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Die Welt · 1909-02-05 · 6 (5.2.1909) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
6 (5.2.1909)
Date
1909-02-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Das Problem der Selbstverwaltungsmöglichkeiten, das auf verfassungsrechtlichem Wege gelöst werden kann, ist nur dazu geeignet, das Staätsinteres"se der einzelnen, dabei interessierten Faktoren zu erhöhen. Für das zusammenhanglose jüdische Individuum ist die Grundlage seines Staatsinteresses sein berechtigtes eignes Interesse: die Erhaltung der persönlichen Freiheit, des Lebens, des Eigentums. Für das organisierte jüdische Individuum, für die Gemeinde, für das sogen. Landesjudentum ist es mehr: der nötige Schutz für die religiösen und gemeinnützigen Anstalten. Für eine jüdische Gemeinschaft in Palästina kommt zu diesen Motiven noch eine ganz andere Kraft hinzu: die Notwendigkeit, geschützt zu sein, die wirkliche Bodenständigkeit, also der wirkliche Patriotismus, der Pätroitismus des Bodens, das wirkliche Interesse für den Staat, der ganze Gefühlskomplex einer nichtsklavischen, sondern freien und selbstverständlichen Staatsangehörigkeit. Das ist mehr als eine seichte Loyalität; das ist das ureigenste wohlverstandene Interesse, wie es nicht anders sein kann. Was suchen wir denn eigentlich in Palästina? Aus so manchen Äußerungen der Zweifler und der Nörgler entnehmen wir die traurige Wahrheit, daß sie die Tiefe unseres Bestrebens noch gar nicht erfaßt haben. Viele haben den Eindruck, der Zionismus sei politisch gewesen, sei es aber nicht mehr; man habe einen „Charter"'verlangt, und jetzt sei eine Wandlung eingetreten, da man ihn nicht mehr verlange. Sie verstehen kaum noch, um was es sich handelt und „sehen vor vielen Bäumen nicht den Wald". Es ist notwendig, im Zusammenhang mit der Analyse der Begriffe den Kernpunkt des Zionismus hervorzuheben. Wirstreben weder nach Macht noch nach politischen Abenteuern irgendwelcher Art; wir streben nach einer normalen Ausgestaltung unseres sozialen und nationalen Lebens. Die Siedlung in Palästina ist jene Form, welche mit der Grundform einer freien Existenz überhaupt zusammentrifft; es ist die speziell geartete Verwirklichung des Dranges nach einem Sichausleben; sie ist die Harmonie der Einzelerscheinungen unseres Lebens mit dem Endzweck einer Gemeinschaft. Die Siedlung in Palästina ist der natürliche Drang nach einer Synthese des jüdischen Lebens, der diesem Leben selbst innewohnt. Das ist die wirkliche theoretische Formel, über die die Forscher und die Grübler hinweggegangen sind. Das Mannigfaltige im Leben der Diaspora kann kein Ganzes ausmachen, weil es der Einheit ermangelt, die ihm nur eine historischgeographische Konzentration geben kann. Sie sind peripherische Erscheinungen, die nicht dem Einfluß eines Zentralwirkens unterworfen sind, spontane, zufällige Reaktionen auf äußere Einwirkungen. Noch ist ein jüdischer Gesamtgeist vorhanden, der sich in einem sozialen Gebilde verkörpern will, ja, verkörpern muß. Das ist die Naturgesetzmäßigkeit des historischen Lebens. Es ist der Drang eines innern Instinkts: der schöpferische Drang, der Freiheitsdrang. Der Zionismus ist nichts anderes als angewandte nationale Tradition; er ist der Träger aller kulturelljüdischen Keime. Darin und nicht in diesem oder jenem Mittel besteht seine Größe. Und national sind wir doch wahrlich keine abenteuernden Condottieri und keine mazedonischen Tschetas mit schäumend ausgreifender Brutalität, sondern ein Volk des Geistes und der Arbeit. Füf diesen Geist und für diese Arbeit in Palästina die sichere Stätte zu finden, — das ist die Quintessenz des Zionismus. Es bedarf keiner Notkompromisse, Ausgleiche und Harmonisierungen, um die vollständigste Übereinstimmung des ottomanischen