Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4 DIE^EELT 83 „Der beste Eßrog2) ist nicht wert, was er kostet". Mir scheint es bestimmt,' daß, wenn ich an Deinem Platze wäre, und bemerkt hätte, daß man meine Schreibereien verlange, so würde ich sagen: „Brüderchen, gebt ihr mir so und so viel, ist gut, sonst sucht euch einen anderen!" Was ist da zu genieren? Entweder — oder! Werden sie so viehdumm sein und Dir geben, wieviel Du verlangst, dann mögen sie den Honigkuchen essen, Du hast ja immer noch Zeit, den Preis zu erniedrigen. Verlangt muß werden, und man muß die Backen voll nehmen! Ich würde mich so stellen, daß das nichtsnutzige Gesindel vor mir die Füße strecken und ins Gras beißen müßte. Die Erde müßten sie kauen! Wie sagt die Mutter: „Bin ich, so bin ich; bin ich nicht, so bin ich nicht. . Verstehst Du denn den Sinn dieser Worte? Du begreifst ja gar nicht, wie so ein Sprüchlein den Nagel auf den Kopf trifft. Ein Hanswurst, wie Du, hat nur Sinn für Possen und Gaukeleien, wie z. B. Dein Vergleich mit dem Dienstmädchen, — es sei die Kaporoh3) für mich, zusammen mit Deiner Herberge-Wirtin, trotzdem sie, wie Du sagst, ein gutes Herz habe, und Deinen Chaim-Jankiel Ungeschick umsonst speist! Daß Du mir so ein Brimborium vormachst und solche Vergleiche anstellst! Es paßt, wie die Faust aufs Auge. Ist in Deinem Kopfe eine Schraube losgegangen? Schöne Vergleiche! Just so, wie meine Mutter sagt: ,,Es ist ein Gleichnis, wie das mit den denzweiBrüdern, von denen einer auf einem Bein hinkte und der andere — mit alten Kleidern hausierte4' . . . Was Du einem mundgerecht machen willst, werden zehn Weise nicht erdichten. Ein Geschäft erfunden — Leute von der Straße abfassen und sie von Kopf bis Fuß beschreiben! Aber wie gesagt, sind solche alberne Gecke da, die dafür Geld zahlen, — „hol' sie der Wattemacher!" Nur weiß ich nicht, wie sie Dir zahlen: per Stück oder per Gewicht, pro Tag, pro Stunde, oder weiß der böse Geist wie? Sieh nur zu, Mendel, daß sie Dich nicht ins Garn locken, und daß sie Dich nicht bei der Abrechnung übervorteilen und Dir die Haut abziehen. Zerstreut und konfus, zahm, sanftmütig und leichtgläubig, wie Du bist, mein Sterngucker, wirst Du noch so abschneiden, wie die Dienstboten bei meiner Mutter, die zu erzählen pflegte, daß wenn sie eine Magd anstellt, sie ihr zunächst einige Hiebe versetzt, wegen der Angewöhnung und ihr Makkes4) zu essen gibt; dann beginnt sie ihr vom Lohn Abzüge zu machen, für die halben Tage, die sie müßig zugebracht, für die Gläser, die sie zerbrochen, für die Gefäße, die „treife"5) geworden sind, für das Röckchen, daß vom Kälbchen zerkaut, für den Federwisch, der vom Hunde weggetragen und für alle sonstige Schäden, so daß der Dienstmagd nur „Fieber4', aber kein Geld zurückbleibt. Einem Taugenichts, wie Du es bist, kann auch so etwas leicht passieren; verstehst Du ja nie dein Schäfchen ins Trockene zu bringen. Dir kann man halt alles zutrauen. So ein Einfaltspinsel, unerhört! Man bittet Dich, Du möchtest für Warschau schreiben, -) Paradiesapfel, über welchen am Laubhüttenfeste ein Segen gesprochen ist. 3) Sühne-Hahn oder Henne, welche am Vorabend des Versöhnungstages, nach altem Brauch, als symbolisches Sühnopfer dargebracht werden. (Im übertragenem Sinne wird das Wort von Menschen und Dingen gebraucht, die lästig und unangenehm sind). 4) Hiebe, Schläge. Figürl.: Plage, Elend (auch in der Benutzung von „Nichts".) 