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Die Welt · 1909-01-29 · 5 (29.1.1909) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
5 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 5 DIE] Spende berechtigt. Glückselig zieht sie ab, die Pergamentrolle hat sie wieder in der Schürze versteckt. Wieder öffnet sich die Tür und herein tritt ein Mann, jung und kräftig, seiii Antlitz aber ist voller Kummer. Er beugt sich zum Dajan hei über und murmelt: „Ich möchte geschieden sein". „Warum?" fragte der Richter. „Ich wünsche es nicht, aber meine Frau will es," ist die Antwort/ „Sie wartet im andern Zmmer." Auf einen Wink des Dajans eilt der Diener mit einem verschnitzten Lächeln in seinem vertrockneten Gesicht von der Tribüne,1 verschwindet durch die Tür und kommt gleich darauf mit einer jungen Frau zurück. Sie nähert sich langsam, zwischen Furcht und Verlangen schwankend. Der Gatte entfernt sich in den Vorraum, und der Dajan beginnt eine ernste Unterredung mit dem Weib. Unter seinen eindringlichen und freundlichen Fragen erklärt sie, daß sie ihrem Gatten nichts Ernsthaftes vorwerfen kann, und er ist auch gewiß gut zu den Kindern. Aber seine Manieren gefallen ihr nicht, und sie fühlt sich unglücklich. Vielleicht, wenn sie wieder frei wäre, würde ihr Glück wiederkommen. J£ELT 109 „Und die Kinder?" fragt der Dajan. Eine Träne rollt die Wangen der Frau hinab. Er spricht mit freundlichen Worten auf sie ein und redet ihr zu, ihre Absicht aufzugeben. Sie wird sichtbarlich weich unter seinen Worten, der flinke Diener führt den Gatten zu seinem Weibe zurück. . . . Einige Augenblicke später verlassen sie beide das Zimmer, zusammen, geeint. So, gleich einem Kadi des Ostens, sitzt der Dajan des Abends in seinem Richtzimmer, wenn das Volk seine Arbeit getan hat, hört ihre Klagen und schlichtet ihren Streit und spricht Worte des Friedens und des Trostes zu allen. So sitzt er dort durch den Wechsel der Monate und den Strom der Jahre, denn die Nöte des Menschenlebens sind immer dieselben. Aber kein Echo von dem, was in diesem Gerichtsgebäude sich begibt, erreicht die große hastende Welt da draußen, denn alles gehtvor sich in einer engen schmutzigen Seitenstraße der Cornmercial-Road, in der Abgeschlossenheit eines einfachen Hauses, das die Majestät des Gesetzes des Moses verkörpert für die gläubigen Kinder Israels. o o o o o o o c o o o o o AUS DER BEWEGUNG H o o o o o o o —7 o o o o o o o Am 24. und- 25. ds. Mts. fanden in Köln Sitzungen des Direktoriums des Jewish Colonial Trust und der Anglo Palestine Company statt. Zu diesen Sitzungen waren von auswärts anwesend: Der Vorsitzende der Jüdischen Kolonialbank, Herr Dr. N. Katzenelsohn-Libau, Herr I. H. Kann-Haag, die Herren Josef Cowen und 1. L. Greenberg- London sowie der Manager Theodor Hirsch und der Sekretär H. Neumann. Eine Anzahl interner geschäftlicher Angelegenheiten wurden erledigt. Aus den vorläufigen Jahresabschlüssen beider Gesellschaften geht hervor, daß das verflossene Geschäftsjahr für sie einen günstigen Verlauf genommen hat, und daß beide Gesellschaften in der Lage sein werden, eine mindestens ebenso hohe Dividende wie im verflossenen Jahre zu verteilen. Es wurde beschlossen, gleich nach endgültiger Fertigstellung der Bilanzen, gemeinsam mit dem Zionistischen Zentralbureau eine größere Aktion für den Verkauf von Aktien unserer Bankinstitute, insbesondere von solchen der Anglo Palestine