Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 5 DIE3aEELT 101 örün, in den Farben der wonnigen Blumen, von Lenzgerüchen umstreichelt! Wie schön, o große Meister, strahlt euer erhabenes Antlitz alle Jahrhunderte durch, im Weihrauch der sich immer erneuernden Blüten! Wie schön wird auch dein Antlitz strahlen, mein Israels .... * * * Zürne den Schnecken und Raupen nicht, mein Meister; in welchem Qarten würden sie fehlen. Verschönere sie mit deinem schönen Blicke. Lebendig sind sie und wie alles Lebende aus Liebe und heißem Drang geboren. * * * Saul und David! Spiele, Judentum, spiele und singe mit junger Stimme und schwinge die Leier, als drohte dir keine Gefahr vor dem Angesicht des Feindes. Spiele Judentum, spiele und achte nicht des Speeres. Laß deine sanfte Stimme seine bluttrunkenen Träume durchdringen. Sieh, als ob du ihn nicht sähest, über seinen Haß hinweg mit deinem verklärten Angesicht, mit deinen stillen Augen. Je mehr Hoheit du zeigst, desto mehr haßt er dich. Ich will dich beneidet und, soll es sein, gehaßt sehen, mein stolzes Judentum Er möchte dich wohj durchbohren. So springe zur Seite, fühlst du dich nicht mehr jung! Aber spiele und singe vor dem Angesicht des Feindes, als drohte dir keine Gefahr. Spiele auf deiner Harfe, deren Saiten die Großen Israels heißen. Spiele, mein Volk, spiele, und du wirst König seinl * Das Selbstporträt! Quer vor „Saul und David" hast dü dich selbst gestellt. Da hast du wohl getan, mein alter, weiser Meister: der schönste Spiegel väterlicher Glorie ist das Antlitz edler Enkel . . . * * . t * Judentum, trage wie ein Held deine Narben, die blutigen Narben der Verfolgung; und auch der rostigen Zeichen zermürbender Ghettoketten schäme dich nicht. Doch lasse Wimmern und Schreien. Sprich: „So hast du Feind mich zerfleischt und doch bin ich stark und schön, bin ungeschuächt geblieben!4' Denn wisse: So werden deine Narben zum Gradmesser deiner Kraft und Schönheit und, wunderbar, sie werden ein Teil von ihr! Der „Sohn des alten Volkes" ist eine solche Narbe. Damals stand das Judentum auf und zeigte in stolzer Kunsttat diese Narbe der erstaunten Welt. Es sagte nicht: „Ich bin trotz und mit dieser Narbe schön". Es vollbrachte mehr: bewies es ... . Ich küsse die ehrwürdige Hand, welche der Genius meines Volkes dazu beseelte.* * * * Meine Rede sei nicht nur vom Juden, sondern auch vom Künstler. Denn warum sollte ich mich entehren durch Lüge... Ich liebe mein Volk, doch mehr die Kunst. Scheltet mich nicht, meine Brüder, und ertragt mich. So hießen Natur und Schicksal mich sein.....— Ich glaube nicht, lieber Meister, daß du dies alles, was ich gesprochen, gedacht hast und gewollt, als du schufest, denn weit unterschieden ist der Schöpfer und der Anschauende .. . Der wahre Mann, das wahre Weib verlieren sich ineinander, schaffen Kinder, weil sie sich lieben, nicht zur Bereicherung dieser Welt, nicht „zur höhern Ehre Gottes", nicht auf Gebot — nur weil sie sich lieben. Aber wer den Liebesspfößlingen begegnet, mag wohl sagen: wie lieblich bist du, holdes Kind, wie klar deine Augen, hoch deine Stirn, du bringst gewiß Tugend, Schönheit und Nutzen der Welt. Gott segne deine Eltern... So hast du, Meister, das Leben geliebt, das Leben dich, das war ganz einfach. So habt ihr schöne Kinder gezeugt. Begegne ich ihnen, sage ich, was ich schon gesprochen und vielleicht noch viel mehr, was mir in den entzückten Sinn kommt. Und ich füge noch hinzu: »„Gott segne deinen großen Vater, den edlen Meister, deine Mutter, das blühende Leben." * * * „Ars longa, vita brevis" sprach die menschliche Weisheit, nachdem sie die Auen der Schönheit durchstreift, die kleinen Mäher und Säer — und dies waren sogar die Riesen ihres Geschlechts! — unter dem hohen Himmel, an ihrer mühsamen, schwierigen Arbeit gesehen hatte. „Ars longa, vita brevis" seufzte sie noch einmal, schüttelte den Kopf und setzte sich traurig am Saume des Weges. Aber die Engel hörten und zürnten: Wie! Sollte ihr höchstes Geschenk, das schöne Leben, nicht den Menschen genügen, ihren kleinen Zweck zu erreichen. Wäre die Erfindung der Menschen, die Kunst, so mächtig, daß die Schöpfung des Ewigen, das Leben, sie nicht umfassen könnte! Und sie sprachen: Möge jetzt ein Mensch entstehen, dem noch im höchsten Alter die Kunst ein leichtes Spielzeug in kräftigen Händen sein wird." Da wurdest du geschaffen, mein Meister. Aber später sprach die Weisheit: „Nicht mich habt ihr zerschlagen, sondern euch selbst. Ich sprach von Menschen, ihr schüfet ein Genie und verrietet ihm sogar das ewige Geheimnis jenes Quells der Jugend." Ich sah die Himmlischen lächeln, so wie ein Meister lächelt, der vom geliebten Schüler ^überwunden, und mir deuchte, die Weisheit sah etwas zu triumphierend, wie sie oftmals tut. Aber ich, der neben diesem Gespräch stand, wie ein sachverständiger Beobachter neben zwei Spielern am Schachbrett, ich sah, was diese großen Spieler in der Hitze ihres Spiels nicht sahen. Ich freute mich einer Freude, die sie nicht kannten____ Und ich wußte plötzlich, was kommen würde ... es nahte sich ein großes Gefühl... Ich zitterte leicht, wie die Erde zittert, wenn aus weiter Ferne ein mächtiges Heer heran donnert... Da kam es ... Die äußere Welt verschwand ... es war ... zuckte und atmete durch meine Brust, und ich sah nur mein eignes Antlitz, — denn mich selbst seh' ich immer, auch im Augenblicke des höchsten Lebens, — ich sah es erblassen und sich verzehren, ich sah meine Augen sich vergrößern und vertiefen wie das Antlitz und die Augen jener, die große Gedanken denken und mächtige Gefühle fühlen. Ich stand schaudernd und in mich versunken stille ... Hätte ich doch weinen, weinen können vor Entzücken, daß dieser Auserwählte ein Sohn meines Stammes ist. Aber ich kann nie weinen. Ich habe nur meine Worte. Das sind meine verspäteten Tränen. * * * Ich rufe dich, Heinrich Heine, ich rufe dich, mein großer Bruder. Schaue dich noch einmal um auf dieser Welt. Und führe auch deinen sehnsuchtsvollen Spanier mit herunter, den Don Juan Ponce de Leon. Sag ihm, er solle sich freuen, daß ein Mensch erreicht, was er verfehlt: eine zweite, schöne Jugend sich getrunken am Borne der Kunst — ein besseres Bimini, mein Heine!... Amsterdam, 24. Januar 1909. M. H. van Campen _ 2