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Die Welt · 1909-01-29 · 5 (29.1.1909) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
5 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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100 DIEJ[|£ELT= No. 5 •i'i Israels '(wie z. B. beim „Thoraschreiber") sein Modell belauscht, nicht die Einwirkung des Augenblicks auf die Regungen und Äußerungen des Subjekts, sondern die ganze Seele, die ganze Stimmung weiß sein Pinsel mit meisterlicher Sicherheit festzuhalten. Zu dieser Unmittelbarkeit und Lebendigkeit der Darstellung gelangte Israels durch ein Doppelstudium von den Menschen und ihren Geschicken in direkter Anlehnung an die Natur. Ein neuer Rembrandt, von diesem bis zum höchsten Grade beeinflußt, hat er im eigentlichen Sinne des Wortes auf keiner Akademie studiert; angeborenes Talent und frühes Naturstudium waren seine Lehrmeister, wozu freilich eine in harter Selbstzucht errungene Herrschaft über das Technische unterstützend dazutrat. Die Enzyklopädien nennen seine Lehrer und Vorbilder — in Amsterdam und Paris. Aber wäre Israels nur ein Nachfolger seiner Lehrer, dann wäre sein Name nicht in den Enzyklopädien zu finden. Jahrzehnte, viele Jahrzehnte hindurch kultivierte er, ein Vielmaler, die Historienmalerei. Kein Katalog hat ihre Titel der Vergessenheit entrissen; auf eine Frage nach seinen Jugendwerken erwiderte mir der Altmeister mit dem ihm eignen klugen Lächeln: „Woher soll ich denn wissen, wo sie sind?" Erst in ganz reifem, nach allgemeinen Begriffen überreifem Alter wurde Israels zu dem, was er jetzt ist: er fand sich selbst, als die Sonne seines Lebens den Mittelpunkt schon überschritten hatte. Und das ist ein tröstender Gedanke für Künstler und Dichter. Man kann den Gipfel der Größe auch erst in ältern Jahren erklimmen, nachdem man lange in Mittelmäßigkeit gesteckt hat. Und noch ein Trost. Man kann mit 85 Jahren noch schaffen. Erst vor kurzem hat Joseph Israels ein Porträt gemalt, das zu den besten der Leistungen seiner Porträtmalerei gehört (das Portät des Staatsrats Prof. Oppenheim). Heute ist der Altmeister 85 Jahre alt geworden, in seiner Kunst ist er jung und frisch geblieben. Sein unermüdlicher Schaffensdrang wird uns noch manches schöne Werk schenken. Mit Liebe nennen ihn die Holländer: „das kleene Joodche". Wir nennen ihn einen großen Juden und wünschen es sehnlichst, ihn noch lange, sehr lange unter uns zu sehen. Warum feiern wir Zionisten einen Israels? Ist es, weil er sich zum Zionismus bekennt? Der Grund liegt tiefer. Wir feiern die geistige Kraft, die in den Auserwählten unseres Volkes fortlebt. Denn nicht die Fleischtöpfe Ägyptens und nicht das goldene Kalb der Wüste, sondern die Cherubim mit den ausgebreiteten Flügeln auf der Bundeslade, die Cherubim der Weisheit und die Seraphim der Liebe sind es, die unsere Macht und unsere Existenzberechtigung begründen. Ein Volk, das noch große Geister hat, die den tiefen Sinn des Lebens lehren, ein Volk, das durch flammende Begeisterung auf jene Lichtbahhen geleitet wird, auf denen Feuersäulen den Weg aus Knechtschaft und Finsternis zeigen, kann nicht dem Staube und der Vernichtung anheimfallen. Wie die Säulen Jachin und Boas den Riesenbau des altehrwürdigen Zentralheiligtums aufrecht erhielten, wie die siegessicheren Hände Mosis, von seinen Jüngern unterstützt, sich Amalek bedrohend und sein Volk segnend über das Lager erhoben, wie das Brustschild des Hohenpriesters in allen Farben der Edelsteine mit den Wappen der Stämme vor den Augen der Völker brannte, wie die Sinaihöhen und die Zionszinnen über die alte Welt ragten, so ragt die Erhabenheit des jüdischen Geistes auch über das Jehoschafat-Tal des Goluth in edler Pracht empor, und so lange sie emporragt und so lange sie, die große Flamme im Dornbusch, hell lodert, — und sie muß ewig lodern, — kann unser Volkstum nicht sinken und nicht mit Füßen zertreten werden. Alles muß wieder die große Auferstehung feiern, — nicht nur die ewigen Gesetzestafeln Mosis, die Weihe Arons, die Gerechtigkeit der Richter, die belehrende Macht Samuels, die Harfe Davids, die Weisheit Salomos und die weissagende Gewalt der Propheten, sondern auch — die Schönheit Bezalels. Lange lag sie im Sarge des Verfalls, aber den Sarg überwachte liebevoll der Geist Eliahus, des Herolds der Auferstehung, des Bundesengels, des Trösters, der „die Herzen der Väter den Söhnen und die Herzen der Söhne den Vätern wiedergibt". Und nun ersteht im Laufe der letzten Generationen vor unsern Augen auch die jüdische Schönheit. Der alte Strahl ist nicht erloschen; noch zittert er, licht und ewig, auf den Ruinen unserer Tempel. Und einer dieser Priester auf den Ruinen ist Altmeister Israels. Sein Name ist Joseph. Ein „CDB rO!TO"> Q'm „bunter Rock" verschiedenartiger Malerei umhüllte ihn in seiner Jugend. Ein Schönheitsernährer eines gastfreundlichen Volkes, das ihm Liebe und Anerkennung zollte, wurde er im reifern Alter, und zuletzt — „erkannte er seine Brüder", noch bevor die Brüder ihn erkannten. Aber sie erkannten ihn auch und wissen schon, was sie in ihm besitzen. Sein Traum*ging in Erfüllung: die Garben neigten sich ehrfurchtsvoll vor seiner Garbe. Sie neigen sich jetzt, die Garben jüdischer Künstler, vor dem reichen Ertrag des greisen Nestors in Ehrfurcht und Liebe. ... N. S. ZUM 85 JÄHRIGEN GEBURTSTAG VON JOZEF ISRAELS Öfters — ich sage öfters, nicht immer — verhält sich der Künstler zu den Gedanken, die seine Arbeiten andern einflößen, wie die Erde zu den Ernten, den Blumen und allen den schönen und widrigen Geschöpfen, die sie trägt. Seine herrliche Unbewußtheit in bezug auf sie ist oftmals so tief wie die ihrige, wie die Erde hat er sie alle geboren, aber wie sie nur zum Teil, und wäre es der letzte solcher Gedanken im letzten Jahrhundert, Geist von seinem Geiste trägt tr in sich, wie die höchste Blüte einer Rieseneiche den Erdsaft .... 0 ewige Bäume des menschlichen Geistes, die ihr die Kunstwerke seid, segnend wehen über die Häupter der anbetenden Geschlechter, bestrahlt euch auch die Sonne von unten hinauf, so wisset doch: keine sinkende Sonne ist es, blutrot sterbend im Westen, sondern das liebende Auge der Menschheit, sanft und mild, immer neue Blüten hervortreibend, neue Früchte aus ihren grünenden Ästen ... Ihr ewig lebenden Bäume, die ihr die Kunstwerke seid, wie froh erscheint eure Erde im strahlendem Licht, im zarten '!*'!

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