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Die Welt · 1909-01-29 · 5 (29.1.1909) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
5 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
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einem Jahrzehnt wahrer Sisyphusarbeit in diesem Zentrum des Liberalismus in Österreich der erste, reine, durchschlagende, von niemand anzuzweifelnde Erfolg unserer Bestrebungen. Es waren aber auch erlesene Geister, die zu den Prager Juden sprachen. Felix Saiten, der feine Novellist und scharfe Kritiker, sprach über den Abfall vom Judentum; leicht und elegant und wieder scharf und spitzig charakterisiert er die Großstadtjuden, die sich taufen lassen, weil sie modern und aufgeklärt zu sein glauben; und all das ist nichts als die natürliche Folgender Emanzipation, die doch noch so wenig weit hinter uns liegt. Oberwindet man aber, so folgert Saiten, die Feindseligkeit, so wird man auf dem gesicherten Boden des Nationalismus die Ruhe und Würde eines in seinem Volke ruhenden Charakters gewinnen. All das wurde fesselnd, sprühend von Geist und funkelnd in einer leichten, fast spielend strömenden Beredsamkeit vorgetragen, daß es alle Zuhörer vom ersten Satze an im Banne hielt und endlich zu stürmischem Beifall fortriß. Der zweite Redner des Abends war Martin Buber. Er behandelte das Thema: „Der Sinn des Judentums". Was für einen Sinn hat es, daß wir Juden sind?, stellte er die Frage. Viele sagen, wir seien eine Nation. Die lebendigen Elemente der Nation sind aber das Land, — und wir haben kein Land; die Sprache, — und die ungeheure Mehrzahl der Juden spricht nichtjüdische Sprachen; endlich die besondern Lebensformen der Nation, die gemeinsame Art zu leben, auch die fehlt uns. Daß wir uns trotzdem zusammengehörig fühlen, liegt darin, daß etwas in uns stark ist, das Innerliche, das Jüdische in uns, die Macht, die es bewirkt hat, daß unser Denken mehr abstrakt mathematisch als konkret naturhaft, daß unser Fühlen mehr musikalisch als bildhaft ist, daß unser Wollen mehr auf Umgestaltung als auf Ausgestaltung des Lebens geht; diese Kraft ist unser Blut. Die bestimmenden Mächte des Menschenlebens sind die Innerlichkeit und die Umwelt. Das Innerlichste in uns, die tiefste Schichte unserer Persönlichkeit aber ist das Blut, ist das große Erbe der Zeiten. Und es ist nicht nur die Art unserer Väter, die wir geerbt haben, sondern auch das Schicksal der Väter, ihr Leiden und ihre Schande, wie ihr Stolz und ihre Größe. Und wenn wir nun wissen, daß diese zwei Mächte in unserm Dasein wirksam sind, unser Blut und unsere Umwelt, so müssen wir auch erkennen, und das ist das, worauf es ankommt, daß die Umwelt, das äußere Schicksal, uns immer nur den Stoff unseres Erlebens gibt, unsere jüdische Innerlichkeit aber die gestaltende Kraft ist, die aus dem Stoffe erst unser wirkliches inneres Leben schafft. Um aus der Zweiheit unseres innern Lebens zur Einheit zu kommen, um uns selbst tu erlösen, bedarf es der Besinnung auf das, was unser Blut in uns ist; wir sollen in stillen Stunden in uns selbst schauen, sollen unser Leben in die Hand nehmen und eine große Ausgleichung finden zwischen innerer Welt und Umwelt. Diese Forderung, von jetzt ab wirklich von innen heraus Juden zu sein und als Juden zu leben, das ist die persönliche Judenfrage, aus der all die vielen