Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Theoretiker nennt. Das Programm der letztern steht von allem Anfange und bis ans Ende der Tage fest: der Dezentraiismus. Das Programm der erstem hingegen trägt als hervorragendsten Grundsatz die Veränderlichkeit auf die Stirne geschrieben. Sie sind nicht Zentralisten aus Prinzip! Sie huldigen dem Geist der Entwicklung, und das so weitgehend und bewußt, daß sie selber ihr Ziel als immer weiter in der Richtung des gegnerischen fortschreitend erblicken. Ihnen selber erscheint der Gedanke der „Union liberale" als der höhere und freiheitsgemäßere, als der ideale. Aber der „Union et Progres" will die Entwicklung und Erziehung des Volkes nicht überspringen. Wollte er das, so gäbe es heute keinen Sultan mehr, so herrschte die Republik und die — Anarchie im Lande. Sie kennen ihr Volk und die Psychologie unerzogener Massen viel zu gut. Sie wissen, daß ein allzu großer Sprung nach vorn Ströme von Blut kosten und nur die Reaktion als Rückschlag erzeugen müßte. Sie wollen aber, und das ist ihr Ideal: den Fortschritt ohne Blutvergießen! Und so wird „Union et Progres" wohl recht behalten bis zu dem Tage, da er, das Volk hinter sich, sich zur „Union liberale" entwickelt hat und die beiden großen Parteien in eine einzige zusammenfallen. Ein jungtürkischer Führer, den ich nach dem vermutlichen Zeitpunkt dieses Entwicklungsendes befragte, glaubte fünfzehn bis zwanzig Jahre ansetzen zu müssen. Der „Tanin" über Parlament und Nationalisten Das Organ des radikalen türkischen Nationalisten Hussein Dschahid schreibt folgendes: „Die Parteien, die man seit dem Zusammentritt des Parlaments am meisten fürchtete, waren die nationalistischen. Die Hoffnung, daß sich unsere Nationalversammlung nicht in dieser Weise zersplittern werde, ist im Zunehmen begriffen. Das Manifest Reschid Mutrons, welches die Autonomie Syriens verlangt, wurde besonders von den arabischen Abgeordneten getadelt. Daß aus allen Teilen Syriens Protesttelegramme kommen, und daß man angefangen hat, gegen die syrische" Autonomiebewegung zu protestieren, ist sehr bezeichnend. Die Deputiertenkammer zeigt in ihrer heutigen Zusammensetzung keine Neigung zu einer nationalistischen Politik. Es läßt sich nicht einsehen, warum man nicht hoffen soll, daß es immer so bleibt." Die rosigen Hoffnungen des ,,Tanin" sind zwar den frömmsten Wünschen entsprossen, haben aber nicht allzuviel Aussicht auf Wirklichkeit. Der Patriarchenkrieg in Jerusalem Wir betrübten uns über die Chachambaschikämpfe, wir können uns trösten. Bei jenen drüben tobt's noch viel schlimmer. Der griechische Klerus von Palästina hat den Patriarchen Domionos einmütig für abgesetzt erklärt und einen locum tenens ernannt. Der Alte, dem sein^Thrönchen lieb ist, hat die christlichen Araber zu seiner Hilfe angerufen. Sie ließen nicht auf sich warten, rotteten sich zu Tausenden zusammen, stürmten das Patriarchat und begingen, wie griechische Quellen behaupten, Ausschreitungen gegen griechische Geistliche. Klöster und Schulen, wie gegen alles, was griechisch heißt. Die Hohe Pforte wird mit Telegrammen für und gegen Domionos bombardiert, kein Mensch kennt ihre wahre Stellungnahme; derweils ist die heilige Stadt in Aufruhr und die Not- und Angstschreie schallen. Die tieferen Gründe für diese gefährliche Situation, die auch uns Juden nicht gleichgiltig bleiben darf, weil jede Erregung der Bevölkerung unheilvoll werden kann, hat ihre Quelle irn Rassen- und Nationalitätenhaß. Araber und Griechen, die hier der gleiche Glaube eint, hassen sich wie Spinnen. Vielleicht auch steckt höhere Politik dahinter, nämlich Rußland, das immer das orthodoxe Arabertum gegen den griechischen Klerus hetzt, weil es hofft, seinen Einfluß dadurch womöglich auszudehnen. Tritt in der heiligen Stadt ein Schisma ein, und erringen die Araber ihr eigenes kirchliches Oberhaupt, unabhängig vom ökumenischen Patriarchat in Konstantinopel, so hat Väterchen Zar ein neues gefügiges Werkzeug. Die türkische Regierung wird hoffentlich die Gefahr rechtzeitig erkennen und, so wenig sympathisch ihr die griechische Geistlichkeit ist, eingreifen, wie es die Staatsräson erfordert. Die Chachambaschi=Schlußwahl Also es wird doch endlich wirklich wahr. Der Mischlisch Umumi wird morgen tagen und der Großrabbiner wird gewählt. Noch immer mußte man an der schließlichen Tatsache zweifeln. Protesttelegramme flogen von Jerusalem her an den Kaimakäm, an die Regierung, um Wahlaufschub, Wahlannullierung. Im letzten Augenblick griff auch plöizlich Saloniki ein, das sich bis dahin völlig neutral oder vielmehr teilnahmslos verhalten hatte. Ein Telegramm an das Justizministerium verlangte den