscherköpfe stammen, gerecht werden. Ebenso scheint es mir gewagt, die vollkernige Persönlichkeit des Baalschem durch mystische Schönrederei erschließen zu wollen. Wenigstens finde ich hier die Methode neu; die Methode, ein Geheimnis dadurch aufdecken zu wollen, daß man es noch mehr verschleiert. Wer das Wesen des Chassidismus sozusagen „auf einem Fuß" kennen lernen will, dem dürfte die in Kürze alles Wesentliche zusammenfassende Definition Salomon Schechters genügen: Der Chassidismus, die im achtzehnten Jahrhundert von Israel Baalschem ins Leben gerufene religiöse Bewegung, bedeutete „eine Auflehnung unter den Juden des östlichen Europas gegen die übertriebene Kasuistik der zeitgenössischenRabbiner"; sie war „eine neue Kundgebung des inbrünstigen Verlangens nach unmittelbarer Gottesgemeinschaft, der Protest einer impulsiven, aber unerzogenen Masse gegen eine einseitige, ihr in kalten, übermäßig subtilen Forschungen dargebotene Darstellung des Judentums, die sie nicht allein nicht verstand, sondern die auch alle Entfaltung ihrer religiösen Gefühle und Erregungen ausschloß, so daß ihr die Religion fast unmöglich gemacht worden war". Beiläufig sei hier noch ergänzend bemerkt, daß der Chassidismus bloß gegen die Gesetzes-Erschwerungen und gegen die Häufung von Paragraphen rebellierte, womit die haarspaltende Kasuistik der Rabbiner das Judentum belastet hatte. Aber gegen das Gesetz selbst lehnte er sich nicht auf. Der Chassidismus wollte nur den überlieferten Kern in eine entsprechende Schale stecken, die alte Hülle mit einem neuen Inhalt füllen. Von allen religiösen Strömungen, die in jener Zeit das Judentum durchfluteten, war der Chassidismus die einzige, die eine wirkliche Neu-, Um- und Weiterbildung des Judentums bezweckte. Die „Reform" schraubte das Judentum auf den abstrakten Mosaismus der Propheten zurück, und zwar so, daß sein Kern zu einem unsichtbaren mathematischen Punkt zusammenschrumpfte; die Orthodoxie knüpfte an den alten Rabbinismus an und machte dadurch das Judentum zu einer schwer zu tragenden Last; der Chassidismus allein wollte den halberstarrten, im Laufe der Jahrhunderte welk gewordenen Körper des Judentums mit neuen Säften tränken, indem er nicht das Leben dem Gesetz, sondern das Gesetz dem Leben dienstbar machte. Die Reform hat das Judentum verdünnt, die Orthodoxie vergröbert, den Chassidismus verinnerlicht.' Das Judentum war ein altes, aber noch immer sturmsicheres Gebäude. Die Reform schmückte die Fassade mit neuen Zieraten, die Orthodoxie stützte den innern Bau mit Säulen, Kolumnen, Stäben, der Chassidismus allein war auf die Neugestaltung von innen und außen bedacht. Das orthodoxe Judentum ist Zeremonialgesetz, das liberale — religiöse Weltanschauung, das chassidische — eine Lebenskunst. * * * Der Chassidismus war eine Lebenskunst und sein Schöpfer, Israel Baalschem, ein Lebenskünstler. Beileibe kein Erfinder eines Lebenselixiers, um. das irdische Dasein zu verlängern. Nicht die Kunst, alt zu werden, sondern ewig jung zu bleiben, — lehrte er seine Jünger. Nicht die Zahl der Jahre, sondern der Inhalt, den man ihnen gibt, macht das Alter aus. Hohes Alter, das verdrießlich auf Krücken einherstrampelt, was schert das den Baalschem! Sein Verlangen geht nach einer ewigen Jugend voll des Frohsinns und der Munterkeit. Die