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Die Welt · 1909-01-22 · 4 (22.1.1909) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
4 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Hon. Secretary der English Zionist Federation (Herrn Greenberg) eine Insel an der Küste Mexikos für eine jüdische Kolonisation angeboten habe. Damals wurde gerade das Ostafrikaprojekt behandelt und nach der Entscheidung des Siebenten Kongresses war es klar, daß die Zionisten nicht in der Lage waren, auf solche Vorschläge einzugehen. Auch gaben mehrere englische Juden in führender Stellung, deren Meinung man eingeholt hatte, der Ansicht Ausdruck, das Angebot habe wenig praktischen Wert. Die Sache wurde daher ad acta gelegt. Die Ito läßt mitteilen, daß Mexiko eines der Länder sei, die für sie als Territorium in Betracht kamen. NOTIZEN Eine Abfertigung In der dieswöchentlichen Nummer des „Jewish Chronicle" wird ein polemischer Brief des Herrn Dr. Max Nord au gegen Herrn Lucien Wolf erscheinen, der in der vorwöchentlichen Nummer des „Jewish Chronicle" und der „Jewish World" Dr. Nordau in einer sonderbaren, witzig sein sollenden Weise angegriffen hatte. Aus Rücksicht auf den Zionismus bezw. die jüdisch-nationale Idee, die den eigentlichen Inhalt dieser Polemik bildet, dürfte diese eines gewissen Interesses für unsere Leser nicht entbehren. Herr Dr. Nordau schreibt: Herr Redakteur! Falstaff erklärt, sein Name sei „John für seine Brüder und Schwestern, Sir John für ganz Europa." Herr Wolf hat zweifellos daran gedacht, als er in seinem Brief an Sie, der in Ihrer letzten Nummer veröffentlicht wurde, mich wiederholt mit „Max" anredet. Diese liebenswürdige, obschon etwas befremdliche Vertraulichkeit ist nur aus unserm alten Grundsatz erklärlich: „Kai Jisrael achim", „alle Israelssöhne sind Brüder." Diese Anschauung liegt durchaus in der Linie des Zionismus, ich gehe deshalb gern auf sie ein. Bruder Lucien ist augenscheinlich ein Mann von neidenswerter Muße. Er findet Zeit, 97 Zeilen unzusammenhängenden Geplauders zu schreiben, wovon nur die letzten 22 obenhin den Gegenstand berühren, den er zu behandeln vorgibt. Der gute Geschmack verbietet mir, bei seinem sonderbaren Klatsch über unsere gemeinsamen Freundinnen zu verweilen. Ich lehne es auch ab, ihm zum Thema der Entartung zu folgen. Dieses erörtere ich nur mit zuständigen Personen. Ich enthalte mich schonend der Aufstellung einer Diagnose, die ein verblüffend zielloses, breites Geschwätz über ein. halb Dutzend Gegenstände, von denen keiner die geringste Beziehung zu dem Punkt, auf den es ankommt, hat, gebieterisch nahelegt. Ich werde versuchen, mich streng an diesen einen Punkt zu hajten. Vielleicht ist mein Bruder der Lektion zugänglich, die dies in sich schließt. Bruder Lucien beschuldigt mich der Ungenauigkeit. Ich bedaure, das Kompliment an ihn zurückerstatten zu müssen. Von einem Berufsjournalisten ist es noch etwas Schlimmeres als Ungenauigkeit, mich für einen Satz in dem kurzen Auszug aus einer Rede von etwa 8000 Wörtern verantwortlich zu machen, die über fünf Viertelstunden gedauert hat. Tatsächlich habe ich nie gesagt: „Herr Lucien Wolf . . . verkündet, daß diese (die türkische) Umwälzung keine Zukunft habe." Was ich wirklich sagte, war dieses: „Ein Herr, der sich ,Diplomaticus; unterzeichnet und durch seine Sehergabe und sein allgemeines Verständnis tatsächlich verdient, unter jenen tiefen Diplomaten zu glänzen, die unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Nachricht von der türkischen Umwälzung mit überlegenem Lächeln erklärten, daß sie keine Zukunft habe usw., . . . beeilte sich, genau ebenso schlau zu verkünden, daß diese Umwälzung dem Zionismus den Garaus gemacht habe." Ich ging dann daran, die Lächerlichkeit dieser Behauptung nachzuweisen. Ich bin tief bekümmert, wahrzunehmen, daß Bruder Lucien sich einbildet, ich stimme in Hinsicht der Wirkung der türkischen Umwälzung auf den Zionismus mit ihm überein. Ist er unfähig, den Sinn dessen, was er liest, zu erfassen? Er behauptet: „Ausschließliche Vorrechte für die Juden in Palästina sind nicht länger möglich." Ich sagte: „Ausschließliche Vorrechte sind nicht länger nötig." Er behauptet: „In der freien Türkei ist kein