Qesamtstaatspatriotiämus .mit diesen Bestrebungen festzustellen; es genügt, die Begriffe zu analysieren, um zu diesem Schluß zu gelangen und um einzusehen, daß der Zionismus hierdurch nichts von seiner Größe eingebüßt, sondern an Lebensfähigkeit gewonneri hat. _ N. S. Eindrücke voii Land und Stadt in Palästina Von Dr. Ernst Müller, Lydda Die Physiognomie von Völkern und Ländern drückt sich vor allem in der Gestalt ihrer Gemeinwesen aus: sowohl der die Gesamtheit umfassenden, als der örtlichen Gemeinden und der kleinsten Vereinigungen. > v In einem Lande wie Palästina, das von der Regierung bisher vernachlässigt, von verschiedenen europäischen Völkern hauptsächlich mit Missionen, Schulen und höchstens kommerziellen Einrichtungen, von den Deutschen mit zwei agrarischen Kolonien bedacht wurde, das aber auch von unsern Brüdern noch nicht in jenen Dimensionen besiedelt wurde, daß dadurch ein umwälzender Einfluß auf das Land schon ausgeübt wäre,. —in einem solchen Lande ist auch die „Physiognomie" etwas Werdendes, mit der künftigen Entwicklung sich Wandelndes. Da in bezug auf das ganze Land weder eine politische Organisation der Regierung noch eine Gesamtgestalt des Judentums schon ausgeprägt ist, die kleinsten Vereinigungen aber etwas ganz Fließendes, mehr Gestaltendes als Gestaltetes darstellen, so interessiert uns vor allem das ländliche und städtische Gemeinwesen als solches, das auch am meisten in die Augen fällt. Dorf und Stadt im Orient sind mit den gleichartigen Begriffen in Europa fticht ganz identisch. Das Dorf ist im allgemeinen primitiver, die Stadt entweder ländlicher oder noch reicher an Gewühl und einem Babel von Nationen. Das Dorf der eingeborenen Fellachen ist ganz besonders primitiv: ein paar Lehmhütten, durch deren schmalen, lochartigen Eingang man fast durchkriechen muß, bei den Reicheren etwas umfangreichere Baulichkeiten mit Hof, die engen Gassen äußerst schmutzig, ein paar liegende Grabsteine mit den charakteristischen Kopf- und Fußerhöhungen darauf, ein Brunnen und brunnenähnlicha Gruben als Vorratsräume, eine gemeinsame Tenne, alles von Kaktuszäunen, einzelnen Bäumen, darunter auch Palmen und Oliven, umgeben. In der Gegend Jerusalems erscheint das Dorf etwas reicher, zum Teil aus Stein gebaut, der mit seiner gelblichgrauen Erdfarbe dem Ganzen oft das Aussehen einer Ruinenstätte verleiht. Besonders eigenartig ist der Anblick mancher Dörfer, die auf dürren Berghängen oder zwischen Felsen gebaut sind, wie z. B. Siluan bei Jerusalem. Immerhin zeigen sich mitunter, z. B. in den halbkugelförmigen Dächern, aber auch in der Form der häuslichen Innenräume Spuren architektonischer Begabung. Der Boden ist oft dem Dorfe oder größeren Sippen gemeinsam, und die Anteile der einzelnen werden alle zwei Jahre neu aufgeteilt. Acker- und Getreidebau sind sehr wenig intensiv, namentlich infolge der primitiven Geräte. Die Viehzucht ist hauptsächlich auf Schafe und Ziegen gerichtet, ohne daß die trockenen Weideplätze das ganze Jahr hindurch ausreichend wären. Die Stadt bildet zumeist ein unorganisches Nebeneinander von orientalischem Markt- und Handelsleben und wenigen europäischen Einrichtungen. Der einheimische Städtebewohner ist kaum höher entwickelt als der Bauer, er ist höchstens dem Zusammenhange mit der Natur entrückt. Er scheint sozial so weit aufgeklärt, um den Fremden ein wenig zu verachten und gleichzeitig auszunützen. Er ist roher, korrupter und der europäischen Kultur so weit zugetan, als sie seine faule Bequemlichkeit zu steigern imstande ist.. Die Jaffaer Bevölkerung ist stark mit levantinischen Elementen durchsetzt, die zum Teil ein Bastardvolk aus italienischen Händlern, Kreuzfahrern und Arabern darstellen und durch Roheit und Betrügereien sattsam bekannt sind.

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