Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316359--51577-3345226- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hebron 1× ep/1047559
- Lod 1× ep/1045074
- Safed 1× ep/1046078
OCR text
Auch macht im allgemeinen der christliche Araber einen weniger sympathischen Eindruck als der Muhammedaner. Die echt arabische Landstadt (z. B. Lydda oder. Ramien) und die in sich geschlossenen arabischen Stadtteile in den größeren Städten unterscheiden sich von dem Dorfe nur durch größere Ausdehnung, eventuell ganz eng gebaute Häuserreihen, vor denen Laden neben Ladenbis mitten in die Straße gerückt sind. Diese Zustände sind wohl ihrem Wesen nach starr und dürften sich seit Jahrtausenden kaum verändert haben. Nur hat in den letzten^ Jahrzehnten die Bodenanhäufung in den Händen einzelner Effendis und der Steuerdruck eine fortgesetzte Verelendung des Fellachen bewirkt, während anderseits die reichen Grundbesitzer sich in gesteigertem Maße europäisieren, z. B. Orangerien pflanzen, die sie mit modernen Anlagen ausstatten. Wenn die Konstitution eine Verbesserung der agrarischen. Verhältnisse nach sich ziehen sollte, wird wahrscheinlich damit eine agrarische nationale Konkurrenz für unsere Kolonisation entstehen. Die Teilnahme der Araber an der modernen städtischen Entwicklung erstreckt sich dahin, daß sie am Häuserbau in hohem Maße beteiligt sind und die neuen Häuser sogar mit beträchtlichem archtitektonischem Geschmack ausstatten. Der Handel liegt vor allem in den Händen der Levantiner und Griechen. Der Einfluß der Europäer erstreckt sich natürlich fast nur auf die Städte. Ihr Werk sind: große Missionen, Schulen, prächtige Privatbauten, Warenhäuser, ganze Stadtteile. Das Land ist von ihrem Einflüsse noch wenig berührt. Höchstens daß irgendwo eine christliche Erinnerungsstätte Gelegenheit gibt, Fuß zu fassen. Eine agrarische, d. h. kolonisierende Tätigkeit wird fast nur von den Deutschen entfaltet, welche zwei Musterkolonien in Judäa: Sarona und Wilhelma, und auch eine landwirtschaftliche Schule besitzen. Welches Gepräge hat nun Stadt und Land inbezug auf unsere junge Ansiedlung? Inwiefern sind hier schon sichtbare Merkzeichen der bisherigen Entwicklung, ermunternde Anzeichen der Zukunft ausgeprägt? Unsere jüdischen Dörfer sind bei weitem keine Dörfer im natürlichen Sinne des Wortes. Erstens kann dies eine Kolonie überhaupt nicht sein, zweitens ist es unmöglich, daß ein der Landwirtschaft durch Jahrtausende entfremdetes Volk plötzlich ein richtiges Bauernvolk werde. Eine Kolonie ist zunächst ein Versuch, sie wird im besten Falle mit bewußten Zwecken und Zielen gewissermaßen nach einem Programm gegründet, ohne den bereits bestehenden Zusammenhang mit den Erfordernissen des Landes, ohne die primitiven Erfahrungen des mit seiner Umgebung verwachsenen Bauern und deren instinktive Ausnützung. Dazu hat der jüdische Kolonist, dem von Anfang an das Ideal des Palästinabauern in mehr nationaler als natürlicher Form vorschwebte, in sich selbst nicht die natürlichen Vorbedingungen einer schnellen ländlichen Einwurzelung. Denn ist der vollendete Bauerüberhaupt erst ein Produkt von Generationen umfassenden Bodenarbeit, so erfordert erst recht unsere Kolonisation lange Zeiträume, um den Bauer erst zu entwickeln. Dazu ist der jüdische Kolonist von Hause aus zumeist Kaufmann, — sein wirtschaftliches Gedankenleben vom Gesichtspunkte des Kaufmanns entwickelt. Der einfache Gedanke, daß die Befriedigung des Eigenbedarfs die erste, der kapitalistische Ertrag erst die zweite Aufgabe der natürlichen Wirtschaft ist, ist ihm abhanden gekommen, da er früher niemals Gelegenheit zur natürlichen Produktion gehabt hat. So bietet die jüdische Kolonisation auch äußerlich sichtbar die Licht- und Schattenseiten der Kolonisation überhaupt und deren spezifisch jüdische Erscheinungen. Die Wirtschaft ist weitaus moderner als die des Eingeborenen, aber mehr auf die Ausnützung einzelner gewinnverheißender Anbauzweige als auf das allgemeine, den gesamten Bedürfnissen entsprechende Erträgnis gerichtet. Dazu fehlen Erfahrungen in bezug auf die Bedingungen des Landes und landwirtschaftlich-theoretische oder praktische Vorkenntnisse. Es besteht in manchen fruchtbaren Gegenden kein Getreidebau, die Gemüsewirtschaft ist wenig, Vieh- und Milchwirtschaft fast gar nicht ausgebildet, Garten- und Obstzucht sind ganz primitiv, doch fehlt che breite Urwirtschaft ebenso wie die Edelkultur. Nur Orangerien, Weingärten, Oliven- und Mandelpflanzungen sind im Schwünge. Von Bäumen ist der zur Fiebervertreibung angepflanzte Eukalyptus speziell von den jüdischen Kolonisten eingeführt worden, dagegen fehlt die Palme völlig. ... .