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Die Welt · 1909-01-29 · 5 (29.1.1909) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
5 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Votum schriftlich übersandt, so daß 86 Stimmen vertreten sind. Der Chachambaschi wird mit einfacher Majorität gewählt,, braucht also zu dieser 44 Stimmen. Schon vor Beginn der Versammlung wird Gesang von draußen hörbar; es sind ein Panegyrikus in spaniolischer und einer in hebräischer Sprache auf Rabbi Haim Nahum, die nach der Melodie der türkischen Nationalhymne erklingen. Zu Eröffnung der Sitzung heißt man die manifestierenden Sänger schweigen. Der Kaimakarn, das Gesicht unbewegt wie immer, tritt auf die Stufe der Heiligen Lade und begrüßt die Erschienenen in einer Eröffnungsrede, die wir in unserer nächsten Nummer in extenso bringen. Er übermittelt den Auftrag der Hohen Pforte, die jüdische Nationalversammlung zur Großrabbinatswahl zu eröffnen. Es war Wunsch der Regierung, diese Wahl so bald als möglich vollzogen zu sehen; und doch haben fünf Mouate nach Einführung der Konstitution vergehen müssen. Ernste, unaufschiebbare Aufgaben traten hindernd dazwischen. Die völlige Anarchie in der Gemeindeverwaltung bei seiner Übernahme des Kaimakamamtes, die Leere der Kassen, der Kampf um die Gabella, die erhalten werden mußte, erforderten Arbeit und Zeitaufwand. Dann kam die Ausarbeitung von Gesetzesvorschlägen über die künftige Gestaltung des jüdischen Schulwesens und der Einbeziehung der Juden in die Militärpflicht. Hierauf geht der Kaimakarn auf die Vorgeschichte des Wahlvorganges und das Verhalten der Jerusalemer. Saloniker und Adrianopeler Gemeinden ein und legt den juridisch einwandsfreien Standpunkt des Konsistoriums in dieser Frage dar. Die ägyptischen Gemeinden, Kairo und Alexandrien, haben sich von allem Anfang aus politischen Gründen ferngehalten. Am Schluß seiner Rede fragt Rabbi Nahum die Nationalversammlung, ob sie, dem Wunsche der Saloniker und Adrianopeler Gemeinden entsprechend, die Wahlhandlung auf einen anderen, bestimmt festgesetzten Tag verschieben wolle. Der bekannte Advokat Taranto bittet um das Wort. Er wendet sich gegen diesen Antrag; die Versammlung sei für einen solchen Beschluß gar nicht kompetent; sie ist formell lediglich zum Wahlakt und zu nichts anderem berufen. Senator Behor Effendi ist entgegengesetzter Ansicht. Die Stimmung ist sehr erregt; es wird stürmisches Verlangen nach Übergang zur Tagesordnung laut. Endlich schlägt Behor Effendi vor, falls der Aufschub abgelehnt wird, die Wahlhandlung vorzunehmen mit ausdrücklicher Festlegung der Bedingung, daß nach vollzogener Wahl an die Änderung der Bestimmungen der innern Organisation der Nationalvertretung geschritten werden soll. Unter dieser Voraussetzung wird sodann die sofortige Vornahme der Wahl mit Einstimmigkeit beschlossen. Der Kaimakarn gibt die näheren Wahlbestimmungen bekannt. Die Wahl ist geheim. Es werden Zettel verteilt und die Sekretäre mit ihrer Einsammlung beauftragt. Als Kontrolleure wählt die Versammlung Behor Effendi und Rabbi Ferrero. Die Wahlzettel Werden in einem Briefkasten eingesammelt, dieser dann eröffnet und die Stimmen unter größter Spannung ausgezählt. Fast nur: „Rabbi Haim Nahum" wird hörbar. Als die vierundvierzigste Stimme für ihn gefallen ist, erhebt sich betäubender Beifall. Einige Wahlmänner drängen sich um Nahum, ihm Glück zu wünschen. Auf der Preßgalerie umarmt und küßt man einander. Von draußen dringen dröhnende Evivarufe, dann die Töne der Nahum-Hymne in die .Synagoge. Die weitere Auszählung ergibt im ganzen für Rabbi Nahum 72 Stimmen, Rabbi Awrom Danon erhält eine, Rabbi Raphael Aron ben Schim'on aus Kairo neun und Rabbi Chabib von Brussa deren zwei. Hierauf wird das Wahlprotokoll in türkischer Sprache verlesen und von sämtlichen Teilnehmern unterzeichnet, von den Mitgliedern des Mischlisch dschismani auch gesiegelt. Zum Schlüsse erbittet der neue Großrabbi noch einmal das Wort und sagt in Bewegung etwa folgendes: Ich danke der Nation für die Ehre, die sie mir erwiesen« Eine große Last hat sie auf meine Schultern gelegt. Aber sie erscheint mir leicht, wenn alle die zahlreichen intellektuellen, moralischen und materiellen Kräfte mir zur Seite stehen werden, über die unsere Nation verfügt. Ich werde mit allen meinen Kräften bestrebt sein, unserer Nation zu dienen, unsere heilige Religion und ihre Tradition zu wahren. Nur um eines bitte ich und erflehe ich von ganzem Herzen: Eintracht, Zusammenarbeit auf das einzige Ziel: "unsere Nation, die edle, die eine so große Vergangenheit hat, zu