Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-01-22 · 4 (22.1.1909) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
4 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316356--51537-3345184
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Reichsratsabgeordneten Adolf Stand. Redner befaßt sich in der Eröffnungsansprache vornehmlich mit der Frage des Verhältnisses des Jüdischen Klubs zur zionistischen Partei Galiziens. Das Verhältnis ist ungeklärt Der Jüdische Klub ist nicht die parlamentarische Vertretung der zionistischen Organisation, er hat keine Partei, der er verantwortlich wäre, auf die er sich stützen könnte. Daher kann der Jüdische Klub auf parlamentarischem Boden nur defensiv vorgehen. Daran ist die künstliche Teilung in eine zionistische und jüdisch-nationale Partei schuld. Es gibt kein jüdischnationales Programm, sondern ein zionistisches. Die Abgeordneten sollten ihre Stellung und ihren Einfluß in den Dienst der zionistischen Agitation stellen. Redner bedauert die Spannung zwischen der zionistischen Partei und der Poale-Zion. Beide Parteien haben eine Reihe gemeinsamer Aufgaben, die ein Zusammengehen als notwendig erscheinen lassen. Das abtretende Distriktskomitee arbeitete im verflossenen Jahr an dem Ausbau der zionistischen Organisationen Podoliens und kann mit Befriedigung auf die Erfolge seiner Tätigkeit hinweisen (Beifall). Die Wahl des Bureaus ergibt folgendes Resultat: Del. Schwarz (Czortköw), Vorsitzender, die Herren Sternberg (Kopoczynce) und Heiin (Jezierna) werden zu Stellvertretern gewählt. Herr Dr. Landau erstattet den Rechenschaftsbericht. Die zionistische Organisation Podoliens zählt in 40 Ortschaften Vereine und Vertrauensmänner. Das Distriktskomitee setzte überall, wo das Entstehen einer Organisation gefördert werden konnte, Organisationskomitees ein, die jedoch nicht immer die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllten. Im Laufe des Jahres wurden im Distrikt 70 Versammlungen veranstaltet. Die Organisationen erschweren die Arbeit des Distriktskomitees, indem sie von ihm Redner und Agitatoren verlangen. Indes könnte manche Organisation mit den heimischen Kräften recht gut ihr Auskommen finden. So erhält die zionistische Organisation in Husiatyn aus eigener Kraft eine ausgezeichnete Toynbeehalle. Neue Vereine sind entstanden in Kopoczynce, Mikulince, Husiatyn, Janöw, Jezierna, usw. Das Distriktskomitee erhielt 800 Briefe und versandte 1800 Schreiben. Es organisierte 20 Makkabäerfeiern und gab für die Gauorganisafionen ein Organ „Slowo Zydowskie" heraus. Der Wert der Presse wird von den Organisationen ungenügend gewürdigt. Daher wurde das erwähnte Wochenorgan wenig unterstützt, auch für das „Tagblatt", den „Wschöd" und die „Jüdische Zeitung" wurde unzureichend agitiert. In Tarnopol, dem Sitz des Distriktskomitees, ist ein Turnverein „Bethar" entstanden und die Aktion zur Erbauung eines Nationalhauses machte erfreuliche Fortschritte. Redner schildert eingehend den Stand der Einzelvereine und bittet um das Absolutorium (Beifall). Herr Dr. Nußbaum erstattet den Kassabericht. Das Distriktskomitee, wird in seiner Wirksamkeit durch sein Defizit gehindert. Die zugestandenen 50°/o der Parteisteuer und 20°/o der Schekel reichen zur Deckung der Ausgaben nicht aus. Es sind 991 K. Schekel (= 826 Schekelzahler) und 