Jahre sollen nur die Hebel sein, die Jugend immer weiter, immer höher, bis ins höchste Alter hinein zu befördern. Das stete Steigern der Lebenskräfte war Baalschems Ideal; ein recht praktisches, kluges, nahezu irdisches Ideal, das sich mit dem Altwerden (im landläufigen Sinne), das ein allmähliches Sichverbrauchen bedeutet, nicht gut verträgt. Ich kann mir den Baalschem als graubärtigen Mann, aber nicht als Alten vorstellen Seiner Begeisterung Feuer, das mit dem Lauf der Jahre säulenartig immer höher wuchs, seines -Wortes Kraft, die mit jedem Tage an Wucht gewann, seine Kampfesfreudigkeit, der die Zeit keine Schranken setzte, — all dies sind Kennzeichen einer nie versiegenden, nie sich völlig ausgebenden Jugendlichkeit. Im düstern Podolien, dem Tallande, erblickte Baalschem das Licht der Welt. In der armseligen Hütte seiner Eltern verlebte er seine Kindheitstage. Also: Finsternis und Armut waren die Boten, die ihn auf seinem ersten Lebensgange empfingen. Da steckte Baalschem ein Licht an, das zunächst nur ihm selbst leuchtete, und füllte sein Herz mit Reichtümern, die ihm keines Menschen Hand rauben konnte. Als die bei weitem größte Tat des Baalschem möchte ich es bezeichnen, daß er sich selbst seine Jugend eroberte. Deshalb war sie auch von solcher Kraft und von solcher Dauer. Man sollte meinen, daß die Jugend ein Gnadengeschenk sei, das die Natur jedem Menschqnkinde in die Wiege legt. Im Ghetto, zumal in damaliger Zeit, war es leider nicht der Fall; da wurden die Kinder als Greise geboren. Baalschem war fast der erste im Ghetto, der den Weg zur Jugend, zum Frohsinn und zur Heiterkeit der Jugend zurückfand. Wie durch mächtige Geister getrieben, kehrte er den zwar weißgetünchten, aber vom Staube der Zeit dunkelgrau gewordenen Mauern des Schulhauses den Rücken und flüchtete ins Freie, in die Felder und die Wälder, in die Täler und die Gärten. Stunden-, tage-, ja wochenlang pflegte er hier zu lustwandeln und die Geheimnisse der Natur zu belauschen. Hier empfing er die erste Weihe, indem ihm hier die ersten Offenbarungen der Natur zuteil wurden. . . . Hier offenbarte sich auch sein eignes Ich — ihm und der Welt. Die Chassidim sagen sehr treffend: „Der Baalschem ist nithgaleh geworden," d. h. der Baalschem hat sich geoffenbart. Sie fassen den Baalschem als eine Art göttlicher Offenbarung auf. Man darf diese Auffassung nicht religiösen Wahnwitz schelten. Denn der weltliche Ausdruck: das Genie wird entdeckt, sagt dasselbe, nur in einer abschwächenden Form, wodurch einem Naturgeheimnis der letzte Nimbus genommen wird. Weil Israel Baalschem die Jugend sich selbst eroberte, wußte er sie auch zu schätzen. Sein erstes Debüt, wenn man so sagen darf, galt den Kindern. Gleich einem andern dem Judentum entsprossenen Religionsstifter rief er aus: Lasset die Kindlein zu mir kommen, und scheint diesen bedeutsamen Ausspruch ergänzt zu haben: Wenn die Kindlein nicht zum Propheten kommen, kommt der Prophetzu ihnen... Es lag sicherlich Absicht darin, daß Baalschem sehr frühzeitig die Stelle eines Unterlehrers in einem Kinderschulhause annahm. Das entsprach offenbar seinem tiefempfundenen Verlangen, sich der Erziehung der Kinder zu widmen. Der Zweck leuchtet aus der Art, wie er als Unterlehrer mit den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.