einer großen glücklichen, geehrten und dem Vaterlande getreuen Nation zu machen." (Stürmischer Beifall.) Alles drängt sich um den Erwählten, ihm Glück zu wünschen. Sehr viele, die Rabbiner ausgenommen, küssen ihm nach Landessitte die Hände. Bei seinem Austritt aus dem Tempel ist der Chachambaschi von neuem Gegenstand begeisterter Ovationen. Die Menge ist in- , zwischen auf viele Hunderte angewachsen. Von der Höhe der Freitreppe hinunter spricht der Gefeierte einige kräftige Worte zum Volke. Nur ihm, nicht sich, will er künftig angehören mit Leib und Seele. Jaschassin- und Eyiva-Schreie brausen. Die Soldaten, die an der Ecke postiert sind, salutieren. Ein geschlossener Wagen entführt den Chachambaschi. — In einigen Tagen wird seine Erwählung durch trade des Sultans bestätigt und perfekt. | Ignacy Bernstein j Aus Brüssel erhielten wir die traurige Kunde von dem Ableben eines der verehrtesten jüdischen Literatur-Mäcene unserer Zeit, des Herrn Ignacy Bernstein aus Warschau. Mit Glücksgütern reich beschenkt und zugleich intellektuell veranlagt, war der Verblichene sein Lebenlang ein treuer Freund jüdischer Wissenschaft und widmete sich selbst einem interessanten Gebiet, dem Gebiet der Sprüchwörter. Er besaß die größte Sprüchwörterliteraturbibiiothek und verfaßte zwei Werke, die als Denkmäler ernster, großer, mit wahrer Liebe betriebenen Forschungen betrachtet werden können: den Katalog seiner Bibliothek, — eines der schönsten und großartigsten Leistungen der typographischen Kunst unserer Zeit — und das Buch der jüdischen Spruch wörte r. In Warschau gehörte Ignacy Bernstein zu den Förderern alles Guten und Schönen. Seine Name figurierte auf den Listen sämtlicher Institutionen. Er gehörte lange dem Synagogenkomitee an, doch entzog er sich verschiedene Male der Kandidatur für die verschiedenen Vorstände. Ein Schöngeist und Bücherfreund, Forscher und Tourist eignete er sich nicht für kleine lokale Verwaltungsarbeit. Seine frühere Lebensgefährtin, Elise geb. v. Miser aus Lemberg, eine Dame von hohem Ge:stesadel und idealer Bildung, förderte seine literarischen Bestrebungen und begleitete ihn auf seinen vielen Reisen. Ihr Haus war in Warschau ein jüdisches Heim, von einer feinen geistigen Atmosphäre durchweht. Eine 30jährige Freundschaft, die Schreiber dieser Zeilen mit dem Verblichenen verband, macht es ihm schwer unter dem frischen Eindruck der Todesnachricht eine Wertschätzung dieser herrlichen Persönlichkeit wiederzugeben. Der Heimgegangene stand dem Zionismus anteilsvoll gegenüber. Er gehörte zu den ersten Aktionären der Kolonialbank und interessierte sich lebhaft für die Entwicklung unserer Idee. Vor Jahren hatte er auch eine der schönsten Palästinareisen gemacht Ehre seinem Andenken! S. NOTIZEN Die Erforschung des toten Meeres Dieser Tage ist nach Palästina eine Expedition abgegangen die sich die ^Erforschung des toten Meeres zum Ziele gesetzt hat. Die Expedition besteht, der Italia zufolge, aus 20 Personen, darunter neun Dominikaner und eine Anzahl Ordensleute aus Frankreich, Belgien, Deutschland, Holland, England und Amerika. Die Leitung der Expedition haben die Professoren der Bibelschule der Dominikaner in Jerusalem; sie haben für eine bestimmte Zeit den einzigen Dampfer gemietet, der das Tote Meer befährt; die Mitglieder der Expedition schlafen an Bord des Schiffes und machen unter Tags ihre Ausflüge. Die Expedition hat topographische, archäologische und naturwissenschaftliche Zwecke, und man erwartet, daß sie die bisherigen Kenntnisse, die Louis Loriot, Quillaume Rey, Vugüe und andere Forscher uns über das Tote Meer vermittelt haben, wesentlich erweitern werde. Es ist bereits anerkannt, daß der Kern der biblischen Erzählung richtig ist, wonach an der Stelle des Toten Meeres sich Städte befunden haben, die durch eine Katastrophe vernichtet worden sind. Das Tote Meer verdankt seine Entstehung einer tiefen Einsenkung, die durch den Hauptzufluß, den Jordan, bis zu einer gewissen Höhe ausgefüllt worden ist; der Spiegel des Toten Meeres liegt heute noch 436 Meter unter dem Spiegel des Mittelländischen Meeres. Das Tote Meer ist 75 km lang und bis 16 km breit; es findet sich in ihm kein Fisch, keine Pflanze, keine Koralie und keine Muschel. Sein Boden enthält namentlich Asphalt und viel Sak; der Salzgehalt des Meerwassers beträgt 26 25 Prozent, während der Salzgehalt des Meerwassers sonst nur 4 Prozent beträgt; das spezifische Gewicht des Wassers des Toten Meeres ist darum auch um ein . Fünftel größer als das Gewicht des anderen Meerwassers. Man

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