Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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<No. 4 ooooooooo si^sr ■ses. Dit;w:ELT---- NACHRICHTEN 87 ^°^c o o o o o o o 3 Österreich (Von unserm Berichterstatter) Dr. Franz Oppenheimer und die Poale=Zion Wie uns von einer der Exekutive der Poale-Zion Österreichs nahestehenden Seite mitgeteilt wird, kommt Dr. Franz Oppenheimer im April dieses Jahres nach Lemberg (oder Wien), um ein von der poalezionistischen Partei organisiertes nationalökonomisches Seminar eine Woche durch zu leiten. Im Seminar werden vor allem der Marxismus, die Agrarfrage und die Siedlungsgenossenschaft studiert werden. Die Seminarteilnehmer werden dann für den Genossenschaftsgedanken Propaganda machen. Jüdische Bühne In Wien wurde ein Verein „Jüdische Bühne" gebildet. Sein Zweck ist die Aufführung von Werken jüdischer Bühnenautoren. Mit den Künstlerkräften des Ensembles unter der Leitung des Herrn Egon Brecher werden nunmehr regelmäßig jeden Sonntagnachmittag im „Intimen Theater" jüdische Theatervorstellungen stattfinden. Der Erfolg dieser Bühne wird uns darüber belehren, ob die Juden Wiens für jüdische Kulturwerte ein dauerndes Interesse haben. Antisemitischer Boykott in Lemberg Die polnischen Hausbesitzer Lembergs am Maryacki- und Malickiplatz und der umliegenden Gassen haben beschlossen, jüdischen Kaufleuten in diesem Viertel keine Geschäftslokalitäten zu vermieten. Ein kostbares Pfand freundnachbarlicher Gesinnung der Lemberger Polen. Es verlautet, daß der Minister a. D. und Führer der christlichsozialen Partei Dr. Geßmann eine Reisenach der Hauptstadt Galiziens zu unternehmen gedenkt. Wenn nicht alle Anzeichen trügen — die Entstehung der Polnischen christlichsozialen Partei in Krakau, das unverblümte Antisemitein der Stapinskischen Volkspartei und des neugebildeten Polnischen Volksbundes, schließlich die „schärfere Tonart" der Nationaldemokraten —, alles läßt vermuten, daß dem Chef der Wiener Rathaus- und Reichspartei in Lemberg ein warmer Empfang sicher ist. Vortrag im Kolonisationsverein Im Wiener Jüdischen Kolonisationsverein sprach Montag den 11. d. J. der Maler Herr Millich-Millichhofer über Palästina. Herr Millich hielt sich mehrere Jahre in Syrien und Arabien auf und kann mit Fug zu den gründlichen Kennern Palästinas, des Landes und der Bevölkerung zählen. Der Vortrag war eine mit Lichtbildern und Aufnahmen des Herrn Millich reich illustrierte Reisebeschreibung — „Von Edom bis Moab". Der Vortragende stellte unter anderm eine Hypothese auf, die nicht uninteressant ist. Er meint, daß das Land östlich des Jordans fruchtbarer ist als das eigentliche Palästina; es sei kein Zufall, daß die Juden diesen Weg auch unter Moses eingeschlagen haben. Ostjordanien sei das natürliche Einfallstor Palästinas. Es ist gut, daß der Jüdische Kolonisationsverein uns durch Veranstaltung derartiger Vortragsabende an seine Existenz erinnert. Er führt in der letzten Zeit, leider, ein allzu beschauliches bürgerliches Dasein. Die Lemberger Kahalkonferenz Der Bundestag der jüdischen Gemeinden Österreichs beauftragte ' das gewählte Bundeskomitee, einen Organisationsentwurf für einen zu schaffenden, gesetzlich anerkannten Verband der jüdischen Gemeinden Österreichs auszuarbeiten und ihn dem nächsten Gemeindetag zur Beschlußfassung zu unterbreiten. Das Bundeskomitee trat am 26. November vorigen Jahres zu einer Sitzung zusammen, um den Entwurf des Referenten, Herrn Dr. Theodor Sonnenschein (Troppau) in Beratung zu ziehen. Aus Galizien erschienen zu dieser Sitzung außer den Komiteemitgliedern, die der zionistischen Partei Galiziens angehören, auch die Herren R. v. Horowitz, Dr. Schaff (Lemberg) und Kais. Rat Rauch (Stanislau). Die letztern Herren, die bekanntlich einer politischen Richtung huldigen, die im Parlament durch die Polenklubsjuden vertreten ist, erklärten schon vor Eröffnung der Verhandlungen im Namen ihrer Gemeinden, daß sie den Beschluß des Gemeindetages, eine gesetzlich anerkannte Organisation der jüdischen Gemeinden Österreichs zu bilden, nicht respektieren wollen, da der Gemeindetag illegal zusammengesetzt war und es unterlassen hat, die Delegiertenmandate zu prüfen. Die kleinen Gemeinden Galiziens waren absolut stärker vertreten als die großen. Der Beschluß des Gemeindetages bedrohte die