Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 5 DIEÄELT Methoden der allgemeinen Schulerziehung in den Alliance-Schulen, die ebenfalls, aus Rücksicht auf die örtlichen Verhältnisse, einer radikalen Reform bedürfen. Aus dem Berichte konnten wir nicht entnehmen, in wie fern die überzeugenden und richtigen Ansichten des Herrn Großrabbiners eine Anerkennung seitens der Expedition der Alliance-Israelite gefunden haben. Wahrscheinlich hat die Expedition diese Denkschrift, gleich vielen andern, nach Paris als Material mitgenommen und werden all die Fragen erst in Paris auf Grund sämtlicher Materialien gelöst werden. Konstantinopel, 26. Jan., Konsulardepeschen aus Janina melden ein furchtbares Verbrechen. Eine griechische Bande 107 tötete vier jüdische Einwohner, schnitt ihnen die Ohren ab und sandte diese nach der Synagoge mit einem Schreiben, daß dies die Strafe für den Spiondienst sei, welchen die Ermordeten den Türken geleistet hätten. Die Wahl Haim Nahums zum Chachambaschi Konstantinopel, 24. Januar (Privattelegramm): Bei der heute vorgenommenen Wahl des Chachambascni der ottomanischen Juden wurde Haim Nah um mit 72 gegen 12 Stimmen gewählt. (Ausführlicher Bericht am Schlüsse des Blattes) ( □ □ □ □ □ □ FEUILLETON □ □□□□□"]) O BEIM KADI DES GHETTO Von Israel Cohen In einer engen, schmutzigen Seitengasse der Cornmercial-Road steht ein bescheidenes Häuschen, das den Bewohnern des Bezirks als „Beth Din" als „Haus des Gerichts" bekannt ist. Äußerlich verrät nichts an dem Häuschen die Bestimmung, der es dient, erweckt nichts den Eindruck des Ernstes und der Würde eines Gerichtsgebäudes. Die Fassade schmücken keine bildhauerischen Embleme, und kein Türwärter bewacht den einfachen Eingang. Verstekt in einem finstern Gäßchen, zwischen den Häusern einer armen, aber frommen Bevölkerung, scheint dieses Haus die Ärmlichkeit und die Niedrigkeit seiner Umgebung widerzuspiegeln. Und dieser Eindruck mildert sich dem Vorübergehenden nicht durch irgendeinen Hinweis auf die Bestimmung des Gebäudes, denn es dringt kein Echo von dem, was dort geschieht, in die große brandende Welt da draußen. So, einfach, ruhig und im Dunkel, verkörpert dieses Haus aus rohen Ziegeln die Majestät des Gesetzes des Moses für die gläubigen Kinder Israels. Hierbegegnensichin feierlicherSitzung die geistlichen Führer der englischen Judenheit und beratschlagen über die Angelegenheiten ihrer Gemeinde; hier entscheiden sie über die Fragen des Ritus und der Sitte, die ihnen von frommen Fragestellern unterbreitet werden. In diesem zwanzigsten Jahrhundert eines überwuchernden Rationalismus wenden sie die Gesetze und Vorschriften der Rabbiner des alten Babylon an, erlassen sie unbedenklich ihre Entscheidungen gemäß den Ausführungsbestimmungen mittelalterlicher Gesetzgeber. Und über die ganzen britischen Inseln — nein, viel weiter noch — bis zu den äußersten Grenzen britischen Gebietes weit über das Meer, ist ihr Wort Gesetz, unabänderlich und unverletzlich all jenen, die noch Ehrfurcht zollen den kostbaren Überlieferungen der Jahrhunderte. Aber dieses Haus widmet sich nicht nur der religiösen Gesetzmäßigkeit und den Vorschriften des Rituals. Sein Rat und seine Hilfe werden ebenfalls angerufen in den Wirren des täglichen Lebens von denen, die die Öffentlichkeit der Gerichte scheuen, und seine Urteilssprüche werden mit dankbarer Unterwerfung angenommen, wie die Entscheidungen einer Autorität. Aber der Gerichtshof für die Schlichtung der bürgerlichen Streitigkeiten besteht nicht — es sei denn bei wichtigeren Verhandlungen über geheiligte Vorschriften — aus einer Bank geheim beratender Richter. Er umfaßt nur einen Mann, den Dajan, den Titularvertreter der Richter der Bibel, der abends zu Gericht sitzt, durch eine Absperrung von der Menge getrennt, wie ein Kadi des Ostens, bereit, jedem Recht zu sprechen, der es sucht. Und kein Abend vergeht, wo er nicht dort sitzt, um die Klagendes Volkes entgegenzunehmen, und Mann und Weib erscheinen vor ihm in ihrer Bedrängnis und schütten ihre Last vor ihm aus und flehen um Hilfe. Der Gerichtssaal ist ein einfaches Zimmer mit einer Tribüne, die den ganzen Hintergrund einnimmt und mit Reihen von durch einen Mittelgang getrennten Bänken. Der vorherrschende Ton der Parteien ist leise und unterwürfig, das Holzwerk des Zimmers zeigt einen tiefbraunen Anstrich und von den terrakottafarbenen Wänden blicken die ernsten Bildnisse verstorbener Rabbiner herab, darunter eines mit den wallenden Locken und dem Barett einer längst verflossenen Zeit. Der Dajan, ein junger, bärtiger Mann, mit einem schwarzen Käppchen, sitzt an seinem Tische auf der Tribüne, zu seinen beiden Seiten gewichtige Bücher, —- Richter, Anwalt und Gerichtsschreiber in einer Person. Unmittelbar vor ihm erhebt sich eine Einfriedigung, zu der einige Stufen emporführen und in der die Rechtsuchenden stehen und ihre Sache führen. Sonst ist nur noch ein einziger Beamter da, der Gerichtsdiener, ein altes Männchen mit eingetrockneten Wangen und eingesunkenen Schultern, der in hohem Hut und Gehrock mit jugendlicher Leichtigkeit umherläuft* und immer wieder seinen Kopf mit einem listigen Blinzeln der funkelnden Augen schüttelt, wenn er die Parteien nach vorn führt, so, als ob die ganze Last der Gerichtsstätte von seiner schwankenden Stimmung abhinge. Jeder Fall wird geheim verhandelt, die Leute warten geduldig in einem anstoßenden Räume, bis sie an die Reihe kommen und der Gerichtsdiener sie durch die Drehtüre einläßt. Und nichts unterbricht die Ruhe des Redewechsels zwischen Richter und Rechtsuchenden, es seien denn die frohen Stimmen der auf der Straße spielenden Kinder, die durch das offene Fenster hineindringen. Der erste Fall betrifft die Klage eines entlassenen Arbeiters gegen seinen früheren Arbeitgeber, einen Schneidermeister. Beide stehen inmitten der Umfriedigung, auf jeder Seite des Dajans. Hastig und in klagendem Tone erzählt der Mann, wie er vor drei Monaten an-