Judenfragen, von denen jetzt geredet wird, erst entspringen. Diese persönliche Judenfrage meint zweierlei: unsere Stellungnahme zum Judentum selbst und unsere Stellungnahme zur umgebenden Welt. Wenn wir uns einmal aus tiefster Selbsterkenntnis heraus bejaht haben, wenn wir zu uns selbst, zu unserer ganzen jüdischen Existenz Ja gesagt haben, dann fühlen wir nicht mehr als einzelne, sondern dann fühlt jeder einzelne von uns als Volk, denn er fühlt das Volk in sich; und in der Vergangenheit des Judentums werden wir die Vorgeschichte unseres Lebens sehen, jeder von uns die Vorgeschichte seines eignen Lebens. Ebenso werden wir die Gegenwart fühlen: diese armen, fast betäubten Menschen da draußen; diese gedrückten Juden des Ostens werden wir dann nicht etwa bloß als unsere Brüder betrachten, sondern jeder von uns wird fühlen; diese Menschen sind Stücke von mir; ich leide nicht mit ihnen mit, sondern ich leide das; meine Seele ist nicht bei meinem Volke, sondern mein Volk ist meine Seele. Und in diesem selben Sinne wird dann jeder von uns die Zukunft des Judentums fühlen, er wird fühlen: ich will weiterleben, ich will meine Zukunft, ich will ein neues, reiches, ganzes Leben für mich, für das Volk, für das Volk in mir, für mich im Volke. Und das jüdische Volk hat nicht nur eine Vergangenheit, sondern vor allem eine Zukunft; das Judentum ist in Wahrheit noch nicht zu seinem Werke gekommen, und die großen Kräfte, die in diesem tragischsten und unbegreiflichsten aller Völker leben, haben noch nicht ihren eignen Ausdruck in der Geschichte der Welt gefunden. Wir wollen für dieses Volk — denn nur so ist es zu erlösen — ein Land und ein großes freies gesundes Leben, eine Schöpfung aus ungetrübtem, ungestörtem, innerem Wesen heraus. Das Judentum ist vor allen Völkern berufen, eine große geistige Synthese des Ideals zu schaffen. Und da ergibt sich von selbst unsere Stellung zur Umwelt. Unsere Absicht kann nicht sein, unabhängig zu werden von der Kultur, in der wir erwachsen sind, sie ist ja von unseres Blutes innersten Kräften verarbeitet worden, — wohl aber, uns frei zu machen von der Herrschaft einer fremden Kultur über uns. Die Selbstbejahung des Juden hat ihre Tragik und ihre Größe: wir fühlen unsere ganze Entartung, zugleich aber die geistigen Kräfte in uns, die auf ihren Tag warten. Und diese Tragik und diese Größe ganz in sein Leben aufzunehmen, das heißt, als Jude leben. - *• * Als ich ein Kind war, las ich eine jüdische Sage, die ich nicht verstehen konnte. Sie erzählte nichts weiter als dies: „Vor den Toren Roms sitzt ein aussätziger Bettler und wartet. Es ist der Messias." Damals kam ich zu meinem Lehrer, der ein seltsamer Schwärmer war, und fragte ihn: Worauf wartet er? Und mein Lehrer sagte mir etwas, was ich damals auch nicht verstand und lange nicht verstehen konnte. Er sagte: Auf dich! Heute verstehe ich es so, daß ich nun zu jedem einzelnen von Ihnen sagen kann: er wartet auf dich. Gerne würde ich Ihnen zum Schlüsse ein helleres, freudigeres Wort sagen, aber es ist eben eine Stunde nicht der leichten fröhlichen Rede, sondern eine Stunde der Tragik und der Größe, in der wir leben. Und so kann ich Ihnen kein besseres Wort zum Schlüsse sagen, als das Wort jener Sage: Vor den Toren Roms sitzt ein aussätziger Bettler und wartet..... Der gläuzenden Rede folgte eine Reihe von sorgsam ausgewählten