Wahlaufschub und eine völlige Annullierung des ganzen aus dem alten Regime herstammenden Wahlgesetzes. Aber das Justizministerium hat dem Ersuchen keine Folge gegeben. Die Wahlen sind und bleiben für Sonntag anberaumt. Morgen wird sich entscheiden, welchen Händen die politische und religiöse Repräsentanz von sechshunderttausend Juden, die Juden Palästinas inbegriffen, auf Lebensdauer anvertraut werden wird. Aus der spaniolischen Presse Die „Epoca" bringt folgendes offenes Schreiben des Redakteurs Samuel Saadiah Levi an die Herren Parlamentsmitglieder Farraggi und Carasso: „Der Wille des Volkes und vor allem der jüdischen Gemeinden hat Ihnen die Würde zuteil werden lassen, im ottomanischen Parlament einen Sitz einzunehmen. Diese Würde legt gewisse Pflichten auf. Zunächst ist es natürlich Ihre Pflicht und Schuldigkeit, für die Größe und den Ruhm des ottomanischen Vaterlandes zu arbeiten; nicht geringer aber ist es Ihre Pflicht, für die Hebung der Jüdischen Nation im Osmanenreiche unablässig bemüht zu sein. Gewiß, verehrte Herren, sind wir nicht so zahlreich, wie die andern Nationalitäten und stehen uns auch nicht solch große Mittel, wie den andern zu Gebote. Wir ottomanischen Juden, die wir im gastfreundlichen Lande der Türkei geboren und erzogen worden sind, lieben unser Vaterland und sind bestrebt, zur Festigung ihrer Macht, ihrer Größe und zur Eörderung ihres Fortschrittes beizutragen. Aber all das hindert uns nicht daran, unser eignen Interessen wahrzunehmen und den Aufschwung unserer Nationalität anzustreben, damit ihr keine einzige der Prärogativen, deren sich die andern erfreuen, entzogen werde. Wie sie wissen, wird jetzt ein Organisationsprograrnm für die jüdische Nationalität in der Türkei bearbeitet, und ich möchte jetz nicht den Ergebnissen dieser Arbeit im allgemeinen vorgreifen. Ich möchte nur auf einen Punkt Ihre ernste Aufmerksamkeit lenken. In seiner großen polit'schen Rede hat der Großwesir Kiamil Pascha auf das neue Prinzip der Gleichheit aller ottomanischen Völker hingewiesen und die Zulassung der Christen in die Militärschulen in Aussicht gestellt. Diese spezielle Erwähnung der Christen hat auf uns Salonikier Juden einen überraschenden Eindruck gemacht. Wir dächten, es müßte sich hier nicht nur um die Christen, sorfdern um alle Völker überhaupt handeln. Wir glauben, daß es die Pflicht der jüdischen Abgeordneten, in ihrer doppetten Eigenschaft als Ottomanen und als Juden wäre, gegen obige Bezeichnung oder Sonderstellung einer bestimmten Religion Protest zu erheben. Mit Bedauern siellen wir fest, daß dieser Protest nicht erhoben worden ist. Wir hoffen zuversichtlich, daß die jüdischen Abgeordneten im ottomanischen Parlament die Interessen der Juden mit derselben Energie und mit demselben Selbstbewußtsein verteidigen werden, mit dem die andern die Interessen der andern Nationalitäten verteidigen. „La Luz" bringt in dem Berichte über die Konferenz, die in Sofia anläßlich des Aufenthaltes der Alliance-Mission daselbst veranstaltet worden ist, den Inhalt eines offenen Schreibens, das der Großrabbiner von Bulgarien, Herr Dr. Ehrenpreis, an die Konferenz gerichtet hat. Bekanntlich war der Zweck der Alliance- Mission, an deren Spitze Rabbiner Israel Levi aus Paris stand, die von der Alliance subventionierten Schulen im Orient, ihren Zustand und ihre Programme an Ort und Stelle genau zu untersuchen. Diese Expedition besuchte Sofia erst auf der Rückreise nach Paris und berief dorthin eine Konferenz jüdischer Gemeindevertreter und Lehrer, sowohl in Sofia selbst, als irn Lande. Herr Dr. Ehrenpreis war krankheitshalber verhindert an der Konferenz und an dem darauffolgenden Banket teilzunehmen. Er richtete daher ein Schreiben an die Konferenz, bzw. an den Vorsitzenden Herrn Rabbiner Israel Levi, in dem er seine Ansichten über den Zustand des jüdischen Schulwesens in Bulgarien und über die notwendigen Reformen der bisherigen dort angewandten Methoden seine Ansichten äußert. Bemerkenswert ist die Klage über die Behandlung der nationalen Frage. Herr Dr. Ehrenpreis unterzieht die von der Alliance begünstigte Methode einer Antiquisierung der hebräischen Sprache einer strengen Kritik. Die alte Routine der Religionsstunden, des Ausschaltens der nationalen Elemente lind der Behandlung des Hebräischen als eines archäologischen Überbleibsels entziehe den jüdischen Gegenständen die nötwendise Lebensfrische und töte jedes Interesse an diesen Gegenständen seitens der Jugend ab. Notwendig sei es also, die nationale Geschichte in einem größern Umfange und die hebräische Sprache als eine lebendige Sprache vorzutragen. Der Großrabbiner bemängelt in seiner Denkschrift auch die praktischen