Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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haben, und von der messianischen Verwegenheit seiner Vorschläge, die schöne puritanische Alltäglichkeit der Gesellschaft durch einen Boykott und eine Klassiffzierung der Genies zu retten. Die encyclopädische Weisheit des Buches gewann immer mehr Einfluß auf mich. Ich kam in eine Zeit, wo ich es so gebrauchte, wie andere gläubige Leute Traumbücher und Anleitungen zum Wahrsagen gebrauchen. Wo immer einer meiner Freunde, oder noch lieber meiner Feinde, etwas tat, was ich mißbilligte, schlug ich zur Erklärung die Seiten der „Entartung" nach! Öfter als nicht fand ich die Erklärung, und allmählich wurden die Seiten mit Notizen über alle möglichen Leute bedeckt, die ohne daß sie selbst es wußten, aber sehr zu meinem moralischen Schutze, so recht eigentlich unter die Entarteten klassifiziert wurden. Lassen Sie mich Ihnen einige Beispiele geben. Auf Seite 49 des Bandes 1 in dem Kapitel, das in der deutschen Ausgabe „Diagnose" überschrieben ist, finde ich die folgenden Zeilen unterstrichen: „Sein eignes Ich steht riesengroß vor dem innern Auge des Hysterikers und füllt seinen geistigen Gesichtskreis so vollständig aus, daß es ihm die ganze übrige Welterscheinung verdeckt." Auf dem Rande befindet sich die Note: „e. g. „Größter Jude des Jahrhunderts" siehe Rede von ... in ..." So ist die Person, auf deren pathologische Eigenschaft hier Bezug genommen ist, identifiziert und etiquettiert, und nichts, was sie seitdem auch tun mag, kann mich beunruhigen. Mein zweites Beispiel bezieht sich mehr auf den vorliegenden Fall. Als Dr.Nordau begann, mitEnergiefür den Zionismus zu agitieren, stand ich vor einem Rätsel. Jede Seite der „Entartung" schien mir gegen ihn zu sprechen. Nichtsdestoweniger fühlte ich sicher, er wußte, woran er war. Durch folgendes, dachte ich, sei das bewiesen. In dem berühmten Kapitel über die „Psychologie der Ich-Sucht" fand ich das, von dem ich glaubte, es sei eine Erklärung. (Band II, Seite 38). Es lautet wie folgt: „Noch ein zweites Merkmal gibt es, daß alle Ich-Süchtige miteinander teilen, und das ist ihre Unfähigkeit, sich den gegebenen Bedingungen, unter denen sie leben müssen, anzupassen. Der Mangel an Anpassungsfähigkeit ist eine der auffallendsten Eigentümlichkeiten des Entachteten und er ist für ihn der Grund beständigen Leidens und schließlichen Untergangs." Diese prophetische Anklage des Zionismus schien mir alles klar zu machen. Nachdem Dr. Nordau die Jüdischnationalen als Leute mit vielen Sympthomen von Rassenentartung diagnostiziert hatte, hatte er sich ganz logisch der Propaganda Dr. Herzl gewidmet, als eines Mittels, den Ansteckungsherd zu isolieren und derart die jüdische Rasse vor der totalen Zerstörung zu retten. Niemals träumte ich, daß er selbst eines der Opfer sei. So war die Lage, als ich Dr. Nordaus Rede las, wie sie im „Jewish Chronicle" vom 1. ds. berichtet ist. Ich war natürlich peinlich berührt, zu finden, daß ich Dr. Nordaus Zorn erregt hatte, aber noch mehr war ich beängstigt, herzlich beängstigt, wenn er mir gestattet, das zu sagen, durch die außergewöhnliche Zusammenhanglosigkeit seines Angriffs auf mich und seine charakteristische Ungenaüigkeit. Wie er mich dafür anklagen kann, weil ich gesagt habe, die türkische Revolution habe „die Totenglocke des Zionismus geläutet"?, wenn er offenbar mit mir übereinstimmt, erfüllt mich mit Erstaunen. Ich hatte gesagt, es wäre nicht länger Platz für eine jüdische Nationalität in der Türkei, weil in Zukunft die ottomanische Nation eine sein wird und alle ihre Angehörigen, ohne Unterschied der Rasse und des Glaubens, gleichmäßig frei sein werden. Dr. Nordau nennt dies „einen schweren Irrtum", gibt aber im selben Atemzuge zu, daß „ausschließliche Vorrechte" für die Juden in Palästina nicht länger möglich seien und daß alles, was die Zionisten erstreben, ist, „freie Bürger in einem Land anzusiedeln, das frei geworden ist". Dies ist natürlich nur eine Wiederholung meiner eignen Ansicht und ich appelliere an authentische Zionisten, daß sie mir sagen, ob es mit dem, was sie unter „der national-jüdischen Idee" verstehen, vereinbar ist. Aber was mich am meisten in Dr. Nordaus Rede in Erstaunen gesetzt hat, ist folgender Satz: „Herr Lucien Wolf hat, kaum daß die Nachricht über die türkische Revolution veröffentlicht worden war, erklärt, diese Revolution habe keine Zukunft, sie sei ein Ding von wenigen Wochen. „Wo? wann? Während der letzten 30 Jahre war ich ein begeisterter Freund des türkischen Konstitutionalismus und kein Mensch* in diesem Lande hat den Staatsstreich vom 24. Juli mehr begrüßt, als ich. Ich habe alle Artikel, die ich zu jener Zeit darüber geschrieben habe, nachgesehen. Außer einer Fülle von Anonyma erschienen von mir unterzeichnete Artikel in der Westminster