Company, einzuleiten. Anläßlich der Anwesenheit der Herren Direktoren fand auch eine Konferenz mit dem Vorsitzenden des Nationalfonds, Herrn Dr. Bodenheimer, statt, bei welcher Gelegenheit die gemeinschaftlichen Angelegenheiten eingehend erörtert wurden. Deutschland Leipzig: Im „Verein zionistischer Studenten" sprach in der 4. Semestersitzung am 16. Januar vor zahlreichem Publikum Herr Dr. Steinmarder über Schnitzlers Roman „Der Weg ins Freie" nach seinem jüdischen Gehalte. An der Hand von Proben und unter Berücksichtigung der verschiedensten Zusammenhänge charakterisierte Herr Steinmarder in lichtvoller Weise Schnitzler als einen Dichter, der ohne den jüdischen Rasseeinschlag nicht zu verstehen sei, dessen Stärke auch im Roman nicht im Romanhaften, sondern in der feinsten Stimmungsmalerei, im Novellencharakter liege. In der Gegenüberstellung einer positiv und einer negativ veranlagten Judentype finde das jüdische Problem gewaltigen Ausdruck, der uns auf Schnitzler auch als auf einen Mann der Tat noch hoffen lasse. Es sei mir als Schriftführer des Vereins gestattet die deutschzionistischen Kommilitonen darauf aufmerksam zu machen, daß sie ein noch wenig bebautes, aber auf die Dauer nicht undankbares Feld für zionistische Betätigung im schönen Leipzig finden würden. Die bisherigen Erfahrungen deuten darauf, daß ein mit Schneid organisierter ^tudentenverein auch auf die übrigen jüdischen Kreise günstig einwirken würde. Meyer, iur. Breslau. Am 21. d. Mts. sprach Herr Dr. Sandler über das Thema „Der politische Zionismus von heute". Das Wesen des politischen Zionismus sei durch sein Programm durchaus festgelegt. Dennoch sei er heute ein anderer wie gestern in bezug auf Wege, Mittel und Chancen. Die Wandlung, von der neulich die in Marburg versammelten Rabbiner sprachen, sei eine optische Täuschung, wie die, die man empfindet, wenn man im Eisenbihnzuge an Telegraphenstangen vorbeifährt. Man glaube selbst stillzustehen, während jene stillstehen. Von bedeutsamstem Einfluß auf den Gang der zionistischen Dinge sei natürlich die Entwicklung in der Türkei. Von allen Möglichkeiten für die Realisierung unserer Ideen ist die uns genehmste eingetroffen: die neue Türkei, die Türkei in einem modernen Gewände, vor der alle Welt jetzt Respekt hat und Hochachtung empfindet. Einen Gegensatz zwischen politischem und praktischem Zionismus gibt es nicht mehr. Man muß jetzt politisch arbeiten, aber man kann und muß jetzt auch wirtschaftlich arbeiten, um die politischen Möglichkeiten auszunutzen. Jetzt erst tritt der ganze Wert der Rothschildschen Arbeit zutage. Wir müssen auch schnell arbeiten. Die Bodenwerte steigen enorm. Ein Jahr kann da nachholen, was Jahrhunderte versäumt haben. Kommen uns andere zuvor, so geht uns der Einfluß unwiderbringlich verloren. Gerade im Orient ist moralischer Einfluß an wirtschaftliche Vormacht gebunden. Reicher Beifall lohnte den Redner für seine mehr als einstündigen interessanten Ausführungen, denen das Publikum mit gespanntester Aufmerksamkeit gefolgt war. In der Diskussion wurden einige Spe/Jalfragen im Zusammenhang mit dem Thema des Abends noch weiter erörtert. Österreich Prag. Am 20. Januar veranstaltete der Verem jüdischer Hochschüler „Bar Kochba" einen Festabend. Es war ein wirkliches Fest; zehn Jahre nach der ersten zionistischen Versammlung in Prag, nach zehn Jahren emsiger Arbeit und halber Erfolge, nach

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