Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Leopold Kahn Von Leon Kellner Vor einer Woche saßen wir einander in der Bude des Bar-Kochba gegenüber, und er hänselte mich in seiner östlich-kaustischen und doch harmlosen Weise, weil ich mir die Mühe genommen hatte, über die jüdische Hochschule der Gegenwart nachzudenken und Vorschläge zu ihrer Ausgestaltung zu machen, statt mich mit der geträumten jüdischen Hochschule der Zukunft, der jüdischen Hochschule auf unserm eignen Boden zu befassen. Und jetzt telephonieren mir die Freunde aus Wien, Leopold Kahn sei tot..... Ist unsere Bewegung wirklich schon so alt, daß ihre wärmsten Vertreter so unheimlich rasch nacheinander ins Grab sinken? Oder sind wir, wie unsere Feinde sagen, eine Partei, die ihre Genossen verzehrt? Leopold Kahn war in den letzten Jahren ergraut, — ich fürchte, nicht die Last der Jahre allein hatte ihm die Haare gebleicht. Er hat Schweres von seiten unserer Gesinnungsgenossen erlitten, bittern Undank, grausame Härte, überstürztes Urteil. Leopold Kahn stammte aus dem Osten und war schon vermöge seines Bildungsganges der zionistischen Jugend des Westens um das Wissen, die Erfahrung und die Weisheit dreier Zeitalter voraus: seine Jugend hatte den Geist des altjüdischen Schrifttums in sich aufgenommen, — Kahn schrieb und sprach ein vortreffliches Hebräisch und war mit Talmud und Midrasch wohlvertraut, — in den ersten Männerjahren erlebte er den Taumel der Assimilation, und in den letzten zwei Jahrzehnten war es ihm vergönnt, s eh an dem Wiederaufleben der jüdischen Seele zu verjüngen. Kahn wußte aus seiner Kindheit, was nationales Judentum auf fremdem Boden bedeutet, deshalb lehnte er unentwegt bis zum letzten Augenblick die neue Politik ab, die den Kampf um einen eignen Boden ruhen lassen möchte, um auf fremdem Boden eine jüdische Nationalität zu erstreiten. Wir lachten einst mit Theodor Herzl, als unsere Feinde uns in boshafter oder unwissender Entstellung des zionistischen Gedankens vorwarfen, wir strebten mit fliegenden Fahnen in das Ghetto zurück; Leopold Kahn war bis zu seinem letzten Atemzug der Ansicht, daß der neue Kurs dem feindlichen Vorwurf Grund und Berechtigung gebe. Dieses Festhalten an dem ursprünglichen zionistischen Gedanken hatte ihm seine letzten Jahre verbittert .... Dies ist nicht der Ort, noch ist es jetzt an der Zeit, die Verdienste Leopold Kahns um die zionistische Bewegung darzustellen, das wird an der Hand von Urkunden im „Leben Theodor Herzls" geschehen. In diesen Zeiten will ich des treuen Mitarbeiters gedenken, der mit seiner gleichgestimmten Gattin Sidonie an den unvergeßlichen Winterabenden der Jahre 1901 und 1902 die Entstehung der ersten jüdischen Toynbeehalle ermöglichte. Abend für Abend kam Sidonie Kahn den weiten Weg vom westlichen Ende Wiens nach dem äußersten Osten, um die Bewirtung der 150—200 Gäste zu leiten, und Abend für Abend stellte sich Leopold Kahn getreulich ein, sei es, um selbst einen Vortrag zu halten, sei es, um die Diskussion zu leiten oder wenigstens an ihr teilzunehmen, sei es, um seine Frau nach Hause zu geleiten. Zwei ausgesprochene Individualitäten, stimmten sie in ihrem jüdischen Bewußtsein und in der Förderung des zionistischen Ideals harmonisch zusammen, eine ungewöhnlich glückliche, kameradschaftliche Ehe. Sidonie und Leopold Kahn gehört ein Hauptanteil an dem Zustandekommen der ersten jüdischen Toynbeehalle; die dankbaren Beamten der segensreichen Anstalt haben Leopold Kahn bis auf den heutigen Tag ein treues Andenken bewahrt. Breitenstein am Semmering, 24. Januar 1909 Über das Hinscheiden und die Beerdigung Dr. Leopold Kahns schreibt uns unser Berichterstatter noch folgendes: Freitag den 22. d.M., um 1 s 12 Uhr in der Nacht, verschied Dr. Leopold Kahn. Der Tod ereilte ihn plötzlich, unerwartet. Dr. Kahn verbrachte den Abend bei einem Freunde, er unterhielt sich ungetrübt, und nichts ließ das Schreckliche ahnen. Er kehrte vor Mitternacht nach Hause und verspürte ein Unwohlsein. In wenigen Minuten war er tot. Der herbeigeeilte Arzt konstatierte einen Gehirnschlag, vermutlich die Folge einer mehrjährigen Zuckerkrankheit. Die Nachricht vom Tode Dr. Kahns, den alle als fünfzigjährigen rüstigen Mann kannten, der noch vor einigen Tagen bei einer Versammlung der „Bar Kochba" gesprochen hatte, verbreitete sich sehr bald und rief große Bewegung hervor. Die Mitglieder der Vereinigung jüdischer Hochschüler, „Bar Kochba", deren Ehrenmitglied der Verblichene war, hielten in der Nacht vom 23. d. M. Ehrenwache am Sarge des Toten. Unter zahlreicher Beteiligung der Zionisten Wiens und der Verehrer des Verschiedenen wurde Dr. Leopold Kahn Sonntag um 10 Uhr vormittags zu Grabe getragen. Im Auftrage des Aktionskomitees erschien Herr Johann Kremenezky, das westösterreichische zionistische Zentralkomitee war durch Herrn Dr. Marguli es vertreten, die poalezionistische Parteiexekutive durch die Herren Kaplansky und Dr. Rosenfeld. Alle akademischen Korporationen entsandten Vertreter zur Trauerfeier. Rabbiner Dr. Taglicht pries den Toten als einen treuen Sohn des jüd sehen Volkes, der sein jüdisches Wissen und ganzes Können in den Dienst eines großen Ideals gestellt hatte. Baurat Oskar Marmorek führte beiläufig aus: „Ich will als einer der nächsten Freunde Leopold Kahns, der viele Jahre hindurch mit ihm zusammengearbeitet hat, einige Abschiedsworte an ihn richten. Niemand von den großen Toten, die uns vor ihm verließen, wurde vom Tode so sanft berührt wie Dr. Kahn. Nun folgte er Theodor Herzl und Oser Kokesch. Er war viele Jahre einer der treuesten Mitarbeiter Herzls, ein Volksredner von gewaltiger Wirkung, der in unzähligen Versammlungen für den zionistischen Gedanken geworben hat. Der Geschichtsschreiber der zionistischen Bewegung, die die Geschichte des jüdischen Volkes der letzten Jahrzehnte ist, wird die Bedeutung Leopold Kahns zu würdigen wissen. Er war ein geborener Zionist, er mußte nicht, wie wir, die Vorurteile dpr Erziehung und der Assimilation