Gedichten jüdischer Dichter, von Rosenfeld, Wolfskehl, Frug, Beer-Hoffmann, Boruchowski. Interessant ist, daß Hugo Salus, der bis heute nicht viel von seinem Volkstum zur Schau trug, einige ungedruckte Gedichte beisteuerte und durch deren Geist und seine Anwesenheit eine Annäherung an das Judentum dokumentierte, die ihn nur ehren kann. — Eine feine junge jüdische Schauspielerin, Lia Rosen vom k. k. Hofburgtheater in Wien, sprach die süßen Verse von Salus so rein, so eindringlich und klangvoll, die ernsten Worte Wolfskehls so durchwebt von tiefer tragischer Kraft, daß ein Schleier der Weihe sich über den Saal senkte, aus dem die jüdische Seele dieser wahrhaft großen Küns.tlerin leuchtete wie die ewige Seele des Judentums selbst. Der mehr rhetorischen Art Rosenfelds, Reisens und Frugs wurde Dr. Philipp Manning vom Prager Deutschen Theater gerecht. Nie noch hatte man in Prag eine zionistische Veranstaltung gesehen, die ein so erlesenes Publikum — und ein so zahlreiches Publikum versammelt hätte. Vor allem: das, was in der Judenschaft Bedeutung hat, war vereinigt; aber auch aus allen anderen intellektuellen und sonst gesellschaftlich hervorragenden Kreisen hatte sich eine wahre Elite zusammengefunden. Seine k. u. k. Hoheit Erzherzog Karl Franz Josef hatte seine Abwesenheit entschuldigt. Der Abend war ein Ereignis; und es war ein Abend voll Harmonie und Schönheit, der das Judentum bisher gefördert und unsere Geister bereichert hat, der zionistischen Arbeit in Prag aber und natürlich insbesondere dem Vereine Bar Kochba Ehre gemacht hat. Trautenau: Der zionistische Volksverein Theodor Herzl hielt am 12. Januar d. J. unter Vorsitz seines Obmannes, des Herrn Dr. Hugo Rappaport, seine erste Generalversammlung ab. Der vom Schriftführer Rudolf Kohn erstattete Bericht konnte von der. Tätigkeit des Vereins in dem ersten Halbjahr seines Bestandes außerordentlich Günstiges berichten. Am Distriktstage zu Prag war der Verein durch zwei Delegierte vertreten. Die Zahl der Mitglieder ist bis auf 93 gestiegen. Für den Nationalfonds gingen laut Bericht des N. F.-Kommissärs Hugo Natscheradetz in dem halben Jahre gegen 500 Kronen ein. Die Wahlen ergaben bis auf zwei ausscheidende Mitglieder die Wiederwahl des alten Vorstandes. Herr Dr. Emil Margulies wurde anläßlich seines bevorstehenden Wegganges von Trautenau als Gründer des Vereins zum Ehrenmitglied ernannt. Schließlich beschloß die Generalversammlung, bei dem Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Trautenau zu beantragen, daß die Kultusgemeinde dem Verein Bezalel als Mitglied beitrete. Der Vorstand konstituierte sich sodann in folgender Weise: Herr Dr. Hugo Rappaport, Obmann; Heinrich Pick, Obmann Stellvertreter; Julius Eckstein, Kassierer; Rudolf Kohn, I.Schriftführer; Wilhelm Weiß, II. Schriftführer; Ernst Goliath, Bücherwart und Zeitungsverweser; Hugo Natscheradetz, N. F.-Kommissär, und Carl Weil, Gehilfe des N. F.-Kommissärs. Gleichzeitig wurde beschlossen, dem Verein Bezalel mit Kr. 20.— Jahresbeitrag als Mitglied beizutreten. Der Verein veranstaltet am 30. Januar 1909 eine öffentliche Vereins: Versammlung. Die Zeitungen des Vereins liegen im Hotel Stark auf. Teplitz-Schönau: Am 18. Januar sprach Felix Saiten im hiesigen Volksverein „Zion" über das Thema: „Theodor Herzl, seine

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