664 K. Landesparteisteuer eingelaufen. Die Sammlungen für den Jüdischen Nationalfonds weisen einen stetigen Fortschritt auf. Am 9ten Ab allein wurden im Gebiete des Distrikts 400 K. gesammelt. Die Ausgestaltung der Büchsensammlungen läßt trotzdem viel zu wünschen übrig. Zur Deckung des Defizits ist eine Besteuerung der Vereine notwendig. Unterbreitet eine Reihe diesbezüglicher Anträge. In der Debatte ergriffen die Delegierten Eisenstein, Hausmann, Hirschhorn und Günsberg das Wort. Auf eine Anfrage des Del. Pöhoriles warum der Obmann des D.-K., Herr Dr. Wald mann, der in so enthusiastischer Weise für die Wahl jüdisch-nationaler Abgeordneten eingetreten ist, nunmehr den Klub angreife, erwiderte Dr. Waldmann: er betrachte nach wie vor die Existenz eines jüdischen Klubs für einen Erfolg der zionistischen Sache. Allein der Jüdische Klub müsse der zionistischen Partei Österreichs verantwortlich sein und nicht einer fiktiven jüdischen Nationalpartei! Nachdem dem abtretenden Distriktskomitee das Absolutorium erteilt wurde, ergriff, stürmisch akklamiert, Abgeordneter Ad. Stand das Wort. Abg. Stand führte beiläufig aus: „Mein Vorredner berührte das Verhältnis des Jüdischen Klubs zur zionistischen Partei und warf dem Klub vor, daß er kein Programm besitzt, daß sein Verhältnis zur Partei ungeklärt sei und lediglich eine Schwächung des Zionismus und der Landespolitik bedeute. Ich weise alle diese Anwürfe als nicht gerechtfertigt zurück. In den zwei Jahren des Bestandes des Jüdischen Klubs im österreichischen Reichrat hat sich nichts geändert. Ich bin derselbe wie einst. Für den Zionismus konnte ich im Parlament nicht eintreten. Dazu gab es keine Gelegenheit. Jedoch außerhalb des Parlaments habe ich für unsere Idee mit mehr Nachdruck, als bisher, gewirkt. Ich sprach in Volksversammlungen in Köln, im Haag, auf dem Kongreß setzte ich mich für reale Arbeit in Palästina ein. Ich fehlte bei keiner Sitzung des zionistischen Aktionskomitees, habe tätigen Anteil genommen an der Begründung der Allgemeinen jüdischen Kolonisations-Organisation (A. J. K. O.), stehe in ständiger brieflicher Verbindung mit den Leitern der zionistischen Partei, habe mich bei den Wiener Kultuswahlen öffentlich für die zionistische Opposition eingesetzt, ich habe in den letzten Tagen bei zionistischen Versammlungen in Brünn und Stryj gesprochen, — werde heute hier das Wort ergreifen, — und immer vertrete ich das rein zionistische Programm, keine Silbe über Landespolitik. Die jüdischnationale Politik ist in der Tat nicht zionistisch, sie ist aber notwendig und bedeutsam vom allgemein-jüdischen und zionistischen Standpunkt. Unsere Volksmassen sind noch nicht diszipliniert und kommen bei praktischer Palästinaarbeit nicht in Betracht. Wir müssen die Massen erst schulen. Auch über den Toalezionismus wurde hier viel geredet. Vielen gilt er als schädlich. Ich teile diese Ansicht nicht. Für mich ist der Kampf ein Moment des Lebens, die Ruhe — das Kennzeichen des Todes. Wenn ich die Kämpfe beobachte, die heute über die Probleme — jüdisch oder hebräisch, Poale-Zion oder bürgerlicher Zionismus — ausgefochten werden, erblicke ich darin einen Beweis, daß die Bewegung lebt. Ich stehe an der Seite der Hebraisten und der Bürger. Ich glaube aber, daß der Poale-Zionismus eine notwendige Erscheinung ist. Die Vielfältigkeit und