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Die Welt · 1909-01-22 · 4 (22.1.1909) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
4 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
– (sequence 15)
Language
German
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vermehren. Anderseits haben alle Israeliten im Auslande immer eine große Achtung vor den Ottomanen gehabt, die voll edlen Empfindens gerne den in die Türkei einwandernden Juden gastliches Willkommen boten. Diese Achtung wuchs angesichts der bedauerlichen Tatsache, daß die Juden nicht das gleiche Entgegenkommen in Rußland, Rumänien, Polen und Böhmen gefunden haben. Diesem Ziele der Erlangung einer Heimstätte für die Juden dient eine Bewegung, die unter dem Namen Zionismus unter ihnen entstanden ist.Da sich eine gewisse Anzahl unserer israelitischen Mitbürger in den letzten Tagen dafür interessiert, halten wir es für richtig, einen kurzen historischen Uberblick über die zionistische Bewegung zu geben." Hierauf folgt eine kurze Beschreibung der Geschichte der zionistischen Bewegung, die abgesehn von einigen Unrichtigkeiten ein ziemlich zutreffendes Bild der Entwicklung des Zionismus gibt. Der Artikel führt dann weiter aus, daß durch die Gewährung der türkischen Verfassung der Zionismus wieder besonders akut geworden ist. „Nachdem die Verfassung allen Bürgern den Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte gewährleistet hatte, standen die Zionisten von ihrem Plane eines autonomen Palästinas ab, um sich auf die Erlangung rein ökonomischer Vorteile in diesem Lande zu beschränken." Nach Erwähnung der jüdischen Ackerbaukolonien in Palästina und Betonung der Bedeutung der Juden als kommerzieller und ökonomischer Faktor in Palästina, kommt der Artikel auf die Größe und die Hilfsmittel der zionistischen Organisation zu sprechen, die eine Förderung der israelitischen Einwanderung nach dem türkische Reiche zum Zwecke einer landwirtschaftlichen Siedlung betreibe. Der Artikel fährt fort: „Da unser Land vorwiegend ein ackerbautreibendes ist und Arbeitskräfte gebrauchen kann, wird diese Einwanderung notwendigerweise zum Gedeihen des Landes beitragen. Außerdem wird unsere Regierung politische Vorteile davon haben, wenn die neuen Ankömmlinge Bürger dieses Landes werden. Demgemäß gehören wir zu denjenigen, die das Unternehmen der Zionisten begrüßen, das auf eine "Förderung der jüdischen Einwanderung nach Palästina unter rationellen Bedingungen hinzielt. Wir sind allerdings der Meinung, daß alle diese Einwanderer später die ottomanische Untertanenschaft erwerben sollten." Bulgarien Ein Angriff auf die Juden im bulgarischen Parlament Zum erstenmal seit Bestehen des bulgarischen Parlaments wurde daselbst ein Angriff gegen die Juden gerichtet. Während der Debatte über das neue Unterrichtsgesetz stellte der Abgeordnete Dr. Kalenkow, ein sogenannter „Demokrat" und Vertreter einer großen Zahl jüdischer Wähler, die Forderung auf, daß keine jüdischen Lehrer in bulgarischen Schulen angestellt werden sollten. Allerdings war es ihm nicht möglich, seine Ausführungen zu beendigen, da er vom Minister Muschanow mit der Bemerkung unterbrochen wurde: „Die bulgarischen Juden sind unsere Mitbürger, deren Rechte nicht geschmälert werden dürfen." Das Organ des Großrabbiners widmet dieser Angelegenheit einen Leitartikel und bezeichnet den Umstand, daß dieser Angriff von einem demokratischen Abgeordneten unter einem demokratischen Ministerium geschah, als böses Omen für die Zukunft der Juden in Bulgarien. Auch schrieb Großrabbiner Dr. Ehrenpreis unverzüglich einen Brief an den Abgeordneten, worin er gegen dessen Forderung heftigen Protest erhob und sie als eine flagrante Verletzung der Rechte der bulgarischen Juden bezeichnete. (Jewish Chronicle) Ein neues Landangebot an die Juden Die diesmonatliche Ausgabe der „Whitehall Review" bringt einen überaus interessanten und bemerkenswerten Artikel unter der Überschrift „Präsident Diaz und die Juden". Der Autor des Artikels ist John W. De Kay, der als Kenner und Beschreiber mexikanischer Verhältnisse einen guten Ruf genießt und als Präsident der Mexican National Packing Co. Ltd. unter den Industriellen der neuen Welt einen hohen Rang einnimmt. Herr De Kay lenkte die Aufmerksamkeit des Präsidenten auf den Umstand, daß die Juden, wenn sie in einer der Republiken Amerikas angesiedelt würden, aufhören würden, verfolgt zu werden. Er fragte ihn, was die Politik Mexikos sein werde, wenn die Juden in großen Massen dorthin kämen, sich in einem Distrikt niederließen und dort die Majorität erlangten. In seiner Antwort gab Präsident Diaz den Gefühlen wärmster Sympathie Ausdruck, die er allezeit für die Juden gehegt habe. Präsident Diaz ist von den großen Fähigkeiten der Juden überzeugt, die immer noch ihrem Adoptivvaterlande zur höchsten Blüte verholfen hätten. Darum habe er, als die