Gazette und dem Graphic vom 1. August und in der Western Morning News vom 31. Juli. Alle vertreten den Standpunkt, daß die Revolution von Dauer seinwerde. Wie konnte nur Dr.Nordau zu diesem außergewöhnordentlichen Irrtum kommen? Ich grübelte ernsthaft über dieses Mysterium nach, als meine Augen auf die stark abgegriffenen Bände der „Entartung" fielen. War es möglich? Nein, nein! Ich wies den schrecklichen Gedanken von mir. Nichtsdestoweniger verfolgte er mich bis zum Abend. Ich erinnerte mich, daß erst vor wenigen Wochen ein anderer führender Zionist, dessen Ich-Sucht flagrant ist, mich in ähnlicher Weise falsch zitiert hat. Mechanisch öffnete ich Band II und wendete die Seiten. Plötzlich auf Seite 7 sah ich das folgende: „Der Ich-Süchtige ist ein Kranker, der die Dinge nicht so sieht, wie sie sind. . . ." Ich schloß das Buch in einem Übermaß von Leid. Eine verworrene Vision wie von einem Erdbeben, der Zusammenbruch eines großen Geistes überflutete mich. Ich sank in meinen Stuhl, stöhnend: Armer Max! Armer, armer Max!" Ihr ergebener Lucien Wolf Das Wohnrecht der Juden im konstitutionellen Rußland Aus Petersburg schreibt man uns: Zu welchen Absurditäten das „Wohnrecht" der Juden in Rußland führen kann, beweisen verschiedene, neuerdings bekanntgewordene Einzelfälle: Beabsichtigten da die Studierenden der Elektrotechnik an der Kiewer technischen Hochschule, während der Weihnachtsferien unter Leitung des Prof. Artemjew die elektrotechnische Ausstellung von Moskau zu besuchen. Alle Vorbereitungen waren bereits getroffen, und die Abfahrtsstunde war bereits bestimmt, als die Moskauer Behörde die telegraphische Mitteilung machte, daß die vier jüdischen Studenten, weil sie als Juden nicht das allgemeine Wohnrecht besitzen, selbst nur für zwei Tage nach Moskau nicht kommen dürften. Sämtliche Teilnehmer nebst dem Prof. Artemjew verzichteten darauf auf die ganze Reise. Ähnlich war das Schicksal der von den Schülerinnen des Minsker Mädcheng3^mnasiums geplanten Exkursion. Auch hier handelte es sich um einen Besuch von Moskau, dessen Sehenswürdigkeiten die Mädchenjugend anzogen. Am Tage vor der Abreise depeschierte der Gymnasialdirektor an den Moskauer Generalgouverneur und bat ihn, die Exkursion unter seine Obhut zu nehmen. Darauf erfolgte vom General Hörschelman die prompte Antwort, daß er die christlichen Schülerinnen mit Freuden aufnehmen, den Jüdinnen hingegen den Aufenthalt in Moskau nicht gestatten würde. Nach diesem häßlichen Bescheid unterblieb auch die in Minsk geplante Ferienreise, indem die christlichen Mädchen mit ihren jüdischen Kolleginnen sich solidarisch erklärten. Ein neues jüdisches Schauspiel Von Z. Libin, dem fruchtbarsten der jüngern jüdischen Schauspielschreiber, ist ein neues Schauspiel, „Das Urteil", erschienen und in Newyork aufgeführt worden. Mr. Libin war bis vor wenigen Jahren Mitarbeiter einer der Zeitungen der East Side; er verfaßte kurze Erzählungen und Skizzen von lokalem Gepräge, aber jetzt dramatisiert er seine Erzählungen. Er bringt zu jeder Saison zwei oder drei Stücke heraus, welche er im Auftrag von verschiedenen Theaterdirektoren verfaßt. Der Aufbau seiner Dramen und die Art und Weise, wie er den Knoten der Handlung zu schürzen versteht, sind außerordentlich originell und bieten eine Fülle von Möglichkeiten. Er sieht das Leben wie es ist, die Armut und die Poesie des Ghettos, und er schildert alles sehr dramatisch. Das Stück „Das Urteil" schildert die Geschichte eines Ehepaars, das Erwachen einer alten Liebe auf Seiten eines Mannes im mittleren Alter und die Hindernisse, welche von erwachsenen Kindern ihm in den Weg gelegt werden. Es ist ein Kampf zwischen der Liebe und dem Gesetz und das Ende ist, daß Dr. Max Rabbinowitz, ein Zahnarzt aus der East Side, dessen Liebe zu der Herzensfreundin seiner Jugend wieder wachgeworden ist, als diese aus Rußland ankommt, wieder zurückkehrt zur Moral und zum Gesetz, wie es seine Religion und die allgemeinen Sitten verlangen. Eine Liebesgeschichte zwischen Rabbinowitzs Tochter und einem Sohn seiner Jugendliebe verhelfen dem Stück zur weitern großen Wirkung. Mr. Adler war ausgezeichnet in der Rolle des Arztes und Mrs. Adler spielte die Tochter des Doktors sehr wirkungsvoll. Mme. Wilensky als Rabbinowitzs Frau und Mme. Epstein waren ihren Rollen vollkommen gewachsen. Der Talmud als Rechtsquelle Wir lesen im „Siecle": Das elfte Zuchtpolizeigericht hatte sich jüngst mit einer merkwürdigen Sache zu befassen, einem Gegenstand, der wohl kaum jemals vor einem französischen Gericht verhandelt worden sein dürfte. Es handelte sich um eine Frau Bober, eine russische Jüdin, die in Rußland nach talmudischem Gesetz von einem vom Staat autorisierten Rabbiner getraut worden war. Nachdem sie nach Paris gekommen und dort zwei Jahre lang mit ihren drei Kindern gelebt hatte, mußte sie die Erfahrung machen,