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Die Welt · 1909-02-05 · 6 (5.2.1909) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
6 (5.2.1909)
Date
1909-02-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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neue, daß nicht der eignen Kraft und Machtstellung, sondern lediglich dem freundschaftlichen Verhalten der Jungtürken die ottomanischen Juden die Vertretung zu verdanken haben, die ihrer Volkszahl, fdie aber leider zersplittert ist, entspricht. Über die Wahlvorgänge in Bagdad schreibt der „Stambul" vom 30. Januar folgendes: „In dieser Grenzstadt des Reiches haben die erklärten Gegner des neuen Regimes, unter tiem Deckmantel eines Pseudo-Patriotismus, nicht aufgehört, den unheilvollen Einfluß auf 'die Masse auszuüben. Diese Spione des alten Regimes waren es, die die letzten Unruhen wie die tatsächlichen Angriffe auf die Juden anstifteten. Diese Feindseligkeiten, hauptsächlich den Juden gegenüber, gewannen am Tage der Wahlen eine besondere Bedeutung. Unter 66 Wählmännern zweiten Grades, denen die Wahl dreier Deputierten oblag, zählte man 39 Mohammedaner, 26 Juden und 1 Christen. Der Zahl nach hatten die jüdischen Wahlmäner ohne die Stimmen ihrer moslemischen Kollegen sicherlich nur geringe Chancen, eine ihrer Kandidaturen triumphieren zu sehen. Indessen durften sie auf diese Hilfe auf Grund vorhergegangener Besprechungen zwischen den Wählergruppen und gegenseitiger Konzessionen rechnen. Allein die erwartete Unterstützung verriet sich im gegebenen Augenblick durch nichts anderes als — völlige und systematische Wahlenthältung seitens der Mohammedaner. Natürlich erfolgte das geplante Fiasko. Alle drei Erwählten waren zuerst Mohammedaner. Dieser Boykott des jüdischen Kandidaten war um so unqualifizierbarer, als dieser, selbst unter den Mohammedanern, sich allgemein einer gerechten Popularität erfreut. Von kultivierten! Geist, mit Gedanken, die dem Fortschritt ergeben sind, polyglott, da er lange In England lebte, hat Sassoon Eskell, den pöbelhafte Machinationen unterliegen lassen Wollten, die höchsten Vorstellungen von den Aulgaben der Vertreter der Kammer. Es ist ja bekannt, daß schließlich die Sache ihre Regelung fand, indem einer der muselmanischen Deputierten zugunsten Sassoons verzichtete, — ganz wie es unter analogen Verhältnissen in Smyrna zugunsten einer änderen Nationalität geschehen war. Die vorherrschende Rolle, die die Bagdader Juden in allen aktiven Lebensschichten spielen, und die Wohltaten, die für das Gedeihen dieses Landstriches daraus sich ergeben, sind unbestritten. Um so mehr verdiente ihre Beschwerde bei dieser Gelegenheit aufmerksame Beachtung. Und diese haben die Mitglieder des Jungtürkenkomitees, diese Helden der Freiheit, die sich ein Gesetz daraus machten, Gerechtigkeit und Recht zum Siege zu führen, den Juden von Bagdad nicht vorenthalten." Das Jüngtürfcenkomitee lind der Nobelpreis Zeitungsstimmen melden, daß der diesjährige Nobelpreis für den Frieden dem Jungtürkenkomitee zugesprochen werden solle. Die ottomariische Presse drückte über diese Absicht, die sicherlich kaum je besser begründet war, ihre Genugtuung aus. Nach der Wahl des Chacham~Baschi Einen Nobelpreis für den Frieden werden auch die türkischen Juden, und die im Auslande nicht zuletzt, verdienen, wenn sie jetzt endlich, nachdem ja die Entscheidung gefallen, mit den brudermörderisehen Feindseligkeiten aufhören würden. Anstatt sich in nutzlosen Protesten und Anklagen zu erschöpfen, sollte man die ersten Taten oder Untaten des neuen Mannes äbwarten. Die offenkundigen Ungerechtigkeiten des gegenwärtigen Wahlreglements sind von der Person des Gewählten genau zu trennen. Die ersteren können und werden beseitigt werden, ohne daß Personenkämpfe den jüdischen Schild zu beflecken brauchen. Nach und nach scheint diese Meinung zur allwärts herrschenden Stimmung zu werden. Salonik geht anscheinend auch diesmal trotz seines irn letzten Monat vor der Wahl erfolgten Protestes mit der Vernunft voran. Wiederholt haben Stimmen von dort zu erkennen