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Die Welt · 1909-01-29 · 5 (29.1.1909) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
5 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 5 DIE^ELT 105 überwinden, um zum Zionismus zu gelangen. Als gründlicher Kenner des jüdischen Volkstums, des ostjüdischen Milieus, aus dem er hervorgegangen war, wurde er von unserm toten Führer hochgeschätzt und gehörte zu den beliebtesten Beratern Theodor Herzls. Es gibt jetzt viele junge Zionisten, die d e zehnjährige aufreibende Arbeit der alten Vorkämpter nicht kennen. Auch Leopold Kahn wurde von der neuen Generation nicht gekannt, ja verkannt! Auch er gehört zu denjenigen, die am Zionismus gestorben sind. Aber die Nachwelt wird dankbarer sein und Leopold Kahn ihre Anerkennung nicht versagen. Wenn das jüdische Volk wieder vereint das Land seiner Väter erreicht, wird es deiner gedenken, Leopold Kahn, und deine Gebeine mitnehmen, wie die des großen Führers." Im Namen des Einzelvereins Mariahilf-Neubau ergriff Herr Dr. Bernhardt das Wort: „Dr. Leopold Kahn gehörte zu den Gründern dieser zionistischen Organisation. Jugendfrische, Rastlosigkeit, Unermüdlichkeit, hinreißende Beredsamkeit kennzeichnen das Wirken Leopold Kahns. Mögen uns Meinungsverschiedenheiten manchmal entzweit haben, wir waren immer eins mit dir! Die begeisterte Hingebung Leopold Kahns, seine feurige Agitation werden unvergessen bleiben. Dem von ihm durchfurchten, aufgewühlten Boden waren Pflän7chen und zarte Blüten entsprossen, die zu einem mächtigen Wald emporwachsen werden. Die von Leopold Kahn ausgestreute Saat wird reiche Ernte bringen." Herr Sternlicht hielt eine Abschiedsansprache des innerösterreichischen zionistischen Distriktskomitees. Herr Torczyner will die Verdienste des Toten in der Sprache würdigen, die von ihm so innig geliebt wurde, — Hebräisch. MDr. Leopold Kahn war einer der wenigen in der zionistischen Bewegung des Westens, der aus einem jüdischen Milieu gekommen ist, bewaffnet mit aljüdischem Wissen. Sein Judentum ging seinem Zionismus voran. Ich meine nicht das Judentum im gebräuchlichen religiösen Sinne. Es war ein lebendiges, Herz und Seele erfüllendes Judentum. Leopold Kahn wurde Zionist, weil er Fleisch vom Fleisch des Judentums, von Gedanken der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk stets durchdrungen war. Dieses Bewußtsein beherrschte sein ganzes Leben und Wirken. Er verstand wie keiner die Herzen zu gewinnen. Unzählige bekehrte er durch die Macht seines Wortes, Tage und Nächte opferte er der zionistischen Arbeit Ebenso groß war seine opferfreudige Hingebung und Liebe zur hebräischen Sprache. Sie zu neuem Leben zu erwecken war sein Lieblingstraum. Redner erinnert an die Abende voll Begeisterung, die Leopold Kahn im Kreise von Gesinnungsgenossen verbracht hat. Wie gern weilte er unter der Jugend, begeisternd und anfeuernd durch Worte und nationale Lieder. Das alles ist vorbei. Aber der Tod hat dich uns nicht ganz entrissen. Wir gedenken deiner und werden dich nie vergessen!" Am offnen Grabe sprach im Namen der Bar-Kochba Herr Dr. Rothbium, ebenfalls in einem fließenden Hebräisch. Dr. Leopold Kahn wurde neben Dr. Oser Koke.;ch bestattet. In Suczawa in der Bukowina geboren, genoß Leopold Kahn eine echt jüdische traditionelle Erziehung in einem Cheder und dann in höhern Thora-Lehranstalten in Sereth. Dort maturierte er am Gymnasium und kam nach Wien, um dem Wunsche seiner Eltern entsprechend Philosophie und Theologie zu studieren. Aber schon nach einem Semester wandte er sich der Jurisprudenz zu. Dr. Kahn schloß sich der zionistischen Bewegung gleich nach dem Auftreten Herzls an und war vom II. Kongreß bis zum Jahre 1905 ununterbrochen Mitglied des Engeren Aktionskomitees. Im Früjahr des Jahres 1904 weilte er in Vertretung Herzls in Konstantinopel, wo er im Auftrage des Aktionskomitees sich insbesondere über das türkische Bodenrecht informierte. Die Ergebnisse seiner Studien legte er in einer Artikelserie in der „Welt" nieder. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Im Parlament Die parlamentarische Woche gibt diesmal dürre Ausbeute. Es scheint, als sei die Kraft der Volksvertreter für eine Zeitlang erschöpft, nachdem sie die Interpellation über die äußere und innere Politik «'es Großwesirs einen Tag in Atem gehalten hatte, — obwohl die Kraftleistung nicht auf ihrer Seite, sondern auf der des Angegriffenen gelegen hatte. Der Jude von väterlicher (nicht mütterlicher!) Seite ist bis auf weiteres der Volksheros geworden und ihm gegenüber, man kann es nicht leugnen, der Ruhm des Jurrgtürkenkomitees ein wenig verblaßt. Dieses Faktum basiert auf mehreren psychologischen Momenten. Die Attacke des Chauvinisten Hussein Dschahid auf die gegenwärtige Regierung ist fälschlicherweise dem Komitee zugeschoben worden und seine Niederlage infolgedessen zu einem Fiasko des Komitees gestempelt worden. Fälschlicherweise: Denn wohl hatte dts Komitee eine Zeitlang daran geJacht, Kiamil Pascha, den