Verschiedenheit der Instrumente bedingt die Harmonie im Orchester. Die entferntesten Flüsse vereinigen sich im Meere. Aber auch die Poale-Zion dürfen nicht vergessen, daß sie nicht nur Sozialisten (Poalim), sondern auch Zionisten sind. Ich bekämpfe die Richtung Kaplansky. Aber die heute in Galizien vorherrschende Richtung ist nützlich und fruchtbringend für den Zionismus". (Stürmischer Beifall). Die Sitzung wird unterbrochen. In der um 11 Uhr eröffneten Nachtsitzung referierte Herr Chaim Schmetterling über die Palästinaarbeit. Nach einer zweistündigen eingehenden Diskussion wurden die Anträge des Referenten angenommen. In das neue Distriktskomitee wurden gewählt die Herren: Dr. Israel Waldmann, Dr. Wilhelm Landau, Dr. Natan Nußbaum, Abraham Podhorzer, Sussmann Wehler, Dr. Schimon Weichert und Meir Wander. Um 3 "Uhr in der Nacht wurde der Distriktstag geschlossen. Lemberger Distriktstag Sonntag den 10. d. M. fand in Lemberg im Saal des Vereines „Tikwath Zion" der Delegiertentag der zionistischen Organisationen des Lemberger Distrikts statt. Es sind 80 Delegierte erschienen. Ins Präsidium wurden gewählt: zum Vorsitzenden Del. Tartakower (Brody), die Herren Schönbach (Sanok) und Pasweg (Przemyslany) zu Stellvertretern, Dr. Löwenherz (Lemberg) und Del. Fränkl (Moseiska) zu Schriftführern. Herr Dr. Brau de begrüßt den Distriktstag im Namen des Zentralkomitees, konstatiert, daß eine gewisse Verdrossenheit herrscht, und führt sie auf die überspannten und übertriebenen Erwartungen, die an den Ausgang der Reichsratswahlen geknüpft wurden, zurück. Das Zentralkomitee war in seiner Leistungsfähigkeit arg behindert, denn Schekel und Parteisteuer erreichten nicht die Höhe, die sie erreichen sollten. Indes der finanzielle Aufschwung des Nationalfonds und das Anwachsen der Sammlungen für palästinensische Institutionen berechtigen zu optimistischen Hoffnungen. Abg. Dr. Gabel begrüßt den Distriktstag im Auftrage des Jüdischen Klubs. Der Lemberger Distrikt war stets das Herz der zionistischen Bewegung Galiziens. Redner erwartet, daß der Distriktstag die Initiative ergreifen wird zu einer Organisation eines Jüdischen" Rechtschutzbureaus, daß er eine Aktion zur Gründung hebräischer Schulen einleiten und versuchen wird, mit dem Hilfsverein in Berührung zu treten. Herr Dr. Löwen berg erstattet den Bericht. Dem Distriktskomitee unterstehen 64 Städte. Überall bestehen Nationalfondskommissionen. Es wurden insgesamt 136 Versammlungen veranstaltet. Ein Agitator hielt in der Provinz 30 Versammlungen ab. Die Unterstützung der Provinz war ungenügend. Für Nationalfonds wurden 7774 K. gesammelt. An Schekeln sind 1305 K. {==890 Schekelzahler) und 429 K. Parteisteuern eingelaufen. Es wurden zwei Palästina-Zeitschriften („Palästina", polnisch, und „Serubabel", jüdisch) herausgegeben. Nach einer eingehenden Debatte wurde dem abtretenden Distriktskomitee die Decharge erteilt. In der Nachmittagssitzung referierte Herr Dr. David Schreiber über die „nächsten Aufgaben" der Parteiarbeit. Redner meint, die herrschende Unzufriedenheit wird durch eine systematische Alltagsarbeit für Palästinainstitutionen verscheucht werden. Referent unterbreitet eine Reihe von Anträgen bezüglich des „Bezalel", der Palestine Land Development Company, des Nationalfonds, der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.