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Die Welt · 1909-01-22 · 4 (22.1.1909) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
4 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Verhältnisse (ist der Polenklub nicht Regierungspartei?), nahezu unmöglich zustande kommen kann,— erscheint es wünschenswert, daß alle Kultusgemeinden in Land und Staat dem Allgemeinen österreichischen israelitischen Gemeindebund in Wien beitreten sollen." Dies die langatmige verdeutschte Entschließung. Von gut informierter Seite wird uns dazu bemerkt: Es gibt zwei Wege, eine Gesamtorganisation der Juden Österreichs ins Leben zu rufen. Den parlamentarischen — durch einen Beschluß des Reichsrates. Sollte dieser Weg nicht gangbar sein, — bei den österreichischen Verhältnissen ist es kaum anzunehmen, daß der Reichsrat eine diesbezügliche Vorlage rasch erledigen würde, — kann der Verordnungsweg beschritten werden. Das Bundeskomitee hat sich noch keineswegs für die Ministerialverordnung entschieden. Bei der letzten Sitznng wurde neben Herrn Dr. Sonnenschein, der den Verordnungsweg ernstlich erwogen hat, ein Korreferent — Herr Dr. Fiala (Brünn) — gewählt, der einen vielfach abweichenden Standpunkt einnimt. Es war daher ganz überflüssig, gegen einen nicht gesfaßten Beschluß ein Aufgebot von 19 Gemeinden in Kampfstellung aufmarschieren zu lassen. Ferner ist es eine bewußte Entstellung, wenn dem „Bund" die Absicht zugemutet wird, die religiöse Neutralität zu verletzen. Alles Rituelle ist aus dem Wirkungskreis des „Bundes" von vornherein ausgeschaltet. Für den 24. Februar ist eine Sitzung des Bundeskomitees einberufen. Auch die Dissidenten wurden eingeladen. Sollten sie sich gegen die Ausgestaltung des Bundes aussprechen oder gar nicht erscheinen, dann ist die Schaffung einer westösterreichischen Gemeindeorganisation in Aussicht genommen, der sich dann auch die galizischen Gemeinden, eines Bessern belehrt, werden anschließen können. So weit unser Gewährsmann. Zum Verständnis der sich widersprechenden beiden Teile der Resolution sei nur noch bemerkt, daß die polnischen Großisraeliten gegen einen lendenlahmen „Bund", wie der bisherige, nichts einzuwenden haben. Es soll aber nicht ernstlich reformiert, sondern fortgewurstelt werden. England (Von unserm Berichterstatter) Die gegenwärtige Lage der Ito=Bewegung Am verflossenen Sonntag sprachen Frau Zangwill und Herr Meyer-Spiel mann in einer Versammlung eines Eastendvereins der Ito. Man hatte erwartet, bei dieser Gelegenheit genaue Auskunft über den Bericht zu erhalten, den die Itokommission über das „Territorium" in Nordafrika erstattet hat; aber diese Erwartung wurde getäuscht. Herr Spielmann sprach über die jüngste Berliner Konferenz zur Schaffung einer neuen Kolonisationsorganisation und sagte, daß das aufgestellte Programm durchaus dem der Ito entspreche. Indessen müsse vermieden werden, daß zwei internationale Vereine mit denselben Zielen finanzielle Unterstützung verlangten. Er denke, die neue Organisation könne in der Zukunft nützliche Arbeit verrichten. Auf der Konferenz sei er mit Prof. Mandelstamm zusammengetroffen, der ihm gesagt habe, die Ito werde augenblicklich von den russischen Behörden nicht gestattet, und die russischen Juden könnten als gesetzestreue Bürger die Bewegung daher nicht unterstützen, indessen hoffe er, daß das Verbot bald zurückgezogen werde. Während der letzten zwölf Monate, fuhr Herr Spielmann fort, habe die Ito eines ihrer Kolonisationsprojekte ernstlich in die Hand genommen, und die Kommission habe Untersuchungen angestellt mit Bezug auf die leichte Zugänglichkeit des Gebietes für Flüchtlinge, das Klima, die Boden- und Wasserverhältnisse, die Lebensbedürfnisse, eine eventuelle Unterstützung durch die Großmächte und befriedigende politische Bedingungen. Das Komitee habe bereits die Erörterung über den Bericht begonnen, der demnächst gedruckt und veröffentlicht v/erden solle. Ein oder zwei Monate würden noch vergehen, bis eine Entscheidung getroffen werden könnte. Gleichzeitig beschäftigte sich die Kommission mit Plan Nr. 2, da augenblicklich der politische Moment für ihn reif sei und man keine Chance außer Betracht lassen wolle. Die Ito habe ein Dutzend Pläne an der Hand, von denen möglicherweise und erforderlichenfalls mehrere in Betracht kämen. Das bedeute indessen nicht, daß der Plan Nr. 1 fallen gelassen sei. Die Abteilung für Regulierung der Auswanderung habe ihre Tätigkeit wieder aufgenommen; in diesem Monat würden fünfzig Emigranten nach Galveston und Texas befördert werden. Das geplante jüdische Hospital Vor einiger Zeit brachten wir die Nachricht, daß eine jüdische Vereinigung im Eastend einen Fonds sammelt, um ein Hospital in diesem Viertel zu bauen, in dem die Patienten von jüdisch sprechenden