gegeben, daß Salonik durchaus nicht die Person des Großrabbiners, sondern die unzulänglichen Bestimmungen, die bis heute seine Erwählung beherrschen, mit dem erfolgten Proteste habe treffen wollen. Ob die Gemeinden von Salonik, Adrianopel und Jerusalem nunmehr die erfolgte Wahl anerkennen oder anfechten wollen, ist noch nicht zu ermitteln, da sie ihnen bis Eintreffen der kaiserlichen Bestätigung noch nicht offiziell notifiziert worden ist. Wie ich höre, soll Rabbi Nahum zur Beruhigung der Gemüter in der heiligen Stadt sich entschlossen haben, den von ihm seinerzeit an Stelle des abgesetzten Rabbi Panigel dort eingeführten „locurhtenens" Rabbi Chiskija wieder zurückzurufen und einen beiden feindlichen Gemeindegruppen als unparteiisch bekannten neuen Kaimakam zur vorläufigen Amtsführung und Durchführung der Großrabbi wähl von Jerusalem dorthin zu entsenden. Rabbi Haim Nahum Der neue Qiacham Baschi ist im Jahre 1870 in Magnesia in Kleinasien gehören, wo er seine erste Kindheit verlebte. Im Alter von zehn Jahren kam er nach Beirut, wo er die arabische Sprache erlernte, von dort nach Tiberias auf die Jeschiba des berühmten David Abbo, auf der er nach vierjährigem Studium sein erstes talmudisches Zeugnis erwarb. Nun kehrte er wieder in die Heimat zurück und besuchte dort die eben eröffnete jüdische Schule des Journalisten Isaac Cohen, die ihm die ersten Kenntnisse des Französischen und Türkischen vermittelte, zugleich die Jeschiba des Rabbi Masliah, des Vaters des Deputierten, als Kamerad von dessen Brnder. Hierauf bezog er das Lycee imperial in Smyrna bis zur Erwerbung des Bakkälaureats. Sodann ging er nach Konstantinopel, um in den freien Kursen der fieole de droit muselmännisches Recht zu studieren. Von da begab er sich nach Paris. Mit Hilfe Edmund v. Rothschilds konnte er hier die Schule für orientalische Sprachen beziehen, an der er bei Schäfer Arabisch, Persisch und Himjaritisch studierte, und ein Diplom erwarb, gleichzeitig an der Universität in der historisch-philologischen und theologischen Sektion Vorlesungen hörte (über den Islam bei Dernburg) und vor allem das rabbinische Säminaire de France absolvierte, das ihn 1897 mit dem Titel „Grandrabbin" entließ. Im Jahre 1898 wurde in Konstantinopel das jüdische Seminar unter Leitung seines Schwiegervaters Abraham Danon eröffnet und Nahum diesem als Adjoint für Talmud jeruschalmi, Hagada, Homiletik, allgemeine und Literaturgeschichte zugeteilt. In dieser Stellung wirkte er zehn Jahre lang, indem er zugleich in den Oberklassen der Alliahce^Schulen jüdischen Geschichtsunterricht erteilte. In den letzten drei Jahren war er gleichzeitig Lehrer des Französischen, Türkischen und der Literatur an der Kaiserlichen iScole de genie, classe des officiers. Schließlich erhielt er auch den Posten des Kanzleidirektors des damaligen Großrabbinats. Vom November 1907 bis August 1908 machte er seine bekannte Reise nach Abessinien zum Studium der Lebensverhältnisse der jüdischen Fallachas, deren Ergebnissei er in wenigen Tagen in einer Publikation der Öffentlichkeit vorlegen wird. Bei seiner Rückkehr erwartete ihn die Überraschung der Konstitution und seiner Ernennung zum Kaimakam, die für ihn eine Etappe zum Chachambaschisessel bedeutete. ISRAEL BAALSCHEM Von Samuel Meiseis, Hamburg Israel Baalschem war der Schöpfer des Chassidismus. Man kennt den Chassidismus nur wenig, seinen Schöpfer fast gar nicht. Die einzelnen, in jüngster Zeit gemachten Versuche, das Wesen des Chassidismus und seine historische Bedeutung klar zu legen sowie die Seele des Baalschem, die gerade in ihrer Kompliziertheit harmonisch und trotz ihrer Schlichtheit so ganz Rätsel war, zu erfassen, sind an der teils übertrieben rationalistischen, teils hypermodern mystischen Auffassung unserer zeitgenössischen jüdischen Schriftsteller gescheitert. Man kann einer Bewegung wie der chassidischen, bei der mehr eine temperamentvolle, freudigfrische Lebensbejahung als eine kühlberechnende Uberlegung Geburtshelferin war, nicht mit Betrachtungen, 2

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