Autonomie der Einzelgemeinden. „Sie können daher mit Rücksicht auf die besondern Verhältnisse Galiziens nicht weiter mittun." Die Herren verließen daraufhin den Beratungssaal, ohne das Organisationsreferat anzuhören. Es war ihnen somit nicht vergönnt, zu erfahren, daß Herr Dr. Sonnenschein Anträge zur Sicherung der Gemeindeautonomie eingebracht und die Bildung von Landesverbänden beantragt hat. Wie uns von gut informierter Seite mitgeteilt wird, schlug sogar der Referent die Schaffung von zwei galizischen Provinzialverbänden vor, — eines west- und eines ostgalizischen Landesverbandes. Die Sezession der israelitischen Polen war das Zeichen zu einer ungezügelten, leidenschaftlichen, rücksichtslosen Agitation der Assimilanten und der mit ihnen verbündeten oder von ihnen abhängigen Orthodoxen und Zadikim-Anbeter. Vor mir liegt eine Nummer des „Kol machtike Hadath" („Stimme der Glaubensförderer") vom 20. November v. J. Der Leitartikel ist verheißungsvoll überschrieben: „Rüstet zum Kampfe für Gott Zawaoth!" Ein zweiter, dem „Gemeindebund" gewidmeter Artikel, heißt: „Der Rat der Goim." Was in diesen Hetzschriften an Demagogie und Entstellung der Wahrheit geleistet wird, entzieht sich jeder Wiedergabe. Dem „Bund", der jede Einmengung in rituelle und religiöse Angelegenheiten grundsätzlich ablehnt, wird vorgeworfen, daß er den Gesetzestreuen den Krieg erklärt. Es wird das Gespenst einer drohenden schweren Reichsbesteuerung heraufbeschworen, die nie geplant war. Köstlich sind die politischen Aspirationen der Inspiratoren der frommen Hetzartikel. Da wird angedeutet daß „unsere Politiker" seit Jahren für die Erweiterung der Autonomie Galiziens nach magyarischem Muster eintreten, ein Zusammengehen mit den Wiener Juden, deren „Jüdischkeit" sehr angezweifelt wird, und den „Moravtschikes" wird ebenso verworfen, wie etwa ein Anschluß an die Budapester „Chasirniks". ... In diesem Stil geht es Spalten hindurch. Von so frommen Wünschen beseelt, des Segens des Wunderrabbis von Bels sicher, luden nun die Präsidenten der Lemberger und Krakauer Kultusgemeinden für den 12. Jänner 19 jüdische Gemeinden Galiziens zu einer Konferenz ein. Man sieht, die Dissidenten waren äußerst vorsichtig und gingen behutsam zu Werke. Von etwa 250 jüdischen Gemeinden Galiziens wurden nur 19 auserkoren! Es erschienen zur ursprünglich geheim gedachten Beratung die Delegierten aus Krakau, Lemberg, Jaslo, Jaroslau, Przemysl, Neusandez, Brody, Buczacz, Czortkow, Drohobycz, Kolomea, Sambor, Sanök, Stanislau, Stryj, Tarnopol, Tarnow, Zloczow und Zolkiew. Es zeigte sich, daß sogar in dieser auserlesenen Schar von Horowitz- Schaff-Anhängern Freunde der Organisation waren. Nach langer Debatte, in der sich die Ultraorthodoxen überhaupt gegen jede Organisation ausgesprochen haben, wurde folgende Resolution gefaßt: I. In Erwägung, daß die Organisation der Juden Österreichs, die von dem am Gemeindetag v. 27. April 1908 eingesetzten Komitee geplant wird, im Wege einer Ministerialverordnung als Vollzugsvorschrift zum Gesetz vom 28. März 1890 in formaler Hinsicht fast undurchführbar ist; in weiterer Erwägung, daß der Entwurf der Ministerialverordnung in meritorischer Richtung Bestimmungen umfaßt, die sehr gewichtige Einschränkungen der bisherigen Autonomie der Gemeinden enthalten, wodurch die galizischen Kultusgemeinden von dem Zentralorgan in Wien in Abhängigkeit geraten würden; in fernerer Erwägung, daß die Verhältnisse der galizischen Judenschaft im allgemeinen, insbesondere in religiöser und ritueller Beziehung anders als in den westlichen Kronländern gestaltet sind; in Erwägung, schließlich, daß im Falle des Zustandekommens der geplanten Organisation der religiöse Frieden in den galizischen Gemeinden ernstlich gefährdet wäre, — erklären sich die am 12. Jänner d. J. versammelten Vertreter der (oben aufgeführten) Gemeinden gegen den vorgelegten Entwurf einer Vollzugsvorschrift. II. In Erwägung, daß zum Zwecke des Rechtsschutzes (?) der ganzen Judenschaft Österreichs es notwendig erscheint, durch eine autoritative Körperschaft, die alle Juden Österreichs repräsentieren soll, die Stimme erheben zu können (!?); in weiterer Erwägung, daß zwar eine solche Organisation wünschenswert ist, jedoch auf gesetzlichem, verfassungsmäßigem Wege, angesichts der gegenwärtigen politischen