es für allzu kunktatorisch und zu wenig konstitutionsbegeistert gehalten hatte, durch HusseTn Hilmi Pascha, den jetzigen Minister des Innern, zu ersetzen, und hatte einer seiner Führer dementsprechende Schritte beim Sultan getan; allein rechtzeitig hatte das Komitee, dessen Gefühl fürs Praktische stark ausgeb lebt ist, seinen Irrtum erkannt: der Erfolg der schliu abwartenden und die Boykottwirkung heranreifenlassenden Diplomatie Kiamils, die Österreich auf die Knie zwang, war nähergerückt; auch hate der Großwesir inzwischen wohl vertrauenswürdige Beweise seiner wahrhaft freiheitlichen Gesinnung gegeben, vielleicht auch war ihnen vor H jssein Hilmi Paschas selbstherrlicher Art ein wenig bange geworden. Wie dem auch sei, das Komitee hatte zurückgeschwenkt und selber den Erfolg des Interpellierten in der Kammer in die Wege geleitet. Trotzdem ist das Odium der mißlungenen Prozedur auf ihm haften geblieben. Ein zweites Moment ist neuern Datums. Ganz Konstantinopel war die letzte Woche vo i der Se isation der „Verschwörung" der Fedenikions erfüllt. Die Erinnerung an den reaktionären Putsch des Fanatikers Kiör Ali war in ein Nichts zusammengeschrumpft vor dieser Riesenentdeckung. Ein Geheimbund, „Opfer der Freiheit", gebildet von Hunderten entlassener Beamten des alten Regimes, sollte einen Gewaltsakt gegen die Hohe Pforte vorbereitet haben. Im ReJaktionsbureau der hauptstädtischen Zeitung „Hukuk-Umumie" war eine ganze Versammlung des Bundes aufgehoben und hinter Schloß und Riegel gebracht worden; höchst kompromittierende Papiere mit einer groß in Anzahl Unterschriften und dem Bundessiegel waren beschlagnahmt; eine andere türkische Zeitung, der „Serbesti", der die Verteidigung der Verhafteten übernahm, schien mit hinein verwickelt Der Skandal war vollständig. Fatalerweise hat sich aber der ganze Lärm als ein blinder erwiesen; soweit die Untersuchungsergebnisse bisher zu überblicken sind, sind die beschlagnahm en Akten als Mystifikationsfabrikat und die Siegel und Unterschriften als gefälscht erkannt. Die Entdecker des „Komplotts", die man in jungtürkischen Kreisen sucht, werden von einem Teile der öffentlichen Meinung als die Anzettler eines politischen Rache- oder Vernichtungsakts bezichtigt, obwohl sie anscheinend selber d:e Düpierten waren, und die ganze Geschichte wird auf das Fehlerkonto des Komitees geschrieben. Mehrere kleine Abstimmungen im Parlament,, bei denen die Majorität seltsam verschoben und der jungtürkische Block nicht sichtbar war, haben ein übriges getan, um die Autorität der berühmten Freiheitskämpferschar als erschüttert erscheinen zu lassen. Diesen Vorgängen im Parlament muß tatsächlich erhöhte Aufmerksamkeit zugewendet werden. Die Hunderte von Individuen der Volksvertretung, die als einzelne ni r Splitter und als Ganzes ein Chaos erscheinen, beginnen sich zu bewußten zusammengehörigen Gruppen zu kristallisieren. Zugleich beginnt in der Kammer eine größere Selbständigkeit und Unabhängigkeit nach auI3en hin rege zu werden. Das Zentralkomitee „Union et Progres" ist ein geheimes und soll ein geheimes bleiben; das zwang seine Anhänger im Parlament, sich zu einer parlamentarischen Partei zusammenzuschließen, deren Mitglieder dem Geheimkomitee nicht angehören können, und die darum ihre Direktiven nicht mehr lediglich von dem außenliegenden Schwerpunkt empfangen. Gleichwohl gibt, wenn auch unsichtbar, nach wie vor, wie wir nach Informationen aus authentischster Quelle versichern können, der Wille des Zentralkomitees in allen wichtigen Dingen den Ausschlag. Die persönlichen Bande zwischen den Hauptlenkern außerhalb der Kammer und drinnen sind zu fest geknüpft, als daß es anders sein könnte. Auch scheint uns das wirkliche Gewicht des Komitees noch unerschüttert und d e retrograden Erscheinungen als vorübergehend. Die Zeit der „Union liberale" ist noch lange nicht gekommen. Diese Partei mit dem idealen Dezentralisationsprogramm besteht heute eigentlich nur aus den „Nationalitäten", unter denen die Griechen mit etwa 60 Prozent und die Araber mit etwa 20 Prozent vertreten sein mögen, — der Rest ist nichts als Renommiertürkentum. Im Parlament verfügt sie über keine hervorragenden echttürkischen Kräfte; Sohrab Effendi, der ihr z igehört, ist das Haupt der Armenier, wie Cosmidi Effendi das der Hellenen; ihr Türkenheros, Prinz Sabaheddin, blieb bekanntlich draußen. Und so ist. bei dem Mißtrauen zwischen Türkenblock und den Nationalitäten, das trotz aller Bruderschaftsküsse heute noch besteht, der Einfluß der „Union liberale" gegenüber dem von „Union et Progres" im Parlament bis auf weiteres noch gleich Null. Ihre Stärke besteht bislang in der Opposition, und ihre Erfolge sind, wie die aller Verneinung, zuweilen leicht errungen, aber ohne tiefe Bedeutung. Man kann die beiden großen und einzigen Parteien des neuen Regimes der Türkei vielleicht nicht schärfer charakterisieren als indem man die eine die Partei der Praktiker, die andere die der

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