^ln wirtschaftliches Hauptgebrechen ist das Fehlen eines inlandischen jüdischen Marktes; manche primitivsten Dinge müssen sowohl in den Kolonien als in den Städten von Arabern bezogen werden, was das einfache Leben in hohem Maße verteuert. Dem jüdischen Individualismus, der verschiedenen Art der Gründungen, der Herkunft der Kolonisten, der verschiedenen geographischen Lage entsprechend, sind die jüdischen Kolonien recht mannigfacher Art. Petach-Tikwah, ein Riesendorf, doch ganz unter dem Banne des Orangengroßbetriebs stehend, trägt einen ganz andern Charakter als Rischon, wo noch immer alles auf die riesige Weinproduktion sich konzentriert. Echtere Kolonien sind Rechobot oder das kleine, £anz in seiner Wirtschaft geschlossene Katrah. Dann die Getreidekolonien Ekron und das reiche Chederah, dann Galiläa, wo der Kolonist, zum Teil Pächter des Ica-Bodens am meisten mit seinem Schweiß und Blut an den Boden gefesselt ist und zu seiner Unterstützung den jüdischen Arbeiter verwendet. Dann wieder das dürftige Mozah und Artuff im judäischen Kahlgebirge, und Rosch-Pinah und Metulah im romantischen Hochgaliläa, einige Kolonien in den fruchtbarsten Niederungen des Jordan. Auch einige ethnologisch und sozial interessante Erscheinungen: der jüdische Ackerbauer der südrussischen Kolonien neben dem russischen Proselyten, der Arbeiter gewordene Student neben dem grusinischen Bergjuden, welcher mit seiner blitzenden Waffe selbst dem Beduinen Respekt einflößt, die neue Arbeiterkolonie in Ain-Hanim, die Arbeitergemeinschaften auf der Farm in Sedjerah und in dem jungen Kinereth, der zionistischen Zukunftskolonie. Eine ganz andere Rolle spielt im jüdischen Palästina die Stadt. Ihre hygienischen Verhältnisse sind zumeist ebenso schlecht als die ökonomischen — doch macht man sich von der Arbeitsunlust der Juden vielfach falsche Vorstelluugen, da sie oft inmitten des jüdischen Milieus die schwersten körperlichen Arbeiten verrichten. Nur fehlt den Eingeborenen jede Spur irgendeiner sozialen Erkenntnis, jede Aufklärung überhaupt. In der jungen Kolonisation besteht ein geringer Lebenszusammenhang, höchstens Jaffa und Jerusalem ausgenommen; Jaffa ist der Hafenplatz und zugleich das Zentrum der jüdischen Kolonien, der wichtigste Immigrationspunkt, wo aber die Neileingewanderten vielfach mehr ihre einheimische Lebensführung fortsetzen, als ein neues „palästinensisches" Leben zu beginnen. Immerhin bietet es für manche einen leichten Übergang zu den ganz neuen palästinensischen Verhältnissen. Jerusalem hat in den letzten Jahrzehnten eine von jedem zionistischen Gedanken ganz unabhängige Judeneinwanderung aus allen möglichen — zumeist östlichen — Ländern aufzuweisen. Es ist — von der Vergangenheit abgesehen — gewiß auch in bezug auf jüdische Ethnologie der Gegenwart die interessanteste Stadt der Erde. In ihr bestehen fünfundzwanzig Gemeinden, in den vierzehn Sprachen gesprochen werden — Eingeborene, Russen, Polen, Ungarn, Nordafrikaner, Jemeniter, Syrer, Grusinier, Babylonier, Bucharer und Perser. Das moderne Element in Jerusalem scheint stetiger zu sein als anderswo, und wird vielleicht am ehesten die Bedingungen eines selbständigen höheren Kulturlebens bieten — im Bunde mit den Einflüssen der landschaftlichen und historischen Atmosphäre. Hebron, Tiberia und Safed sind uralte Judenstädte, ohne jede wirtschaftliche oder kulturelle Entwicklung. Im allgemeinen zeigt also die Stadt bis jetzt durchaus keinen natürlichen jüdischen Eigenwuchs höherer Art. Auch in der äußerlichen kulturellen Entwicklung derselben spielt das jüdische Element höchstens die zweite, manchmal eine noch geringere Rolle. Das städtischjüdische- Element ist entweder alteingesessen und kulturell sehr wenig entwickelt, oder mehr oder minder neu und fast noch „fremd im Lande". Das Fortschreiten des jüdischen Einflusses wird Land und Stadt umfassen, wenn auch das Land in höherem Maße. Die jüdische Kolonie ist ein Fortschreitendes, steter wirtschaftlicher, oft gründlicher Verbesserung Bedürftiges. Neue Mustergründlingen, landwirtschaftlich tüchtige beratende Kräfte, entsprechende Schulen werden ebenso von innerem als von äußerem Werte sein. Für die Städte erwächst eine riesengroße Aufgabe in der hygienischen, ökonomischen und kulturellen Hebung der eingeborenen Bevölkerung durch tüchtige gemeindliche Vereinigungen, die Förderung von Handwerk und kleinen Industrien, Elementarschulen und Volksbildungsanstalten. Wenn zugleich damit auch der Versuch gemacht werden kann — was hier im Orient viel näher liegt als in Europa — den Gegensatz zwischen Stadt und Land nach Möglichkeit zu überbrücken, so ist dies noch eine positive überaus dankbare Aufgabe! _ Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Das Parlament Das ottomanische Parlament wird rätselhaft. Kein Mensch kennt sich über seinen Charakter aus. „Häuptlings ein Löwe, rücklings ein Drache, — doch Geier in der Mitten!'1 Die löwenmäßigsten Interpellationen (von Interpellomanie wird sogar bereits 2