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Die Welt · 1909-01-29 · 5 (29.1.1909) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
5 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 5 DiEE^ELT 113 bewanderter erschien in diesen alten Zeiten, der Bankier — seinem Studium nach übrigens ein Chemiker — oder Freund Pfarrer und Privatdozent Und wenn alle die großen grünen Ebenen, das weite fruchtbare Land der jüdischen Kolonien, das so heimelig zwischen den blumigen Bergweiden der Beduinen eingebettet liegt, wenn alle Hoffnungen, die darauf ruhen, den Zionisten entschwinden sollten wie Seifenschaum, jetzt erleben sie eine große Zeit. Es ist nicht Zufall, daß der Chemikerbankier Geschichte studiert. „Geschichte*4 ist es, was da unten alle Arbeit weiht. Einer studiert sie, und die Menge macht sie. Wenn der Judenbauer sich auf dem FelJe müht, Tag für Tag, so weiß er, daß er sich nicht für das tägliche Brot abplagt; er weiß, daß jeder Sensenschwun* ein kleines Stück Geschichte ist; er weiß, daß er damit seinem Volke eine Heimat schafft, dem Volke, das 2000 Jahre lang zerstreut war, überall nur geduldet, nirgends geliebt; und welche Heimat! Nicht efne Wqhnstätte in Ostafrika oder den Pampas, nein, die Heimat erwirbt er, das seinen Vätern verheißene, das gelobte Land. Und bürgt nicht ein Umstand, so gut als nur etwas bürgen kann, für den endlichen Erfolg: die Tatsache, daß es dem Juden gelungen ist, Bauer zu werden. Und daß er wirklich Bauer geworden ist, dafür zeugt sein stilles, frohes Wesen. Die körperliche Arbeit hat ihn gesegnet, wie sie jeden Menschen segnet, der sie kennt. Wenn aber in Palästina jüdische Bauern sitzen, so werden sie so zäh, so unentwegt und kraftvoll an ihrem Lande festhalten wie jeder Bauernstamm an dem seinigen. Wir aber halten uns allein für wurzelecht. Eines frage ich mich. Es waren lauter russische Juden, die wir kennen lernten. Waren es jüdische Eigenschaften, die wir sahen, oder war es der tatkräftige Idealismus der russischen Barbarei?" fcimmj|zgo NACHRICHTEN °|~°:^HfI] Türkei (Von unserm Berichterstatter) Haim Nahum, Großrabbiner der Türkei Konstantinopel, 24. Januar 1909 Das große Ereignis ist vollzogen: Die jüdische Nation im ottomanischen Reiche hat ihren Vertreter erhalten. Man kann die Bedeutung dieser historischen Tatsache nicht leicht überschätzen. Nicht mehr und nicht weniger als ein letzter Rest der einstigen völkischen Selbständigkeit liegt darin beschlossen. Kein anderes Land der Welt als die Türkei gesteht uns soviel autonome Rechte zu und so weitgehende Anerkennung als nationale Körperschaft. Der Chachnmbaschi ist ein wahrhaftiger Fürst in Israel, ein allerletzter Abglanz der alten Königsherrlichkeit. Er ist vor Staat und Herrscher das wirkliche Oberhaupt unserer Nation, wie der ökumenische Patriarch das der griechischen. Am heutigen Tage ist Rabbi Haim Nahum in diesen Rang erhoben worden. Seine Persönlichkeit wird sich als ganz bedeutende entfalten müssen, wenn sie auf der Höhe ihrer Stellung stehen will. Wird ihm das gelingen, wird er Gedanken zum Leben führen, die zu der Tragweite seiner Machtbefugnisse in Proportion stehen, so wird sein Name in der Geschichte bleiben. Denn niemals war eine Zeithierzu so geeignet wie heute. Der Chachambaschi Haim Nahum mag wissen, daß die Nation, die ihn heute zu seiner Berufung beglückwünscht, Außerordentliches von ihm erwartet. Niemand kann in seinen Ernst und seinen heiligen Willen, die er heute an geweihter Stätte vor der Bundesiade und den Vertretern seines Volkes in bewegten Worten bekundete, einen Zweifel setzen. Wir wollen ihm wünschen, daß seine Kräfte das Vertrauen von Millionen nicht enttäuschen mögen. Chasak we'emoz! * * * Unter schräg ansteigendem Schwibbogen klimmt man aus der großen Tramwaystraße eine Treppe in ein schmales Gäßchen hinunter, das an das alte Stadtviertel in Jerusalem gemahnt. Das Gäßchen ist von etwa hundert erwartungsvollen Menschen erfüllt, die sich von der trostlosen Witterung, von Regen und Schnee nicht hatten abhalten lassen, mit unzähligen roten Fähnchen, „Liga Rod'fe Emet" tragen sie in hebräischen Buchstaben, zu manifestieren. Eine Riesenfahne läßt große Lettern: „Grandrabbin Haim Nahum" in den Wind hinein flattern. Links zur Seite öffnet sich die eiserne Pforte zum kleinen Vorhof der sephardischen