Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Recht vorsichtig freilich fuhr er fort: „Von heute ab werden wir Beweise von diesem Einvernehmen allen Nationalitäten geben, indem wir in unsern Schulen ein einheitliches und patriotisches Unterrichtssystem einführen, die Militärschulen für die nichtmoharnrnedaniscten Elemente öffnen und den Militärdienst für alle Nationalitäten allgemein machen." So erfreulich die beiden letzten Ankündigungen sind, so ungewiß bleibt die Auslegung der Regierungsabsichten in der Schulfrage. Die Anfänge ihrer Verwirklichung in Mazedonien stehen unter keinem glücklichen Sterne. Eben erst wieder hat der ökumenische Patriarch dem griechischen Bischof in Salonik strenge Weisung gegeben, der Staatsforderung auf Einführung des türkischen Unterrichts in das griechische Schulprogramm eine absolute Weigerung entgegenzusetzen. In der Kammer haben die Bulgaren ein erstes Zeichen ihres nationalen Willens gegeben, indem ihr Delegierter Pontscho Doreff, freilich ohne Eindruck zu machen, gegen angebliche Wahlzurücksetzungen Einspruch erhob und als einziger gegen das Ministerium plädierte. Die gemeldete syrische „Proklamation" im Pariser „Journal" RABBI RAFAEL AHRON BEN SCHIMON KANDIDATEN FÜR DIE hat sehr böses Blut gemacht. Von nicht weniger als drei Seiten sind Gegenproteste erfolgt: erst haben die eignen Brüder des für ein „Komitee" unterzeichneten Syrers Montran, dann die liberalottomanische Partei Prinz Sabaheddins, als deren Mitglied er sich fälschlich bezeichnete, und schließlich die syrischen Abgeordneten in der Kammer ihn von ihren Rockschößen geschüttelt. Man will von syrischen Separatipnsgelüsten nichts wissen und«bezeichnet das Manifest Montrans als' unsinnig und verräterisch. Von der Hedschasbahn Auf Beschluß des Ministerrates, der schon durch ein kaiserliches Irade seine Bestätigung erfahren hat, wird der Vorschlag des Generaldirektors der Finanzverwaltung der Hedschasbahn in Ausführung gebracht werden. Danach soll eine Anleihe von 60 OOO Pfund (etwa 1 200 000^) bei der Ottomanbank und eine in zwei Jahren in Raten von 50 000 Pfund zu leistende Anleihe von 100 OOO türkischen Pfund bei der Landwirtschaftsbank aufgenommen werden. Diese Summen sollen zur Deckung eines Teiles der auf 1 200 000 Pfund veranschlagten Baukosten verwendet werden. Die Hedschasbahngesellschaft überläßt dafür der Landwirtschaftsbank die Einziehung aller wesentlichen Einnahmen, unter anderm auch die aus den Stempelgebühren, welche die Bevölkerung schon seit zehn Jahren zahlt, und außerdem alle Einnahmen aus dem Betrieb der Hedschaslinie auf ^wei Jahre. Auf diese Weise werden die Baugelder angesammelt, und der Plan kann zur Ausführung gebracht werden. Nach Vollendung der Strecke bis Mekka und Medina wird in Ausführung eines früheren Beschlusses die Strecke von El Ala nach Jerusalem gebaut. Die Hohe Pforte hat den zuständigen Verwaltungen diese Beschlüsse bereits mitgeteilt. Das Ende der Chacham-Baschi=Wahl in Sicht Wie ich bereits telegraphisch meldete, ist nun doch die Bestätigung der Kandidatenliste erfolgt. Keine diplomatische Erkrankung hat die Sitzung des Waad ruchani am Dienstag den 12. verhindert, aber der Kaimakam hat der Weigerung des Waad, im Lokal des Konsistoriums zu tagen» nachgegeben und die Rabbinerversammlung in das Beth-din-Haus zu Balat einberufen. Das offizielle Protokoll der Versammlung lautet folgendermaßen: „Wir, die Mitglieder des Mischlisch umurni ruchani, versammelt heute in Sitzung zwecks Äußerung über die genannten Kandidaten für den Großrabbinerposten, haben nach einigen Erörterungen mit Stimmenmehrheit beschlossen, die vorgeschlagenen Kandidaten zu akzeptieren. Als Beurkundung dessen unterzeichnen wir 19. Tewet 5669" . . . (folgen die Namen der Rabbiner, mit dem Rosch Beth din, Nissim Mosche Amon, am Schlüsse.) — Nach dem Ergebnis dieser Vorwahl ist das Resultat der endgültigen schon heute entschieden. Wenigstens ist nicht abzusehen, RABBI ABRAHAM DANON CHACHAM-BASCH1-WAHL wie es sich ereignen sollte, daß der gegenwärtige locum tenens nicht Großrabbi wird. Die Schlußwahl erfolgt am Sonntag den 24. Januar. Der Deputierte Carasso über den Zionismus „La Epoca" publizierte in ihrer Nummer vom 15. Tewet ein Interview ihres Redakteurs mit dem jüdischen Vertreter von Salonik, Emanuel Effendi Carasso, in dem dieser folgende höchst bezeichnende Äußerungen über den Zionismus macht. „Was denkt das jungtürkische Komitee, wie denken Sie selbst über den Zionismus?" fragte der Redakteur. „Über den Zionismus?" antwortete Carasso. „In seinen Anfängen mag das Ziel, das seine Initiatoren sich vorgesetzt hatten, von seiner heutigen Gestaltung verschieden gewesen sein. Wie es heute ist, läßt sich jedenfalls nicht leugnen, daß er in vielen Punkten im Rechte ist. Die Kolonisierung ausländisch-jüdischer Gruppen, die, indem sie die ottomanische Staatsangehörigkeit annehmen, ihre Kapitalien, ihre Aktivität, ihre Künste und ihr Wissen in unser Land ziehen würden, wird dem ottomanischen Reich und Volk sehr viele Vorteile bringen. Heute, wo wir die Freiheit der Gedanken besitzen und die Möglichkeit, sie offen und in aufgeklärter Weise zu diskutieren, glaube ich, kann diese Bewegung höchst bedeutend werden. Meiner Meinung nach sollte solche Kolonisation begünstigt werden. Gewisse Schritte in dieser Richtung lassen ein schnelles Gelingen erwarten. Als Jude muß ich sagen, daß die Schwierigkeiten nicht in der Erlangung der Erlaubnis von seiten der Regierung liegen, sondern viel eher in den Verschiedenheiten, die die sephardischen und