Doktoren und Pflegerinnen behandelt würden. Anfangs standen die -maßgebenden Kreise der Gemeinde dem Unternehmen nicht reundlich gegenüber, jetzt aber ist die Sache in ein neues Stadium getreten. Zunächst hat das Komitee für den Bau des Hospitals Unterhandlungen wegen der Erlangung eines eignen Grundstücks angeknüpft, spdann aber ist es in Verbindung mit den Testamentsvollstreckern des verstorbenen Henry Barnato getreten, der250 000£ für die Errichtung eines Hospitals hinterlassen und die nähern Bestimmungen darüber in das Belieben der Testamentsvollstrecker gestellt hat. Heute verfügt die Gesellschaft nur über ein Vermögen von 1200 £. Wem sie indessen in den Augen der Testamentsvollstrecker Barnatos Gunst findet, wären alle Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt, und ihr Plan würde verwirklicht werden. Auf der andern Seite fürchtet die Verwaltung des großen London Hospitals die Errichtung eines eignen jüdischen Krankenhauses und ist bemüht, sie zu verhindern, da dieses Hospital besondere Abteilungen für jüdische Kranke hat, die dort koschere Verpflegung genießen, und da das Hospital aus diesem Grunde von jüdischen Philanthropen auf das reichlichste unterstützt wird. Die Freunde eines jüdischen Hospitals führen aus, daß in dem allgemeinen Londoner Hospital, wo jährlich über 50000 fremde Juden verpflegt werden, die Unkenntnis der jüdischen Sprache seitens der Arzte und Krankenschwestern eine genaue Diagnose der Kranken unmöglich macht und so deren Heilung verzögert. Im Laufe dieser Woche ward eine Konferenz stattfinden, zu der Vertreter des London Hospitals wie auch der neuen Vereinigung erscheinen werden, um die Frage zu diskutieren, ob es nicht möglich ist, innerhalb des bestehenden Hospitals eine besondere Abteilung zu schaffen, in der jüdisch sprechende Doktoren die jüdischen Patienten behandeln sollen. Rücktritt Lord Swaythlings vom Schechita Board Lord Swaythling, der fast 40 Jahre der Leitung des Schechita Boards in London vorgestanden hat, ist wegen vorgerückten Alters von seinem Präsidentenposten zurückgetreten. Zwar versuchte eine Deputation ihn zu veranlassen, von der Ausführung seines Rücktrittentschlusses abzusehen, aber ohne Erfolg. In einer besondern Versammlung des Boards gab der Chief Rabbi Dr. Adler dem Bedauern Ausdruck, das die ganze Gemeinde über den Schritt empfände, den zu tun seine Lordschaft sich entschlossen habe. Lord Swaythling wird dem Schechita Board auch weiterhin, und zwar als Ehrenpräsident angehören. Türkei (Von unserm Berichterstatter) Saloniki Der Zionismus erobert sich in unserer Gemeinde immer neue Verteidiger und Mitarbeiter. Es vergeht keine Woche, in der nicht wenigstens eine der hier erscheinenden jüdischen Zeitungen kürzere oder längere Artikel über den Zionismus bringt. Die Mitglieder des in unserm letzten Berichte erwähnten „Cercle des Intimes", der hier sehr großes Ansehen genießt, haben sich zum größten Teil bereit erklärt, an der Bildung eines jüdischen Zentrums in Palästina, der Verbreitung der hebräischen Sprache und sonstigen nationalen Arbeiten mitzuwirken. Man ist in diesen Kreisen fest überzeugt, daß es binnen kurzem gelingen wird, auch die wohlhabenden Juden zu bewegen, der Bewegung ihre materielle Uuterstützung zu leihen. Aber nicht nur unter den Juden, sondern auch in weiten Kreisen vorurteilsloser und liberal denkender Muselmänner begegnet der Zionismus einer immer mehr wachsenden Sympathie. Bezeichnend hierfür ist ein Artikel, den die hiesige Tageszeitung „Jeni Asr" am 13. Januar veröffentlicht hat. Diese Zeitung erscheint bereits im 14. Jahrgang und gilt als eines der liberalsten und angesehensten Blätter der Türkei. Das Blatt genießt auch einen hohen Ruf als ein durchaus vaterlandstreues Organ, dessen Spalten allezeit jeder Idee offen stehen, die geeignet ist, dem ottomanischen Reiche zu nützen. Bereits vor einiger Zeit brachte die Zeitung einen Artikel aus der Feder Moses Cohens über die Kolonisation und Emigration der Juden in der Türkei. Der jetzt veröffentlichte Aufsatz hat den Professor Adil Bey zum Verfasser. Professor Adil Bey ist Mitglied des Komitees „Union et Progres" und gilt als liberaler, nicht chauvinistischer Politiker. Wir entnehmen seinem interessanten Aufsatz folgende Stellen: „Seit der Verkündigung der Verfassung bemühen sich alle unsere Mitbürger, Mohamedaner oder Nichtmohamedaner, gesetzmäßigen Nutzen aus der neuen Lage zu ziehen. Auch die Israeliten, die bisher unserem politischen Leben fremd gegenüber gestanden haben, beeilen sich ebenfalls, die allen gewährte Freiheit und Gleichheit auszunutzen..... Wir erfahren, daß einige junge Israeliten Maßregeln ergreifen, um die Zahl, der in der Türkei wohnenden Juden zu

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