Synagoge, die Schauplatz des historischen Vorganges sein soll. Voi der Pforte bilden Synagogen- und Mischlischdiener in schmucken Uniformmänteln, mit blanken Knöpfen, roten Aufschlägen und roten Fes vor den Eintretenden Spalier. Eine schmale, gefährlich gewundene Treppe trägt uns in die Presseloge empor, die nichts anderes ist als die Frauengalerie der Synagoge. Das dichte, aber niedrige Gitter derselben läßt freiesten Blick hinunter; die Sephardim, so scheint es, sind keine Mucker: sie halten darauf, auch im Gotteshause ihre Frauen in voller Freiheit und Sichtbarkeit in ihrer Nähe zu haben. Der Tempel unten bietet ein herrliches B:ld: Ein rechteckiger, lichtvoller, hoher Raum, der an der vordem Schmalseite den prächtigen Aron hakodesch, in der Mitte der Decke eine achteckig geschnittene, spitzgehobene Kuppel, genau unter ihr die Vorbeterbalustrade und auf zahlreichen runden Marmorsäulen die hufeisenförmig umlaufende Frauentri;üne trägt. Große weiße Steinfliesen bilden den Boden, den vor der dreistufigen, halbkreisförmigen, weiß marmornen Aron hakodesch-Empore ein wundervoller orientalischer Riesenteppich vollkommen zudeckt. Die Längswände entlang laufen, zu beiden Seiten des Amud sich öffnend, hellbraune hölzerne Bänke, und von der Decke herunter hängen schwer und glitzernd, vom Tageslicht, das aus farbigen Scheiben dringt, rot, blau und grün beschimmert, drei riesige Lüster in der Mitte und je drei zu beiden Seiten der Synagoge hinunter. Vor dem Aron hakodesch senken sich drei kunstvoll metallgehämmerte, traulich brennende ewige Lampen hernieder, zwischen den Kronleuchtern zahllose ähnliche, die aber heute keine flimmernden Öilichtchen tragen. Bald werden die Hunderte von Kerzen auf den Lüstern entzündet, und die Synagoge erstrahlt in blendendem Glänze. Unten hat sich bereits emsiges Leben eingestellt. Punkt 10 Uhr ist der Kaimakam erschienen, draußen von schallenden Evivarufen empfangen. Die gedrungene Gestalt im langen, dunklen Dschubej. mit dem schwarzen Turban auf dem Haupte, das bartumrahmte Gesicht wachsbleich und undurchdringlich, schreitet langsam und fest an die Misrach-Wand, wo dicht neben der heiligen Lade sein Ehrensitz auf ihn wartet. Dann erscheinen nach und nach die Wahlmänner alle; ernste Kaufleute in europäischer Tracht, mit Fes oder Kaipak, Staatsbeamte in Uniformen mit klirrendem Säbel, die greisen Chachamin endlich, herrliche Patriarchengestalten, mit ihren lang herab fallenden schneeweißen, graumelierten und kohlschwarzen Bärten. Sie nehmen vorn in beiden Ecken der Misrachseite Platz; auf der Balustrade in der Mitte d:e zwölf Mitglieder des Mischlisch dsch'smani, des Exekutiv-Konsistoriums; auf den Bänken die Mitglieder des Mischlisch umumi und die Abordnungen der auswärtigen Gemeinden. Salonik und Adrianopel fehlen. Sie haben, da ihr Verlangen auf Wahlaufschub vom Kaimakam und dem Justizministerium nicht berücksichtigt wurde, als Zeichen des Protestes ihre Wahlmänner beordert, sich zu absentieren. Die Vertreter Jerusalems sind nicht vollzählig anwesend, da einige der Ernannten ihre Vokalion nicht als zu Recht erfolgt anerkennen. Auf der rechten Mittelbank sitzen die Smyrnaer Deputierten, unter ihnen das Parlamentsmitglied Nessim Effendi Masliach. Auf der gleichen Bank fällt die bescheidene Greisengestait des Senators Behor Effendi Askenasi auf. Viel bemerkt wird der Eintritt Schabbatai Levy's, des Beth-din-Präsidenten aus Balat, und Bruders des abgesetzten Chachambaschis, sowie der des Enkels desselben, Joschua Bfy El Nepowa, dem das Volk den größten Teil der Schuld an der Mißwirtschaft Mosche Halevys beimißt. Als Nissim Homon, der greise Rosch-Aw-Betdin, erscheint, begrüßen ihn seine Kollegen ehrfürchtig mit dreifachem Verneigen; ein Teppich wird herzugetragen und unter seine Füße gebreitet. Die Uniformierten sind Colonel Dr. Hudora; Isak Pascha Molcho, Vizeadmiral; Mentesch Pascha, Konteradmiral; Moise Bey Dalmedico, Dragoman der Marine, und Costro Bey, Leutnant-Colonel. In der Mitte vor der Balustrade steht der Bureautisch, an dem die Sekretäre des Mischlisch dschismani und Mischlisch ruchani Platz genommen haben. Der erstere erhebt sich und stellt die Zahl der Erschienenen fest. Es sind 76 Wahlmänner erschienen, 10 haben außerdem ihr

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