Platz für eine jüdische Nationalität." Ich sagte: „In einem freien Staate können wir freie Bürger ansiedeln", und fügte hinzu, daß ihre Freiheit ihnen die Möglichkeit gewähren wird, ihre nationale Kultur zu entwickeln und ihren nationalen Zielen und Idealen nachzustrebe-. Wenn Bruder Lucien damit wirklich übereinstimmt, dann wollen wir einander die Hände schütteln und unsere langen Meinungsverschiedenheiten über den Zionismus vergessen. Er behauptet weiter: „Künftig wird die ottomanische Nation eine sein." Er meint wahrscheinlich, obschon er es sehr verschwommen ausdrückt, daß Entnationalisierung aller nichttürkischen Nationalitäten des ottomanischen Reichs und eine straff zentralisierte Verwaltung platzgreifen werden. Hier ist er wieder vollständig „Diplomaticus", das heißt: er hat nur eine höchst schleierhafte Vorstellung von dem, worüber er plaudert. Er stellt dreist als Tatsache hin, was äußerstenfalls nur der Wunsch einer Partei ist, ein Wunsch überdies, der, glücklicherweise für die Türkei, nicht die leiseste Aussicht hat, jemals verwirklicht zu werden. Es ist richtig, das Komitee Ahmed Rizas hat in seinem Programm so etwas wie einen Punkt über Entnationalisierung und Zentralisation. Aber Prinz Sabah Eddins Komitee widersetzt sich dem entschieden und setzt sich für Autonomie aller Nationalitäten der Türkei und für Dezentralisation ein, es stützt sich auf die aufgeklärtesten Elemente des Reichs und ich bin gewiß, daß die Zukunft ihm gehört. Ich schließe, wie ich begonnen habe: Bruder Luciens beständiger Schnack vom unmittelbar bevorstehenden Tode des Zionismus erinnert erschreckend an den armen Falstaff „der von grünen Feldern faselt", wie seine betrübte Wirtin ihn schildert. Indes: absit omen! Hochachtungsvoll Paris, den 19. Januar 1909. Dr. Max Nordau Um in loyaler Weise auch Herrn Wolfs Brief unsern Lesern nicht vorzuenthalten, bringen wir ihn ebenfalls in extenso. Der Brief lautete: „Ich fürchte, es ist schon etwas spät an der Zeit, um von diesem peinlichen Fall Notiz zu nehmen, aber die Schuld trifft nicht mich. Durch einen Zufall erhielt ich erst gestern Kenntnis von der Rede meines ausgezeichneten Freundes, Dr. Max Nordau, die in Ihrer Nummer vom 1. ds. erschienen ist. Ich las sie in Verwunderung, die sich seitdem in Bestürzung und Schmerz vertieft hat. Armer Max! Einst so liebenswürdig, so glänzend, so lichtvoll, so peinlich genau und jetzt . . .! Aber lassen Sie mich erklären. Es sind Jahre her, da waren Dr. Nordau und ich Anhänger ein und desselben Kults. Wir waren beide einer ausgezeichneten Dame ergeben, die große persönliche Liebenswürdigkeit mit geistigen Fähigkeiten von ungewöhnlich hohem Range verband. Ihre unerschöpflich gütige Natur wird hinreichend illustriert, wenn ich sage, daß sie alles las, was wir beide schrieben und daß sie niemals versäumte, uns reizende kleine Komplimente für unsere Arbeit zu machen. Dr. Nordau widmete ihr einst in Dankbarkeit ein Büchlein, aber infolge der Nachlässigkeit eines entarteten Setzers wäre es beinahe zu Schlägereien gekommen. Indessen, das ist eine andere Geschichte. Die Dame hatte einen reizenden Ehrgeiz. Er bestand darin, jeden von uns zu veranlassen, die große Bewunderung mitzuempfinden, die sie dem andern entgegenbrachte. Infolge des Großmutes, mit dem sie diese Idee verfolgte, wurde ich bald ein ergebener Schüler Nordaus, und ich glaube, auf dieselbe Weise — wenigstens sagte er mir einmal so — empfing er eine lebhafte Zuneigung für meine mehr ephemeren Schreibereien. Sie möchten es nicht glauben, wenn Sie seine letzte Rede lesen; aber ach! das ist eines der Symptome. An einem Neujahrstage empfing ich ein Exemplar von Dr. Nordaus monumentaler „Entartung", schön in zwei Bänden gebunden. Beigefügt war eine Notiz in der vertrauten Handschrift, die mich bat, es zu lesen, um mich daran zu ergötzen. Ich gehorchte, ich ergötzte mich nicht nur daran, ich war davon fasziniert, fasziniert von diesem Niagara von Gelehrsamkeit und Tiefe, von seinem kühnen Eintreten für „die Leute" und das Konventionelle, von seiner zermalmenden Verurteilung der Sklaverei der Originalität, unter der mittelmäßige Menschen so lange gestöhnt

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