Juden überall verfolgt wurden, seinen Ministern Auftrag gegeben, die Juden in Mexiko willkommen zu heißen und ihnen Gleichberechtigung und volle Gerechtigkeit zu garantieren. Er habe mit großem Interesse die Bewegung verfolgt, die darauf hinziele, die Juden als Ackerbauer ansässig zu machen. Auf die Frage, ob er bereit sei, den Juden die lokale Selbstverwaltung zuzugestehen, antwortete Präsident Diaz: Wenn die Juden in großen Massen in irgendeinen der unabhängigen Staaten Mexikos einwanderten und wenn jeder so viel Landbesitz erwürbe, als notwendig sei, um das Bürgerrecht erlangen zu können, wenn sie sodann den .mexikanischen Untertaneneid leisteten nnd alle bürgerlichen Pflichten auf sich nähmen, würden sie alle Bürgerrechte genießen, die sich in keiner Hinsicht von denen der eingeborenen Mexikaner unterschieden. Natürlich könne nach der jetzigen Verfassung kein Fremder Präsident der Republik werden. Wenn solche Bürger in irgendeinem Staate Mexikos die politische Majorität erlangten, könnten sie sich ihren eignen Gouverneur und andere Beamte wählen und würden alle Rechte genießen, die andern Mexikanern jetzt oder in Zukunft zustehen. Die Staaten seien unabhängig und in ihrer Lokalverwaltung selbständig, unterständen indessen der höheren Autorität der Regierung der Republik. Aber auch wenn die Juden nicht mexikanische Bürger werden wollten, würden sie willkommen sein. Sie würden von der Militärpflicht befreit sein und genau so behandelt werden wie jeder andere Fremde ohne Unterschied der Nation und Religion. Präsident Diaz würde indessen lieber sehen, daß die Juden nach Mexiko kämen, um Bürger dieses Landes zu v/erden, und daß sie den Mexikanern industrielle und kommerzielle Vorbilder seien. Der Präsident verspricht sich davon einen großen und nützlichen Einfluß auf sein Volk. „Mir wäre es angenehm, erläuterte der Präsident, große Ansiedlungen von Juden zerstreut durch ganz Mexiko zusehen, und ich würde sie so weit wie möglich zerstreuen, nicht aus irgendeiner politischen Rücksicht, sondern weil auf diese Weise ihr Beispiel den Bewohnern in jedem Teile des Landes zugute käme. Mexiko heißt Leute mit Geld willkommen, aber ebenso begrüßt es Leute, die Geschicklichkeit und Eifer besitzen. Wir haben sie nötig als Vorbild für die große Masse unseres Volkes, und mein Land bietet ihnen ein Feld großer Möglichkeiten." Herr de Kay regte an, die mexikanische Regierung möge Land zu niedrigen Preisen den Juden anbieten und diese ermutigen, dorthin zu kommen. Der Präsident antwortete, daß die Regierung in vielen Teilen der Republik wertvolles Land besitze, das sie den Juden zu niedrigem Preise verkaufen könne, und dessen Wert nach seiner Aufschließung noch bedeutend wachsen würde. Er möchte gerne, daß dieses Land in großen oder kleinen Stücken von Juden aus der ganzen Welt erworben und besiedelt würde. „Wir zahlten teuer für unsere Freiheit und schätzen sie daher hoch. Ich wünsche, daß die Juden einsehen, daß sie hier ihre Freiheit haben können, hier würden sie willkommen sein, hier könnten sie gedeihen, frei von Intoleranz, Bigotterie und Verfolgung." „Vom Standpunkt der persönlichen Freiheit ist Mexiko ein sehr einladendes Land für Juden, aber vom praktischen Standpunkt aus sollte der Jude, der kein Geld und kein Geschäft besitzt, nicht nach Mexiko gehen, wenn nicht unter dem Schutze einer Organisation oder Industrie, die ein Betätigungsfeld für ungelernte Arbeiter von einer höhern Klasse als der gemeine mexikanische Arbeiter bieten könnte." Indessen werde der Jude als ungelernter Arbeiter besser nach den Vereinigten Staaten gehen, hingegen in landwirtschaftliche oder industrielle Unternehmungen sei es praktischer, ihn in Mexiko anzusiedeln. Wenn ein Syndikat wohlhabender Juden, die Interesse für den Fortschritt ihres Volkes hätten, von der mexikanischen Regierung passende Landstrecken in verschiedenen Teilen des Landes erwerben und sie mit unternehmungslustigen Juden aus Europa besiedeln würde, könnten diese Gemeinden sich sowohl als industrielle oder als agrikulturelle entwickeln, und könnten in erster Linie gelernten Arbeitern nutzbringende Beschäftigung bieten. Herr de Kay schließt seinen Bericht mit folgenden Worten: „Niemand kann mit dem großen Präsidenten das Problem eines verfolgten Volkes diskutiert haben, ohne gefühlt zu haben, daß dieser Mann, aus niederm Stande geboren, der niemals mit Glücksgütern gesegnet war, ein wirklicher Freund der Juden ist." Der „Globe" bemerkt im Anschluß an dieses Interview, daß Präsident Diaz ein tüchtiger und praktischer Staatsmann ist, der zweifellos die Frage einer jüdischen Ansiedlung sehr sorgsam studiert hat, ehe er sich öffentlich darüber äußerte. Der „Jewish Chronicle" teilt hierzu noch mit, daß die mexikanische Regierung durch ihren englischen Vertreter seinerzeit dem damaligen

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