6) Was nach £en jüdischen Speisegesetzen nicht erlaubt ist. und man will Dir dafür Geld zahlen, — schreib doch! Was fängst Du Grillen? Was ist da zu sparen? Das bißchen Tinte? Die Hauptsache ist, daß man Dir zahle und gut zahle! Aber wird denn Dir jemand gut zahlen? Gott verdamme mich, ob Du Verstand hast, richtige Gebühren zu verlangen! Wäre ich mit Dir zusammen, dann ginge ich Dir an die Hand; ich hätte schon die Leute an der Schnur und würde sie zu Paaren treiben und stramm aufziehen, daß es ihnen „finster vor den Augen würde". Ich verstände es schon, sie richtig zu hantieren. Mich würden sie nicht rupfen; klein müßten sie beigeben — oder mögen sie sich einen anderen Beschreiber suchen! Aber das ist eine Geißel Gottes, daß ich nicht zusammen mit Dir sein kann. Zwar begreife ich nicht, warum Du wegen dieses neuen Geschäfts durchaus in Jehupez herumschwadronieren und ausgerechnet in jener Herberge hocken mußt. Ich dächte, in Mazepewke seien auch Menschen vorhanden, denen man, wenn man sie beschreiben will, auf der Straße begegnen kann und — wie du sagst, schreibe los! Ja, in Deinem Kopfe, Mendel, sieht es kunterbunt aus. Ist es wirklich notwendig, draußen umherzustreichen? Ich sitze zu Hause und beschreibe mir alle, die mir nur in den Sinn kommen. Aber vielleicht hast Du Recht, Mendel, meinetwegen möge es so sein; erkläre mir aber doch, damit ich begreifen soll, was ich bin, „milchig oder fleischig." Wie sagt dieMutter, soll leben? „Verstand soll man auch von einem Narren lernen". Nimm es mir nur nicht übel, daß ich Dir die Wahrheit sage. Es ist auch gar keine Schande — wie die Mutter sagt: „Schimpfe mich einen Narren, nur nicht einen liederlichen Kerl". Und ein liederlichen Kerl bist Du doch wahrhaftig nicht; Dein schlimmster Feind wird Dich nicht als einen gemeinen Genußmenschen bezeichnen. Sie lachen über Dich, sie machen Dich zum Gespött, sie tragen sich mit Deinen Beschreibungen herum, wo nur zwei zusammen sind,bistDu derDritte,„Menachem-MendelundMenachem- Mendel", — was hast Du diesen Geifermäulern getan? Es ist lauter Neid! Man gönnt Dir nicht! Was da zu beneiden ist! Ich würde ihnen die Ehre und Deinen schönen Namen gönnen; überlasse ihnen die Ehre — und mir — das Geld und „mögen sie ihre Köpfe an die Wand schlagen", wie es Dir wünscht mit Gesund- und viel Glück für heute und alle Zeit Deine wirklich getreue Frau Scheine-Scheindel Du sagst, Schreiben sei ein Geschäft. Nun haben wir auch einen Schreiber, der für die Zeitungen schreibt, es stellte sich aber heraus, daß er ein verkappter Angeber ist. Am letzten Erew-(Rüsttag)-Jom-Kipur wurden während der Kaporoth-Schächtens Groschen für unsere Rabbinen, die vor Hunger sterben, gesammelt. Dies erfuhr der Schreiber und verlangte, man soll ihm drei Hunderter bezahlen, sonst drohte er, eine Anzeige an die Behörden zu machen, daß man außer der Fleischsteuer noch extra gesammelt hat. Mit Not und Mühe ist es gelungen, die verlangten Dreihundert auf hundert herabzusetzen. Aber der Hunderter ist ihm schlecht bekommen. Sofort wurde gegen ihn eine Anzeige wegen Erpressung gemacht und das Ende war, daß er zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden ist. Er war unzufrieden und legte Berufung ein, aber die höhere Instanz fügte ihm noch zwei Monate hinzu. Hamans Niederlage! Sonst ist bei uns nichts Neues. Jankiel Pesses ist gefährlich krank; Chaje, die Muhme